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Japan verlässt Walfangkommission

Entgegen der Argumentation ihrer Regierung legen die Japaner keinen besonderen Wert darauf, die Meeressäuger zu verspeisen

  • Von Felix Lill
  • Lesedauer: 4 Min.

Japans Regierung hat genug. Nicht reformierbar sei diese Behörde, klagten Regierungsvertreter immer wieder. Die Internationale Walfangkommission (IWC) sei zu einem reaktionären Verbotsverwalter verkommen, klammere sich an alte Zahlen, um ihr seit 32 geltendes Moratorium gegen kommerziellen Walfang aufrechtzuerhalten. Das habe sich zuletzt daran gezeigt, dass Japans Antrag gegen eine Aufhebung des Fangverbots von der Kommission abgelehnt wurde: nur 27 Mitgliedsländer stimmten dafür, 41 waren dagegen. Die japanische Sicht ist deutlich: Mit dieser Ablehnung blockiere die IWC nicht nur eine Anpassung an neue Umstände, sie verrate sogar ihre eigenen Ideale. Schließlich befürworte der Vertag laut Statuten nachhaltigen Walfang.

Am Mittwoch zog Japans Regierung Konsequenzen. Das ostasiatische Land verlässt den internationalen Vertrag, dem es für 67 Jahre angehört hat, ab 2019. Schließlich hätten sich die Populationen einiger Walarten über die letzten Jahre wieder stabilisiert, ein gänzlicher Fangstopp sei daher längst nicht mehr nötig, nur noch politisch motiviert. Japans Verhandlungsführer Hideki Moronuki erklärte: »Bei der letzten Kommissionssitzung haben wir festgestellt, dass der Neustart des Walfangs weder aus wissenschaftlichen noch irgendwelchen anderen Gründen abgelehnt wurde, sondern einfach nur, weil diese Nationen dagegen sind.«

Laut der japanischen Regierung sind es insbesondere Zwergwale, die fortan getrost wieder gefangen werden könnten, ohne dass deren Überleben als Spezies gefährdet wäre. Dabei wurden diese über die letzten Jahre ohnehin gejagt. Seit dem Moratorium ab 1986, das den Walfang zu wissenschaftlichen Zwecken ausgeklammert hatte, stachen japanische Schiffe immer wieder mit der Flagge der Forschung in See und führten so den bisherigen Walfang de facto fort. Was jahrelang von Nichtregierungsorganisationen und mehreren IWC-Mitgliedern kritisiert wurde, erklärte im Frühjahr 2014 auch der Internationale Gerichtshof in Den Haag für rechtswidrig. Die 200 bis 1200 Wale, die jedes Jahr durch japanische Fangprogramme in der Antarktis gefangen wurden, stünden in keinem Verhältnis zu möglichen wissenschaftlichen Erkenntnissen. In Japan wurde dieses Urteil weitgehend ignoriert.

Kaum glaubwürdig war der Vorwand der Wissenschaft spätestens durch eine Äußerung ein Jahr zuvor geworden, als der damalige Fischereiminister Japans, Yoshimasa Hayashi, auch mit Tradition und Lebensmittelautarkie argumentiert hatte. »Japan ist eine Inselnation, gute Proteine aus dem Ozean sind für unsere Versorgungssicherheit sehr wichtig.« Zudem habe das Land »eine lange Tradition und Kultur des Walfangs. In einigen Ländern essen sie Hunde, zum Beispiel Südkorea. In Australien essen sie Kängurus.« Ein Ende der Jagd nach Walen würde es also nie geben, sagte Hayashi damals.

Nun, mit dem Ausstieg aus der IWC, könnten die Fangzahlen wieder stark ansteigen. Im Jahr vor dem Moratorium 1986 hatten japanische Schiffe noch 2600 Tiere eingefangen, danach fielen die Erträge trotz der Kampagne wissenschaftlicher Fänge deutlich. Aber dies war nicht der einzige Grund für eine Abnahme der Beute. Schon lange haben japanische Konsumenten kaum noch Appetit auf das Fleisch. Laut Umfragen hat eine erdrückende Mehrheit aller Japaner in den vergangenen zwölf Monaten kein einziges Mal Walfleisch gegessen. Beliebt war das Fleisch des Meeressäugetiers zuletzt kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als es im Land an anderen Lebensmitteln mangelte. Die Generationen, die später zur Welt kamen, verbinden mit Walfleisch eher Armut als Luxus.

Zwar finden sich auch heute Restaurants in Japan, die Walfleisch roh als »sashimi« oder frittiert als »karaage« anbieten, allerdings sind dies Nischenprodukte. Dies zeigte sich auch in einer Studie der Nichtregierungsorganisation International Fund for Animal Welfare aus dem Jahr 2013, die auf offiziellen Zahlen des japanischen Fischereiministeriums beruhte. Die Untersuchung ergab, dass die politisch gut vernetzte Walfangbranche seit Jahren Verluste machte und maßgeblich von Steuergeldern am Leben gehalten wurde. Während die Zahl der Verbraucher über die Jahre tendenziell gefallen sei, stiegen die Subventionen. Ein Revival von Walfleischkonsum war auch in den Jahren nach dieser Studie nicht zu beobachten.

Wenn in Japan fortan wieder kommerziell gefangen wird, könnten die Kosten für den Steuerzahler damit weiter steigen. Ob dadurch aber wirklich der Appetit für das Fleisch steigt, ist ungewiss. Kaum fraglich ist, dass selbst ohne gestiegene Nachfrage bald wieder mehr Tiere sterben werden. Kommentar Seite 10

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