An den ersten drei Donnerstagen vor Weihnachten ziehen »Anklöckler« durch das Salzburger Land und kündigen Christi Geburt an.
Weihnachten

Wie »Stille Nacht« ein Hit wurde

Eine Spurensuche in Österreich.

Von Manfred Lädtke

Armer Josef Mohr. Der Gitarre spielende und singfreudige Salzburger hatte allemal das Zeug zum Gipfelstürmer internationaler Charts. Sein Pech: 1792 kam er für eine Karriere als Superstar 200 Jahre zu früh auf die Welt.

Damals gelingt dem Pfarrer mit »Stille Nacht, heilige Nacht« ein Weihnachtslied, das heute - mehr oder weniger texttreu - Menschen in 150 Sprachen singen. Die Melodie zu Mohrs Strophen fiel einem anderen Österreicher ein. Franz Xaver Gruber war Volksschullehrer, Organist und zusammen mit Mohr einen Winter lang eine Art Lennon/McCartney des 19. Jahrhunderts. Standen deren Musikbühnen zunächst auf der Reeperbahn und in den Beatkellern von Liverpool, wurde der Mohr/Gruber-Song am 24. Dezember 1818 zum ersten Mal in einer Kirche in der verschneiten Bergwelt des Salzburger Landes angestimmt. In Salzburgs Altstadt, wo Mohr in der Steingasse 31 geboren wurde, beginnt jede stimmungsvolle Rundreise zu den Ursprüngen des Weihnachtsliedes in Arnsdorf, Hallein, Mariapfarr, Oberndorf und Wagrain.

Oberndorf, Heiligabend 1818: Es ist klirrend kalt. Niemand würde in dieser eisigen Winternacht sein Haus verlassen, riefen ihn nicht Glocken zur Christmesse. Flackernde Feuer vor der St. Nikolaus Kirche zeichnen Schatten der mit flinken Schritten in das Gotteshaus huschenden Menschen auf den Schnee. Nach der Messe treten Mohr und Gruber noch einmal vor die Gemeinde. Weil die aus den letzten Löchern pfeifende ramponierte Orgel ihren Dienst versagt, hatte sich der Pfarrer an Gruber gewandt: »Ich hab’ da ein Gedicht, mach’ du mal eine Melodie für Gitarrenbegleitung dazu.« Vor einer Krippe schlägt Mohr den ersten Akkord an. Herr Pfarrer singt Tenor, Schulmeister Gruber die Bassstimme. Schulter an Schulter mit wärmenden Kerzen in den Händen stehen die Dorfleute in der kalten, klammen Kirche und lauschen andächtig der Botschaft vom himmlischen Frieden.

Richtig berühmt wird das Lied erst, als 1825 ein Tiroler Orgelbauer das Meisterstück mit ins Zillertal nimmt. »Ei schoans Liad«, urteilte damals auch die »Tiroler Sängergesellschaft«. Sie erweiterte ihr Repertoire mit der hitverdächtigen Komposition und sang sie als »Tiroler Volkslied« auf Konzerttourneen in Europa und Übersee. Ende des 19. Jahrhunderts ist »Silent Night!« bereits in den USA und in Afrika zu hören - wenn auch oft in verkitschten Bearbeitungen.

»Bis zu der heute bekannten Melodie sind immer wieder mal ein paar Noten etwas umgeschrieben worden«, bestätigt Max Gurtner. In Arnsdorf ist Gurtner »Hausherr« der als Museum eingerichteten einstigen Wohnung von Franz Xaver Gruber. Vom Flur führt eine Holztreppe ins Erdgeschoss zu Österreichs ältester einklassiger Schule. Kinder zeichnen Bilder zu einer Adventsgeschichte. Vor der Tür hängen an einer Kleiderwand brav geordnet Mäntelchen und putzige bunte Filzhüte. So hat es hier schon zu Grubers und Mohrs Zeit ausgesehen. Das museale Lehrerpult steht immer noch auf festen Holzbeinen, und die Lernwerkzeuge sind fast so alt wie die Schulprotokolle oben im Museum.

Der Wechsel von Arnsdorf nach Hallein gestattete Gruber ein finanziell ertragreicheres und musikalisch kreativeres Leben. In der Pfarrkirche am Rande der winkligen mittelalterlichen Altstadt verfasste er als Chorregent und Organist kirchliche Kompositionen. Nur einen Schneeballwurf entfernt steht zum »Stille Nacht Museum« umgebaut sein ehemaliges Wohnhaus. Zwischen Schaustücken bürgerlicher Wohnkultur und Noten fällt der Blick auf ein Instrument. Ist das die Gitarre von Josef Mohr? »Joa, scho!«, versichert die Museumsdame. Beweise gebe es dafür aber nicht.

Für Pfarrer Rohmoser bedarf es keiner Beweise. In der Kirche in Mariapfarr öffnet der Mann des Glaubens die Tür zu einer Kammer. In dem kargen Stübchen soll seinem »Vorgänger« die »Stille Nacht« aus der Feder geflossen sein, bevor er nach Oberndorf ging. Dann zeigt der Pfarrer auf ein Altarbild mit dem Jesuskind als blondgelocktem Knaben.

Rohmoser ist überzeugt: Diese Szene hat Mohr zu seinem heiligen Wiegenlied inspiriert. »Wie er suche auch ich oft die Stille. Wenn ich an seinem Grab stehe ist das, als begegne ich einem Freund«, gesteht der Pfarrer. Mohr starb 1848 im Alter von 56 Jahren an Lungenlähmung. In Wagrain, gegenüber der zehn Jahre vorher von ihm gebauten Schule, befindet sich sein Grab. Er ging so arm, wie er gekommen war.

An Stelle der Nikolaus-Kirche steht seit 1937 auf einem Trümmerhügel eine einfache kleine Kapelle mit großer Anziehungskraft. Zur Weihnachtszeit werden auch dieses Jahr Besucher aus Europa und Übersee zu der in feierliches Licht getauchten Gedenkstätte kommen und für einen Moment in dem stillen Raum verweilen, der für gerade einmal 30 Personen Platz bietet. Draußen vor der Tür zaubert der Frost wieder Glasdeckel auf die Pfützen und vom Weihnachtsmarkt vor dem Stadtmuseum weht der Duft von Punsch und Maronen herüber. Und wie an jedem Heiligen Abend werden wieder zwei Sänger vor Tausenden von Menschen das Evergreen der zwei frommen Komponisten singen, die sich in ihrem ganzen Leben nur zweimal gesehen haben.