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Verraten und verkauft

Der US-Abzug aus Syrien könnte zur Tragödie für die syrischen Kurden werden, befürchtet Helin Evrim Sommer

  • Von Helin Evrim Sommer
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Kurden im Norden Syriens versuchen seit Tagen, auf dieser Welt einen Partner zu finden, um ein Massaker an ihnen zu verhindern. Doch weder die Europäische Union noch die Bundesregierung erhören die Hilfeschreie. Kein einziger westlicher Staat hilft den Kurden, obwohl sie dringender denn je Unterstützung brauchen.

US-Präsident Donald Trump hat kurz vor Weihnachten angekündigt, dass er seine Truppen aus dem syrischen Manbidsch zurückziehen wird. Nun könnte man denken, die Weltpolizisten sind nach Afghanistan und Irak nun auch in Syrien mit ihrer Regime-Change-Politik gescheitert. Ja, das sind sie. Für einige Bundespolitiker mag das eine Genugtuung sein. Sie hatten wieder einmal Recht. Doch wer hier Siegesfreude verstrahlt, auch wer nur selbstzufrieden grinst, hat keinen Schimmer von der Politik im Nahen Osten oder ist vor Antiamerikanismus erblindet.

Es gibt keinen Grund zur Freude, nicht den geringsten. Denn das, was nun folgt, ist ein Desaster. Die Kurden werden entweder abgeschlachtet oder in die Arme des Diktators Assad getrieben, der seit mehr als sieben Jahren einen erbitterten Bürgerkrieg gegen seine eigene Bevölkerung führt. Assad hat bereits Afrin den Truppen Erdogans überlassen. Diese Truppen sind brutale Besatzer und haben alles zerstört, was an demokratischen und weltoffenen Strukturen mühsam aufgebaut wurde. Vergewaltigungen, Verschleppungen, Tötungen sind an der Tagesordnung, und sie finden unter roter Fahne mit weißem Halbmond statt. Vom Westen hört man kein Wort dazu.

Im Nahen Osten wechseln Allianzen schnell, manchmal sehr schnell. Heute sitzen die Türken mit den Russen an einem Tisch, gestern kämpften sie noch gegeneinander: Russland an der Seite Assads gegen die Rebellen, die von der Türkei unterstützt wurden. Bündnisentscheidungen werden aus Interessen geschmiedet. Verschiedene Staaten ringen um die Vormachtstellung - und sie sind alle keine Freunde der Demokratie. Was sie eint, ist ihr Hass auf die Kurden: Assad in Syrien, Erdogan in der Türkei, Rohani in Iran. Und über diese drei hält die neue und alte imperiale Schutzmacht ihre Hand: Es ist Russland, für das der Nahe Osten seit Jahrhunderten ein Interessengebiet ist.

Durch die Aufgabe der Kurden lässt der Westen ausgerechnet die im Stich, die sich um eine Demokratisierung des Nahen Ostens verdient gemacht haben. Die Kurden, die noch vor kurzem als dem Westen nahes Heldenvolk gepriesen wurden, die 10 000 Frauen und Männer im Kampf gegen den IS geopfert haben, sind nun nichts mehr wert.

Ich bin selbst als neunjähriges kurdisches Mädchen vor dem Terrorregime der Türkei nach Deutschland geflohen. Hier habe ich ein sicheres Zuhause gefunden, und dafür bin ich dankbar. Für mich ist es schwer zu ertragen, wie sich die Bundesregierung in dieser Frage verhält. Sie schweigt zur Gefahr für die Kurden, ehrt Erdogan stattdessen mit einem Staatsbankett, gibt ihm Millionen und Milliarden und lässt seine DITIB-Imame hier hetzen, spionieren und predigen. Zusätzlich verspricht man ihm eine privilegierte Partnerschaft mit der EU.

Deklinieren wir die Möglichkeiten durch, wird deutlich, wie nahezu ausweglos die Situation für die Kurden im Norden Syriens ist. Ein UN-Beschluss hätte keine Chance, da Russland seinen Partner Syrien per Vetorecht unterstützen würde. Assad duldet keine multinationalen Truppen in seinem Land, allein schon aus Sorge, die eigenen Verbrechen könnten aufgedeckt werden.

Die Türkei unterstützt die syrischen Rebellen gegen Assad, und Iran unterstützt das Assad-Regime, aber die Kurden sind bei beiden im Fadenkreuz. Der bevorstehende Abzug der US-Truppen wirkt für sie wie ein Freibrief.

Und Druck aus Deutschland? Vor uns hat Erdogan keinen Respekt, durch den Flüchtlingsdeal mit der Türkei haben wir unsere Seele verkauft. Die EU, die NATO und die UNO: keine multilateralen Systeme, mit der wir die kurdische Seite unterstützen können.

Ich bin gegen Krieg und militärische Strategiespiele zu Lasten einer Zivilbevölkerung, die immer die Hauptopfer trägt. Aber im Norden des Syriens geht es um das Überleben der Kurdinnen und Kurden. Und so lange US-Truppen und ihre Alliierten gemeinsam im Norden Syriens stehen, wird sich die Türkei dreimal überlegen, ob und wie sie ihren Krieg gegen die Zivilbevölkerung führt.

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