Fußball-Torwart

»Siege sind für Loser«

Tor und Wart: Was macht der Fußball-Keeper, wenn das Spiel verloren geht? Ein Gespräch mit Hannes Köhler und Andreas Merkel

Von Frank Willmann

Was macht der Torwart, wenn seine Mannschaft hinten liegt?

Hannes Köhler: Hoffentlich die Mannschaft direkt anfeuern. Und durch Kommandos wieder Ordnung ins Spiel bringen. Die Köpfe müssen wieder hoch gehen. Ich kann dann auch mal laut werden, versuche aber positiv zu bleiben. Wenn ein Gegentor richtig ärgerlich ist, bekommt meistens der Pfosten einen Tritt ab.

Andreas Merkel: Ich scheiße meine Vorderleute zusammen, dann mich selbst. Danach werde ich aber sofort wieder positiv: Leute, flüstere ich ihnen zu, ist doch alles nur ein Spiel. Ist doch alles ganz egal, in sechzig Jahren sind wir tot.

Wie demütigend sind Niederlagen?

Merkel: Als Anhänger der alten Toni-Schumacher-Schule geht man in den Keller und drischt auf einen Sandsack ein, bis die Hände blutig sind. Danach kommt man wieder hoch, macht sich Kaffee, führt gute Gespräche mit der Frau, liest ein Buch.

Köhler: Wenn es ein gutes Spiel war und knapp zuging, kann ich kurz nach dem Abpfiff meist schon gut damit umgehen. Wenn ich aber viele Tore kassiere und das Gefühl habe, von meiner Mannschaft alleingelassen zu werden, sieht das anders aus. Und wenn ein Spiel von meiner Seite ganz schlimm war, entschuldige ich mich bei der Mannschaft in der Kabine. Manche falsche Entscheidung beschäftigt mich noch ein paar Tage.

Wie steht es um die Banalität des Siegens?

Köhler: Dass Siege banal sind, sieht sicher kaum ein Fußballer so, gerade wenn sie nicht alltäglich sind. Ich bin 1999 mit meiner Schulmannschaft Hamburger Meister geworden. Ich begann das Finalspiel mit einem furchtbaren Patzer, habe das Spiel aber in der zweiten Halbzeit in einigen 1:1-Situationen für mein Team retten können. Am Ende reckten wir den Pokal in die Höhe. Das ist ein Spiel, an das ich mich immer noch gut erinnere.

Was beschäftigt Sie mehr, Siege oder Niederlagen?

Köhler: Siege. Ich gewinne gern. Niederlagen versuche ich schnell zu vergessen.

Merkel: Siege sind für Loser. Die hakst du nach zwei Sekunden beim Aftershow-Bier ab. Niederlagen dagegen beschäftigen dich wochenlang. Niederlagen formen dich. Niederlagen sagen dir, wer du bist, sagt Bushido.

Ein Torwart steht allein in seinem großen Tor, ist das eine Last?

Merkel: Der Begriff »großes Tor« ist mir zu lyrisch für das, was ich fühle, wenn ich drinstehe.

Köhler: Ich mag es gern; man steht als Torwart im Fokus, man ist ein extrem wichtiger Teil der Mannschaft. Und wenn man mit seiner Abwehr gut harmoniert, ist auch die Last nicht zu groß.

Fühlen Sie sich nie allein?

Merkel: Als Autor fühlt man sich immer allein. Da ist das Alleinsein im Tor die reine Erholung.

Haben Sie bestimmte Rituale vor jedem Spiel?

Merkel: Ja. Aber die sind Teil meiner Einsamkeit.

Köhler: Ich trete immer mit der Sohle gegen beide Pfosten, was aber vor allem zum Aufbau der Konzentration dient; Tor abschreiten, treten, Fokus. Bei einem Elfmeter schlage ich vorher einmal gegen die Latte, was aber selten hilft.

Fließt die Torwartexistenz in das literarisches Werk ein?

Merkel: Natürlich. Das ist ja die literarischste Position überhaupt. Der Typ, der die Pille in die Hand nehmen darf. Das hat etwas Perverses, Auserwähltes, Nicht-richtig-mitspielen-Dürfendes, was dem Schreiben voll in die Karten spielt. So Schmetterlingsfänger-Existenzen wie Nabokov und Camus, das will ich auch sein.

Köhler: Bei mir bisher nicht. Ich versuche aber, in jedem meiner Romane eine winzige Werder-Anekdote einzubauen. (Im aktuellen auf Seite 226). Ich habe wenig gute Fußballbücher gelesen und schrecke davor zurück, nur ein weiteres schlechtes Fußballbuch zu schreiben.

Führen Sie Tagebuch über die Spiele? Eine Strichliste?

Köhler: Um Gottes Willen, nein!

Merkel: Großer Fehler, Hannes. Das Tagebuch ist überhaupt das Torwart-Genre schlechthin. Aber natürlich ohne Strichliste. »Tagebuch des Torwarts« melde ich hiermit zum Titelschutz an.

Warum spielt Manuel Neuer derzeit so drittklassig?

Köhler: Ich glaube, drittklassig spielt er gar nicht. Er ist nicht in Form und ihm fehlt die Sicherheit. Und die ist für einen Torwart einfach enorm wichtig. Ich habe das, gerade aus der Torwartperspektive, schon bei der WM als unmöglich empfunden, dass er dort nach seiner langen Verletzung sofort gespielt hat. Er machte zwar keinen großen Fehler, doch er strahlte auch keine Ruhe aus.

Merkel: Neuer ist Gott. Und seit Friedrich Netzer wissen wir, dass Gott tot ist. Neuer hat das Torwartspiel mit seiner Leichtfüßigkeit und seinen Handball-Moves auf ein neues Level gehievt. Er spielt Torwart ähnlich wie Federer Tennis. Natürlich ist er auch ein kompletter Psycho - das ist der Preis dieser Hellwachheit. Das ständige Armheben und hektische Reklamieren - »Abseits, Abseits, Schiri!« - als erster Reflex auf jedes Gegentor. Kann er sich schenken. Meine Freunde nennen ihn Jimi Blue, wegen der Gesichtsähnlichkeit. Und seine Tragik ist natürlich immer schon, dass er beim falschen Verein ist: Erst scheiß Schalke, jetzt Bayern. Dort kriegt er einfach zu wenig auf die Hütte, und von dem Wenigen ist dann zu viel drin. Das ist jetzt die Kurzform einer tiefen Analyse. Da ich gehört habe, dass er auch Tennis spielt, würde ich ihn gern mal im Tennis schlagen.

Welche tragische Torwartgestalt schenkt uns die Fußballgeschichte allgemein?

Köhler: Als Werderfan fällt mir sofort die Tim-Wiese-Rolle ein. Werder stand im März 2006 zwei Minuten vorm Einzug ins Viertelfinale der Champions. Wiese fängt eine harmlose Flanke sicher, könnte den Ball abschlagen, entscheidet sich aber, noch eine elegante Rolle hinzulegen. Der Ball rutscht aus der Hand, das Gegentor fällt, und Tim Wiese hindert die vielleicht beste Bremer Mannschaft aller Zeiten daran, ins Viertelfinale einzuziehen. Wiese als Kunstfigur eignet sich leider nicht als tragischer Held. Aber für mich der gravierendste Torwartfehler, weil er mich emotional sehr mitgenommen hat.

Merkel: Hier muss ich leider kurz grundsätzlich werden: Der Fußball schenkt uns nichts, wenn er Geschichte ist. Fußball ist reine Gegenwart. Fußballgeschichte ist der »FAZ«-Sportteil von gestern.

Sollen unsere Kinder Torwarte werden?

Köhler: Lieber als Stürmerstars, ja.

Merkel: Auf gar keinen Fall. Torwart als Kind heißt ja dick und einsam sein.

Sind Torwarte die besseren Menschen?

Köhler: Sicher nicht. Sie sind Verrückte, wie alle anderen auch, aber ihre Verrücktheit ist eine sehr spezielle.

Merkel: Es gibt keine besseren Menschen, schon gar nicht auf dem Fußballplatz. Aber es gibt bessere Menschenkenntnis, gerade auf dem Fußballplatz.