Obdachlosigkeit

Die Verjagten von Berlin

Obdachlose an der Rummelsburger Bucht kämpfen um eine der letzten Freiflächen

Von Marie Frank

Es ist eiskalt und dunkel in diesen Tagen in Berlin. Während die meisten so schnell wie möglich in ihre Wohnungen oder Häuser gehen, um sich aufzuwärmen, bleibt vielen Obdachlosen lediglich die Straße. Zwar öffnen im Winter die Einrichtungen der Kältehilfe, jedoch nur für die Nacht, am nächsten Morgen werden die Menschen wieder in die eisigen Temperaturen entlassen. 1200 dieser Plätze gibt es in diesem Jahr in der Hauptstadt - bei geschätzt bis zu 10 000 Obdachlosen. Dass die Schlafplätze nicht voll belegt sind, liegt auch daran, dass dort Alkohol und Drogen verboten sind und auch Hunde nur in den seltensten Fällen mitgenommen werden dürfen. Viele bleiben da lieber auf der Straße.

Die Obdachlosen an der Rummelsburger Bucht haben zumindest ein kleines Zelt. Läuft man über die 30 000 Quadratmeter große Brache unweit des Ostkreuzes, findet man so einige dieser behelfsmäßigen Behausungen, meist in kleinen oder auch größeren Gruppen angeordnet. Rund 100 Menschen leben hier laut dem Streetworker-Verein Gangway auf mehrere Camps verteilt. Das größte von ihnen besteht aus Roma-Familien aus Südosteuropa, hier sind einige Zelte sogar mit Holz verstärkt und teilweise gedämmt. Die Kälte ist jedoch nicht der einzige Feind der Obdachlosen: Im Freien sind sie großen Gefahren ausgesetzt und müssen nicht nur um ihr weniges Hab und Gut, sondern auch um ihr Leben fürchten. Schon mehrere Male wurden in Berlin schlafende Obdachlose angezündet.

Auch die 23-jährige Trotzi lebt hier. »Ich habe zwei Schlafsäcke, und mit meinen zwei Hunden wird es schnell warm in meinem Mini-Zelt«, behauptet sie. Seit zehn Jahren wohnt die junge Frau mit den dunkelblonden kurzen Haaren und zwei markanten Wangenpiercings bereits auf der Straße. Vor drei Monaten stieß sie zum Camp an der Rummelsburger Bucht, in der Hoffnung, hier einen Schlafplatz, eine »Platte«, für den Winter zu finden. »Mittlerweile wird man gleich weggejagt. Und die wenigen Platten, wo man noch unterkommen kann, sind schon besetzt«, erzählt sie. Ihr Zeltnachbar Illi nickt zustimmend, für den 27-Jährigen ist es schon die fünfte Platte in diesem Jahr. »Wir werden ja gezwungen, so zu leben, weil es keinen bezahlbaren Wohnraum gibt«, klagt er.

Auch Micha wurde bereits oft vertrieben, das letzte Mal ist erst ein paar Tage her. Nur mit Mühe habe er das Wenige, was er besitzt, retten können, erzählt er. Seit über fünf Jahren lebt der 60-Jährige mittlerweile auf der Straße. Dass er jemals dort landen würde, hätte er nie gedacht. Micha hatte eine feste Arbeit, eine Familie - stabile Verhältnisse, könnte man meinen. Doch dann ging es nach und nach bergab. Eines Tages warf ihn seine Frau aus ihrer gemeinsamen Wohnung. »Ich habe getrunken«, erzählt er sichtlich peinlich berührt. Zwar fand er eine neue Bleibe, doch als die Mietzahlungen ausblieben, wurde er auch dort rausgeschmissen. »Ich kann nicht so gut mit Papieren«, sagt er mit leiser Stimme. »Ich war nicht in der Lage, einen Überweisungsschein für meine Miete auszufüllen.«

Manchmal sind es solche Kleinigkeiten, die Menschen zum Straucheln bringen. Micha landete auf der Straße, zur Arbeit ging er bis vor einem Dreivierteljahr trotzdem noch regelmäßig. »Ich konnte das vor meinen Kollegen verheimlichen«, sagt er und zwinkert hinter seiner schmalen Brille. Nur seine Tochter weiß Bescheid. »Sie findet es nicht schön, wie ich lebe, aber sie akzeptiert es.« Hilfe will er von ihr jedoch keine annehmen, er will es alleine schaffen, sagt er.

Für die meisten Obdachlosen ist das jedoch gar nicht so einfach. »Wenn man einmal raus ist, kommt man schwer wieder in das System rein«, sagt Manja Piotrowski von Gangway, die seit zwei Jahren als Streetworkerin an der Rummelsburger Bucht arbeitet. Allein einen Antrag zu stellen, würde viele schon überfordern. »Die haben keinen Computer, kein Geld für ein Passbild, geschweige denn für die Fahrkarte zum Amt.« Und selbst wenn: Sobald sie durch Betteln oder Pfandsammeln genug Geld zusammenhaben, wird es ihnen gleich wieder geklaut, und das Ganze geht wieder von vorne los, weiß Piotrowski aus Erfahrung. Gangway alleine könne da kaum etwas ausrichten, lediglich zwölf Straßensozialarbeiter*innen haben sie für ganz Berlin, viel zu wenige. »Wir kleben nur Pflaster auf die Stellen, die wehtun«, sagt sie resigniert.

Micha hofft trotzdem, eines Tages den Sprung zurück in ein geregeltes Leben mit eigener Wohnung zu schaffen. »Ich will irgendwann wieder Mensch sein«, sagt er. Vorher kämpft er jedoch erst einmal um sein Zelt an der Rummelsburger Bucht. Denn auch hier sollen er und die anderen wieder vertrieben werden: Vor einer Woche haben die Obdachlosen erfahren, dass ihre Camps geräumt werden sollen. Seitdem streiten sie dafür, dass sie bleiben können - mit Erfolg. Solange keine Lösung für eine Unterkunft gefunden ist, mindestens aber über Weihnachten und Silvester, sollen sie dort bleiben dürfen, wurde ihnen zugesichert. Die Politik arbeitet an einer Lösung für die Betroffenen. Wie die aussehen könnte, weiß derzeit noch niemand. Schwierig wird es vor allem bei dem Roma-Camp, denn Menschen, die keinen Anspruch auf Leistungen haben, werden vom Staat auch nicht untergebracht, was bei EU-Ausländer*innen meistens der Fall ist.

Doch auch für die deutschen Obdachlosen gibt es keine einfachen Lösungen. Denn in ein Wohnheim will hier niemand. Zu voll, zu laut, zu gefährlich, heißt es. Und da ist es wieder, das Problem mit dem Verbot von Alkohol, Drogen und Hunden, die für viele den einzigen zuverlässigen sozialen Kontakt darstellen. »Ich würde niemals meinen Hund abgeben, da würde ich lieber erfrieren«, sagt die kleine Trotzi. Am liebsten würden sie alle bleiben. Oder noch besser: selbstbestimmt leben, in einer eigenen Wohnung.