Tod im Asyl

An Weihnachten 1911 starben in einem Obdachlosenheim 70 Menschen, die »Reservearmee des Kapitals« (Marx)

  • Von Simone Barrientos und Karsten Krampitz
  • Lesedauer: ca. 6.5 Min.

Weihnachten 1911 in Berlin. »Unsere Reichshauptstadt ist in ihrer Feiertagsstimmung grausam gestört worden«, schrieb Rosa Luxemburg in der »Gleichheit«, der von Clara Zetkin herausgegebenen Frauenzeitschrift. Eben noch hätten fromme Gemüter das »O du fröhliche« angestimmt, »o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!«, als sich die Nachricht verbreitete, im städtischen Asyl für Obdachlose sei es zu einer Massenvergiftung gekommen. Alte und Junge seien ihr zum Opfer gefallen: der Handlungsgehilfe Joseph Geihe, 21 Jahre alt; der Arbeiter Karl Melchior, 47 Jahre alt; Lucian Szczyptierowski, 65 Jahre alt … und so fort - jeden Tag kämen neue Listen der vergifteten Obdachlosen hinzu. »Bevor das neue Jahr mit Glockengeläute eingezogen war, wanden sich anderthalbhundert Obdachlose in Todesschmerzen, hatten siebzig das Zeitliche gesegnet.«

Seit Didier Eribons »Rückkehr nach Reims« diskutieren wir wieder über die zunehmende Entfremdung der Link...


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