Rätsel

Flucht im Bombenschacht

Einer war’s Nr. 245

Von Martin Koch

Der Sohn eines Universitätsprofessors fand schon als Kind Gefallen daran, sich mit Fragen der Naturforschung zu beschäftigen. Seine zweite große Leidenschaft galt dem Sport. Er war ein ausdauernder Schwimmer, lief hervorragend Ski und hütete in einem akademischen Fußballverein das Tor.

Nach dem Abitur studierte er Mathematik und Physik, besuchte an der Universität aber auch Vorlesungen in Philosophie und Astronomie. Bereits als Student bestach er durch seinen scharfen Verstand und erhielt für seine Leistungen mehrere Auszeichnungen. Mit 26 Jahren ging er nach England und machte sich dort mit den neuesten Erkenntnissen der Atomphysik vertraut. Davon ausgehend entwickelte er ein wegweisendes Modell des Mikrokosmos und legte damit einen wichtigen Grundstein zur Quantenmechanik. Ein paar Jahre später erhielt er dafür den Nobelpreis für Physik. In England lernte er auch seine Frau kennen. Gemeinsam mit ihr hatte er sechs Söhne, von denen zwei in jungen Jahren starben.

Nach seiner Rückkehr wurde er in seiner Heimat zum Professor ernannt und übernahm ein neu gegründetes Institut für theoretische Physik in Kopenhagen, das zum Anziehungspunkt für talentierte Wissenschaftler aus aller Welt wurde. Nachdem er mit diesen lange und angestrengt diskutiert hatte, ging er meist ins Kino. Am liebsten schaute er sich Wildwestfilme an, in denen der Held, der nie zuerst den Revolver zog, dennoch das Duell gegen den Schurken gewann. Lange suchte er nach einer Erklärung dafür und wurde schließlich fündig: Da der Held blitzartig aufgrund eines bedingten Reflexes handelt, sobald er die sich bewegende Hand des Schurken wahrnimmt, ist er schneller als dieser. Einige seiner Mitarbeiter bezweifelten das und forderten ihren Chef als »Schurken« mit Spielzeugpistolen zum Duell. »Er hätte uns alle umgelegt«, scherzte George Gamow, ein junger sowjetischer Physiker, der damals am Institut arbeitete.

Nach dem Einmarsch der Nazis in Kopenhagen engagierte sich der von uns Gesuchte im Widerstand und brachte gefährdete Personen in seinem Institut unter. Als ihm die Verhaftung durch die Gestapo drohte, floh er mit seiner Familie nach Schweden. Von hier aus flog er im leeren Bombenschacht einer britischen »Mosquito« weiter nach Schottland. Um ein Haar wäre er dabei erstickt, denn er hatte es versäumt, die Sauerstoffmaske anzulegen. Das eigentliche Ziel seiner Flucht war Los Alamos in den USA. Hier wurde er unter dem Pseudonym »Nicholas Baker« in das Manhattan-Projekt zur Entwicklung der ersten US-Atombombe einbezogen. Er führte hauptsächlich theoretische Berechnungen durch, an der technischen Realisierung der Bombe war er dagegen kaum beteiligt.

Nach Ende des Krieges kehrte er zurück in seine Heimat und wandte sich kraft seiner Autorität gegen das nukleare Wettrüsten der Großmächte. Dafür erhielt als Erster den »Atoms for Peace Award« zur Förderung der friedlichen Anwendung der Atomenergie. Am Ende seines Lebens litt er zunehmend unter Herzbeschwerden, an deren Folgen er mitten im Schlaf starb. Er wurde 77 Jahre alt.

Wer war’s?

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