2018 kamen sechs »nd-Babys« zur Welt, auf eins warten wir noch.

Kinder, Kita, Teilzeitwünsche

»nd« schreibt nicht nur über den Babyboom, sondern erlebt ihn selbst / Die Männerquote in der Elternzeit liegt beim »nd« deutlich über dem gesellschaftlichen Durchschnitt

Von Ines Wallrodt

»Die nächsten müssen sich das genehmigen lassen«, flachste ein Kollege in Leitungsfunktion. Die Rede ist von weiteren Babys beim »nd«, die Ressortpläne durcheinanderbringen und die Teilzeitquote steigen lassen könnten. Die Zeitung liegt hier mal voll im Mainstream: Seit fünf Jahren steigt die Geburtenrate in Deutschland; 2016 ging als neues Babyboomjahr in die Statistik ein und auch das »nd« könnte langsam eine Betriebskita gebrauchen.

Die nackten Zahlen klingen erst mal nicht sehr beeindruckend: Je sechs Babys in diesem und im vergangenen Jahr, bei reichlich 100 Beschäftigten, etwa 70 davon in der Redaktion. Aber die Relation macht den Unterschied. Denn mehr als 25 Jahre lang war Nachwuchs in diesem Haus kaum ein Thema, zumindest in der Redaktion. Die Geburtenrate schwankte hier zwischen null und zwei pro Jahr. Doch 2013 setzte der Wandel ein.

Mit detaillierten Betriebsstatistiken kann die Buchhaltung zwar nicht dienen, der Datenschutz verbietet das. Aber die Kollegen kennen die gesetzlichen Vorgaben und Bescheinigungen inzwischen wahrscheinlich besser als der Gesetzgeber selbst. Fehlende Kita-Plätze, Elterngeld, verträgliche Arbeitszeiten, Teilzeitfalle - bei all diesen in den letzten Jahren viel diskutierten Themen schreibt diese Zeitung immer auch ein Stück weit über sich selbst.

»Es wäre falsch, das Thema irgendwie als Problem anzusehen«, sagt Olaf Koppe, langjähriger Geschäftsführer. Schwangerschaften und Elternzeit bedeuten für den Betrieb zwar auch mehr Arbeit und doppelte Lohnkosten im Mutterschutz. »Aber ein Baby ist ja erst mal eine wunderschöne Sache.« Und für ihn zudem ein Zeichen, dass die Mitarbeiter trotz aller Schwierigkeiten des »nd« doch irgendwie Vertrauen in die Zukunft haben.

»Mein Ressortleiter hat sich für mich gefreut«, erinnert sich eine Redakteurin. Nerviger sind Erwartungen danach: Wenn man festlegen muss, bis wann die Elternzeit dauert, lange, bevor das Kind überhaupt geboren ist und noch länger, bevor ein Kitaplatz sicher ist. »Klar, Babys bedeuten mehr Planung und Rumschieben«, sagt Markus Drescher, der einige Jahre stellvertretender und dann Ressortleiter Politik und Wirtschaft war. Vertretungen müssen gefunden werden, eingespielte Arbeitsweisen gehen verloren, und wann die geschätzte Kollegin oder der geschätzte Kollege wirklich wiederkommen, bleibt letztlich unsicher. »Aber das gehört zu einem Leitungsjob eben dazu«, sagt Drescher. Viel mehr zu schaffen gemacht hätten ihm der Umbau der Redaktion, der Generationenwechsel, die unbesetzten Stellen.

So entspannt klangen Ressortleiter im »nd« nicht immer. Bildungsredakteur Jürgen Amendt, der heute das Feuilleton leitet, erinnert sich noch gut an die Reaktionen, als er 2000 als erster Mann ein »Erziehungsjahr« einlegte - lange bevor es »Väter-Monate« gab: »Einige sind im Dreieck gesprungen.« Welten stießen aufeinander: Ost und West, zum einen - Jürgen Amendt stieg für das zweite Lebensjahr seines Sohnes aus dem Job aus - insbesondere von Kolleginnen bekam er deshalb zu hören, in der DDR wären die Kinder längst in die Krippe gegangen. Und später gab es von männlichen Kollegen Spitzen, wenn er sich vor Redaktionsschluss zur Kita verabschiedete. Das hat sich geändert. Hier ist die Sensibilität gewachsen.

Geblieben ist die Tatsache, dass die größte Herausforderung erst nach der Elternzeit beginnt. Wenn die früher »immer einsatzbereiten« Journalisten am Wochenende oder am Abend weniger Termine wahrnehmen können, sie früher los- müssen oder mit dem kranken Kind zu Hause bleiben. Vor einigen Jahren arbeiteten fast alle Mitarbeiter beim »nd« in Vollzeit, also 40 Stunden. Mit kleinen Kindern reduzieren die meisten.

Die Elternzeit der einen bietet für andere die Möglichkeit, in den Job »hineinzurutschen«. »Für mich war das natürlich eine Chance«, sagt Johanna Treblin, die auf diesem Wege zur Zeitung gekommen ist. Auf der anderen Seite steht der Nachteil einer befristeten Stelle. »Man weiß nicht, ob es danach weitergeht.«

Allgemein lässt sich der Anstieg der Geburten darauf zurückführen, dass es momentan viele Frauen »im richtigen Alter« gibt. Die vielen Kinder der ersten Babyboomer, der zwischen 1950 und 1960 Geborenen, bekommen jetzt selbst Kinder, wenn auch nicht so viele wie ihre Eltern. Auch Zuwanderung ist ein Faktor. Und dann gibt es noch nd-Spezifika: Geburtenrate und Generationenwechsel bedingen hier einander. Eine Generation verabschiedet sich gerade in die Rente, die Stellen bekommen zu einem großen Teil junge Menschen, die im Haus ausgebildet wurden. Fast die Hälfte der Redakteure ist jünger als 40 Jahre.

Andernorts würde man an dieser Stelle vielleicht die Formulierung »im gebärfähigen Alter« verwenden. Für das »nd« wäre das irreführend. Denn die Fluktuation in der Belegschaft gibt es nicht allein deshalb, weil der weibliche Teil schwanger wird, sondern auch, weil immer mehr Männer für ihren Nachwuchs aus dem Job aussteigen. Und zwar nicht nur für zwei Monate - bei dieser Quote liegt das »nd« deutlich über dem gesellschaftlichen Durchschnitt. Auch Ressortleiter Markus Drescher ist gerade Vater geworden und nunmehr in Eltern-Teilzeit. Seine letzte Amtshandlung: für sich selbst Nachfolger finden. Den Posten teilen sich nun zwei Redakteure - unter 40, aber mit schon etwas älteren Kindern.

Gut zu wissen

2016 wurden in Deutschland 792 131 Babys geboren. Das waren rund 55 000 oder sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Damit stieg die Zahl der in Deutschland geborenen Kinder das fünfte Jahr in Folge und erreichte wieder das Niveau von 1996. 2017 kamen wieder etwas weniger, nämlich 785 000 Babys zur Welt.

Beim »nd« haben 21 Redakteure und acht Mitarbeiter des Verlags insgesamt 43 Kinder, die noch nicht volljährig sind. Hinzu kommen ungezählte erwachsene Kinder und Enkel von weiteren Kolleginnen und Kollegen.

2017 und 2018 wurden jeweils sechs »nd-Babys« geboren. Ein weiteres wird gleich nach dem Jahreswechsel erwartet. inw