EinGEPENDELT

Pendel-Sinn und Sinnlichkeit

Über Freuden und Ärgernisse des Pendelverkehrs

Von Stephan Fischer

Natürlich war Knoblauch auf dem Sandwich. Viel Knoblauch. Damit die Weisheit vom Unglück, das selten allein kommt, gefälligst im gesellschaftlichen Gedächtnis verhaftet bleibt, muss sie sich ab und zu auch in der Realität als Nichtgefallen beweisen. Das Pendlerschicksal hatte sich an diesem Morgen einen jungen Mann als Verbreiter dieser Weisheit ausgesucht. Wobei Unglück vielleicht ein zu harscher Begriff ist. Jedenfalls vereinte jener besagte junge Mann, der zu allem Überdruss nun auch noch zu speisen begann, ziemlich viele Unannehmlichkeiten für die anderen Fahrgäste im morgendlich schläfrigen Großraumabteil des Intercitys in seinem Verhalten beziehungsweise Nichtverhalten. Recht verhalten schien jedenfalls sein Verhältnis zur Waschmaschine, ging man nach dem Geruch seiner Kleidung. Leider haben unangenehme Gerüche die unangenehme Eigenschaft, sich nicht zu neutralisieren, sondern sich im Gegenteil quasi aufzumultiplizieren. So waren dann die nicht schalldichten Kopfhörer, aus denen leise, aber nervtötend unüberhörbar »Itz-itz-itz« itzte, gar nicht mehr nötig, um sich olfaktorisch und akustisch einen großen Freiraum im Abteil zu erwirken.

Aber neben solchen, recht selten vorkommenden Ärgernissen, kann das Pendeln auch schöne, sinnliche Erfahrungen bieten. Zum Beispiel mit jenen Dingen, die man nicht hört - Bremsen nämlich. Die Zeiten, in denen sich ein Großteil der Fahrgäste am Bahnsteig bei Einfahrt des Zuges die Ohren zuhalten musste, sind vorbei. Eine scharfe Bremsung erkennt man heute nur noch am Geruch des Abriebs des Bremsbelags - ein metallisches Odeur, das in einer schwächeren Nebennote an jene verlorene Zeit erinnert, als die Lokomotiven noch mit Kohle befeuert wurden und die Kondukteure nicht gleichzeitig Kaffeeverkäufer im Zug waren.

Damals flogen bei scharfem Bremsen auch noch keine Plaste-Kaffeebecher auf jenen Fahrgast, der dem Fahrtziel näher saß. Aber verlorene Zeiten soll man nicht suchen, man findet sie ja schnell bei Proust oder im Verspätungsalarm. Leider meist zu spät, denn dass ein Zug verspätet ist, hat man meist in jenem Moment bemerkt, in dem er verspätet ist. Es ist halt, wie es ist, und die Bahn hat ja auch Schönes zu vermelden. Auf das sie so richtig stolz ist. Nicht überschwänglich, aber doch in leicht gehobener Stimmung. Nicht Lob erheischen wollend, aber doch wie ein leichter Knuff in die Seite, der dem Hörenden sagen soll: »Na, wie wir das wieder hingekriegt haben, oder?« Genau in jener Tonlage kündet nämlich eine weibliche Stimme vom Umstand, dass ein Anschlusszug am selben Bahnsteig hält: »Direkt gegenüber«, das gesprochene Satzzeichen liegt zwischen Punkt und Ausrufezeichen. Hach, wie die Bahn das hingekriegt hat! Weltniveau. Auf jenem liegen auch die englischen Zielansagen, die Züge nach »Börlin«, »Hämbörg« oder »Dräsdn Mäen Sdeeschn« abfahren lassen. Der diabolische Dreh liegt darin, jenen Reisenden, die nach Börlin, Hämbörg oder Dräsdn wollen und deren Muttersprache nicht Deutsch ist, erst akustisch in Sicherheit zu wiegen, um sie dann optisch final zu verwirren: Indem man jenes Display, das Platzreservierungen zeigen soll, rot aufleuchten lässt: »GGF. FREIGEGEBEN«. Und jedem, der ohne Knoblauchsandwich reist, erkläre ich gerne, welchen Sinn das denn nun wieder hat.