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»Wie mit einem Schneebesen frisiert«

Beim »Spiegel« reden alle von Redakteur Claas Relotius - doch wer kennt noch das einst beliebte Rennpferd Amrullah?

  • Von Fritz Tietz
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wenn ich Relotius höre, muss ich an Amrullah denken: Ein britisches Rennpferd, das in den 1990er Jahren zu Ruhm kam, weil es von den 74 Races, die es bestritt, nicht eines als Sieger beendete. Eine solche Serie hatte bis dato kein Galopper hingelegt. Und so wurde der Wallach, als ihn sein Besitzer Mr. Thorn 1993 ins Gnadenbrot entließ, nicht nur von der britischen Presse gebührend verabschiedet. Auch das deutsche Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« widmete dem Rekord-Loser einen launigen Nachruf.

Ausgiebig wurden in der Ausgabe 6/1993 Amrullahs »Glanzvolle Niederlagen« (so der Titel des damals namentlich nicht gezeichneten Artikels) und seine »kaum einholbare Spitzenposition unter den Flop-Ten des britischen Galoppwesens« beschmunzelt. So war zu erfahren, dass der Klepper zwar einige Male als erster das Ziel erreicht hatte, nur immer ohne seinen Jockey.

Nicht weniger regelwidrig beendete der Anti-Champion (»die Mähne, fransig und voller Wirbel, wie mit einem Schneebesen frisiert«) ein weiteres Rennen, bei dem er sich für die Abkürzung quer durch den Turf-Innenraum entschied. Und »selbst wenn er schon mit zehn Längen führte, wie vor drei Jahren in Ascot, fand er immer noch eine Möglichkeit, die Verfolger an sich vorbeiziehen zu lassen,« ließ der »Spiegel«-Autor seine Leser wissen, und wusste auch wie: Indem Amrullah auf den letzten Metern des Geläufs lieber Richtung Zuschauertribüne abbog statt weiter geradeaus auf der Siegerstraße zu galoppieren.

Nicht einmal jene Eigenart Amrullahs, während seiner Rennen »gewaltige Winde streichen zu lassen«, blieb unerwähnt. Noch detailgenauer informiert wurden die »Spiegel«-Leser über eine Begegnung des Niederlagenkönigs mit der Queen: »Elizabeth stand kaum vor ihm, da hatte er ihr schon den mit Maßliebchen, Nelken und so etwas wie gefrostetem Beerenobst geschmückten Hut vom Kopf geflippt.« Sehr eingehend auch die Schilderung eines Fluchtversuchs, für den sich Amrullah, »um nur der blöden Rennerei zu entgehen«, bei einem Strandausritt kurzerhand ins Meer gestürzt und sich schwimmend vom Acker zu machen versucht hatte: »Gen Westen, Richtung Amerika,« wie das Pferd dem Mann vom »Spiegel« (das Archiv auf »spiegel.de« weist Henry Glass als Autor aus) offenbar geflüstert hatte. Aber dann: »Amrullah war schon anderthalb Seemeilen von der Küste entfernt, als ihn ein Fischersmann abfing und ins Schlepptau nahm.«

Als Mitarbeiter eines satirischen TV-Magazins, der ich damals war, schwante mir, dass so ein schräger Gaul unbedingt auch ins Witzfernsehen gehörte. Also machte ich mich auf die Suche nach Bewegt-Bildern, insbesondere natürlich nach solchen von Amrullahs Eskapaden. Dass die existierten, daran zweifelte ich keine Sekunde: Ein so berühmtes Biest! Nur eine Frage von wenigen Tagen und ein paar Lizenzgebühren, dann würden mir die Bilder vorliegen. - Denkste.

Es gab einiges, sehr teuer zu erstehendes Footage-Material von ein paar wenigen Rennen mit Amrullah, aber sonst? Die reiterlosen Siege? Die Querfeldeinläufe? Der Tribünensturm? Die Queenattacke? Der Fluchtversuch? Nichts. Ich fragte bei Racing World Video Productions nach, kontaktierte das ARD-Studio in London, rief Addi Furler an, den legendären Pferdesportexperten. Doch niemand konnte mir die Existenz solcher Bilder bestätigen. Geschweige denn, welche liefern. Dann rief ich den im »Spiegel« erwähnten langjährigen Besitzer Amrullahs an. Mr. Thorn aber konnte nur einmal laut lachen, als ich ihm den Grund meines Anrufs nannte. Das mit den 74 sieglosen Rennen stimme. Alles andere aber leider nicht. Er jedenfalls wisse nichts von irgendwelchen Innenraumabkürzungen, Tribünengalopps oder einem Hutraub von der Königin Dez. Auch von einem Ausreißversuch übers Meer sei ihm nichts bekannt.

Thorn bot mir seine sämtlichen Pferderennen-Videos zur leihweisen Verfügung an. Die enthielten, neben viel anderem Zeuchs, alles, was ihm an TV-Aufnahmen von Amrullah untergekommen sei.

Den 15 VHS-Cassetten, die mir ein paar Tage später zugestellt wurden, lag ein formloser Lieferschein bei, auf dem Mr. Thorn handschriftlich vermerkt hatte: »You will need a lot of searching to get the interesting pieces. Please return as soon as possible.« Über Amrullah war kaum wirklich Verwertbares auf den Bändern zu finden. Dafür aber eine solche Menge an seltsamen und komischen Szenen aus dem britischen Pferdesportfernsehen, dass ich nach deren Sichtung nicht anders konnte, als daraus einen ziemlich informativen Viereinhalb-Minüter zu montieren: eine nach allen Regeln des fiktiven Journalismus erstellte Nonsense-Dokumentation über das ebenso britische wie merkwürdige Phänomen der umfallenden Pferde. Und obwohl ich für keines der verwendeten Bilder eine Verwertungserlaubnis angefragt, geschweige denn erteilt bekommen hatte, ging der Film auf Sendung.

Und der »Spiegel?« Obwohl mir die Faktenlage des Amrullah-Artikels nach dem Gespräch mit Mr. Thorn leicht fragwürdig vor kam, fand ich damals keine Zeit (und auch keinen Auftraggeber, der mir das bezahlt hätte), ihr weiter nachzuspüren. Allerdings war es mir seitdem nicht mehr möglich, den »Spiegel« vollends unbefangen zu lesen. Bis ich es irgendwann ganz sein ließ. Es wurde mir einfach zu lästig, bei jeder »Spiegel«-Lektüre zu denken: da sollte man vielleicht mal hinterher recherchieren.

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