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Die Krone der Schöpfung

Christoph Ruf sieht den Fußball in der Rolle des unbeliebten Strebers und wünscht sich mehr Differenzierung

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Irgendwie ist der Fußball ja wie der Klassenstreber, den keiner mag: Immer dann, wenn alle ihren Gedanken nachhängen und anfangen, selig wegzudämmern, schnippt er mit den Fingern und bettelt um Aufmerksamkeit. Soll doch bloß keiner vergessen, dass die Krone der Schöpfung auch noch da ist. In diesem Jahr hat der Bundesligafußball bis zum 23.12. um kurz vor 20 Uhr um Aufmerksamkeit gebuhlt. Hoffenheim gegen Mainz stand um 18 Uhr noch auf dem Programm. Wer meint, so ein Spiel live übertragen zu müssen, hat als Streber sicher zusätzlich noch ein paar der Syndrome, die die Psychologen heutigen Schülern im Dutzend billiger anpappen.

Hyperaktiv und verhaltensauffällig haben sich zuletzt auch wieder einige Politiker gebärdet. Die in dieser Hinsicht als besonders schwer resozialisierbar geltende Spezies der Landesinnenminister diskutierte tatsächlich Haftstrafen ohne Bewährung für das schwere Vergehen »Bengalfackel.« In der »Süddeutschen Zeitung« las man derweil in der vergangenen Woche eine sehr aufschlussreiche Seite Drei zum Thema Polizeigewalt. Opfer waren in den zitierten Fällen keine Fußballfans, sondern ältere, grundbürgerliche Menschen aus Nordrhein-Westfalen. Die Anzeigen gegen die grundlos prügelnden Polizisten wurden allesamt vor Gericht nicht weiterverfolgt. Staatsanwälte und Richter glauben eben eher der Polizei als irgendwelchen dahergelaufenen Opfern, unabhängige Instanzen, die in Sachen Polizeigewalt ermitteln, gibt es nicht. All das beklagen Fußballfans seit Jahren, geglaubt hat ihnen selten jemand. Schön wäre es, wenn sich das mal ändert,

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass einige Ultragruppen die gleiche Selbstgerechtigkeit an den Tag legen, die sie an ihren Kritikern nervt. Man muss es schon glauben wollen, dass Rostocker Fanbusse »falsch abbiegen«, um zufällig vor der gegnerischen Fankurve zu landen, wo es dann noch zufälliger zu üblen Hauereien kommt. Man kann es aber auch sein lassen. Schön wäre es also auch, wenn einige Ultras begreifen würden, dass sie sich mit dem Hintern das einreißen, was sie mit den Händen aufbauen. Die Rede ist hier von Bussen, die falsch abbiegen. Und von selten dämlichen Transparenten, wie sie Dresdener Fans beim Auswärtsspiel auf St. Pauli präsentierten.

So schwer es im Zeitalter der Filterblasen auch fällt, man muss wohl schlicht und einfach differenzieren. So wahr es ist, dass viele Polizisten empört sind über die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen, so sehr gilt das für die Fanseite. DEN Polizisten gibt es genauso wenig wie DEN Journalisten oder DEN Ultra. Manche prügeln, manche nicht. Und nicht jeder ist Claas Relotius.

Womit wir ganz schnell einen Sprung von Hamburg nach Franken machen sollten. Der dortige FCN ist ein so genannter Traditionsverein, und wer im Fränkischen nicht merkt, was das heißt, hat von Fußball so wenig verstanden, dass er seinen Kindern ein Paris-St-Germain-Trikot unter den Weihnachtsbaum packen kann. Am Sonnabend hat der liebevoll »Glubb« genannte Verein jedenfalls gegen Freiburg verloren, und wohl jeder im Stadion hatte danach das sehr sichere Gefühl, dass diese Mannschaft mit ihren elf Punkten aus 17 Spielen wieder absteigen wird. Doch während im Rest des Stadions lähmendes Entsetzen herrschte und bereits während des Spiels viele Zuschauer gepfiffen hatten, zeigte die eigentliche Fankurve eine ganz andere Reaktion: Als die Spieler auf sie zukamen, jubelten und applaudierten sie. Nur um dann die geknickten Spieler per Megaphon auf die Rückrunde einzuschwören. Tenor: So lange ihr alles gebt, tun wir das auch. Wer danach als Journalist mit den Spielern sprach, merkte schnell, dass die Geste Spuren hinterlassen hatte. Fans sind nämlich eher Menschen, die erkennen, wo die Grenzen ihrer Mannschaft sind als solche, die wie im Alten Rom den Daumen senken, wenn einem 19-Jährigen ein Fehlpass unterläuft.

Das Spiel war dann übrigens irgendwann zu Ende, doch hinter der Nordkurve ging es weiter. Die aktive Fanszene, also die Fans, die mit der Dauerkarte in der Kurve stehen und wie selbstverständlich auch unter der Woche zum Pokalspiel nach Rostock fahren, hatten sich in den Wochen zuvor mächtig ins Zeug gelegt. Sie hatten Bier angeschleppt, 40 Kilogramm Pulled Pork zubereitet und 7000 Plätzchen gebacken. Der komplette Erlös geht an diverse soziale und karitative Projekte in Franken. In diesem Sinne: schöne Weihnachten.

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