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Lieber privater Leerstand als Obdachlosenunterkunft

Aktivisten besetzten am vergangenen Samstag ein Ladenlokal in Berlin-Neukölln, die Polizei beendete die Aktion nach einigen Stunden

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 4 Min.

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Zwei hell erleuchtete Fenster, dahinter ein Sofa, zwei Betten. Auf dem Fensterbrett Teller mit Plätzchen, in der Tür ein Weihnachtsbaum mit Lichterkette. Warmes Licht. Es sieht einladend aus, doch, eine Kette ist in den Türrahmen gespannt. Darunter ein Schild: »Ja, dieses Wohnzimmer scheint zum Greifen nahe … Leider handelt es sich um Privateigentum, das heißt, man kann bestraft werden, wenn man reingeht.«

Kurz vor Weihnachten wurde am vergangenen Samstag in Berlin erneut Leerstand besetzt. Es ist ein ehemaliges Ladenlokal, in bunten Lettern ist das Wort »Holzkohlen« an der Hauswand angebracht. Zu lesen ist nun, in ebenso bunten Buchstaben, »Solidarität statt Holzkohlen«. Der Laden liegt in der Wipperstraße 5 in Berlin-Neukölln und soll seit mehr als 20 Jahren leerstehen.

Eine »Gruppe solidarischer Nachbarn« hatte eine bessere Idee, erzählt Kyra, Sprecherin der Besetzer, die lediglich einen Vornamen nennen wollte. »So viele Räume stehen leer, so viele Menschen leben auf der Straße.« Im ehemaligen Holzkohleladen in der Wipperstraße wollten sie deshalb eine Notunterkunft für Obdachlose einrichten.

»Solidarische Aktion Richardkiez« nennt sich die Gruppe nach dem nahe gelegenen Richardplatz. »Wir haben uns inspirieren lassen von besetzenberlin«, sagt Kyra. Unter dem Hashtag hatten Aktivisten im Frühjahr und Herbst mehrere Häuser, Wohnungen sowie den Google-Campus in Berlin besetzt. Alle Besetzungen wurden noch am selben Tag beendet. Lediglich in der Großbeerenstraße in Kreuzberg einigten sich die Besetzer mit einem katholischen Unternehmen auf eine Zwischennutzung (»nd« berichtete).

Aktive und Unterstützer richten sich in der Wipperstraße am Samstagnachmittag gegen 16 Uhr vor dem Haus ein. Sie bauen einen kleinen Tisch auf, es gibt Suppe aus der Gulaschkanone, Plätzchen, dazu Popmusik. »Ins Haus rein gehen wir nicht, bis wir das Go von Polizei oder Eigentümer bekommen, dass wir straffrei dort bleiben können«, sagt Kyra. Dann kommen nach einiger Zeit eine Gruppe, die dem Anschein nach Zivilpolizisten sind. Sie stehen, schauen und warten. Musiker bauen derweil ein Schlagzeug auf, packen eine Gitarre aus, bauen Boxen und ein Mikrophon auf. Es gibt Live-Musik.

Neben den etwa 50 Besetzern und Unterstützern beobachten auch ein paar Politiker und Abgeordnete die Szenerie. Jochen Biedermann, Stadtrat für Stadtentwicklung in Neukölln, sagt dem »nd«: »Langer Leerstand ist ein Problem, das teile ich.« Gutheißen könne er die Besetzung aber nicht. »Man muss versuchen, mit bestehenden Gesetzen und Regelungen etwas gegen den Leerstand zu machen.« Selbst wenn der Eigentümer seine Zustimmung geben sollte, dass hier eine Obdachlosenunterkunft eingerichtet wird, müsse zunächst geprüft werden, ob sich die Räume dafür eignen, um dies auch offiziell umsetzen zu können, gibt er zu bedenken.

Der Eigentümer ist bekannt. Ihm gehört wohl auch ein Haus in der Weisestraße 47, das 2012 wegen Leerstands besetzt worden war und erst kürzlich von Grund auf saniert wurde. Der Immobilienunternehmer soll auch an anderen Orten Häuser besitzen.

Michael B., ein Bewohner des Hauses, sagt: Er könne den Leerstand für die letzten drei Jahre bestätigen. Im Vorderhaus gebe es außer ihm nur noch zwei weitere Mieter, erzählt er. Er selbst sei »umgesiedelt« worden, zuvor wohnte er in eben jener Weisestraße 47 - bis dort saniert wurde. Vergleichsweise wenig zahlt er für seine rund 40-Quadratmeter-Wohnung: 200 Euro. Er hat einen Kohleofen, ein Bad mit Tapete, die schimmele, und aus seiner Sicht überteuerte Betriebskosten. Mehrfach habe ihm der Eigentümer eine Alternativwohnung angeboten: für fast das Dreifache seiner jetzigen Miete. Das könne er sich aber nicht leisten.

Gegen 17.30 Uhr kommen dann doch uniformierte Polizisten und bauen sich vor der Eingangstür zum Ladenlokal auf. Erst werfen sie nur Blicke hinein, dann hängen sie Kette und Schild ab und gehen hinein. Die Band spielt weiter. Dann passiert etwas bei solchen Aktionen ungewöhnliches: Die Spurensicherung taucht auf. Eine Frau fotografiert Details, nimmt Proben mit einem Wattestäbchen von allen Türgriffen. Die Einsatzleitung versucht derweil, den Eigentümer zu erreichen - vergeblich.

Die Besetzer melden eine Kundgebung an. Es wird immer kälter. Die Zahl der Unterstützer vor dem Haus nimmt langsam ab. Die Band packt ein. Auch die anderen mitgebrachten Gegenstände werden Stück für Stück zusammengeräumt, die Suppe abgeräumt, der Tisch zusammengeklappt, die Transparente abgenommen.

Gegen 19.30 verkündet die Solidarische Aktion Richardkiez auf Twitter: »Kundgebung ist aufgelöst und der Holzkohleladen muss weiter leerstehen. Für obdachlose Menschen wäre es hier möglich gewesen selbstbestimmt zu wohnen. Aber in unserer Gesellschaft ist Eigentum mehr Wert als unsere Bedürfnisse und der Staat sorgt dafür, dass es so bleibt«.

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