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Aus dem Trott kicken

Der Roman «Bungalow» von Helene Hegemann

  • Von René Hamann
  • Lesedauer: 3 Min.

Bungalow« ist natürlich ein geiler Titel. Man denkt gleich an den gleichnamigen Hit der österreichischen Gruppe Bilderbuch; es bezeichnet also etwas, das zugleich retro, funky und schräg-abseitig ist.

Das wird auch Helene Hegemanns Idee gewesen sein, selbst wenn sie die Ich-Erzählerin ihres neuen, dritten Romans in eine Mietskaserne einsperrt, die den Bungalows gegenüber auf der anderen Straßenseite steht. Der fesche Bungalow, diese sparsame 70er-Jahre-Version als Sehnsuchtsort, während auf der anderen Seite die pure Verwahrlosung herrscht.

Richtig, »Verwahrlosung« wäre ein ebenso guter, treffender Titel gewesen. Charlie ist die Tochter einer geschiedenen Alkoholikerin; ihr Vater lässt sich höchstens zu Festtagen mal blicken. Diese sind auch die einzigen Momente, in denen die Mutter sich zurechtmacht und aus ihrer narzisstischen Selbstzerstörungsorgie herauskommt. Charlie versucht, es mit Fassung zu tragen. Sie hat einen Freund aus der Nachbarschaft, er heißt Iskender, und verguckt sich in neu hinzugezogene Nachbarn, die natürlich jenseits des eigenen Elends wohnen: Das Künstlerpaar Maria und Georg zieht in einen frei gewordenen Bungalow.

Das Elend also, das mittlerweile ganz normale. Elend und Verwahrlosung. Hegemann traut sich, in die Rolle des Unterschichtmädchens zu schlüpfen, freilich nicht ohne libidinös erscheinenden Aufstiegswunsch. Georg und Maria funktionieren als reale Projektionsflächen, sie leben glamourös und anders, begehrt werden sie beide. Wie der Prolog verrät, wird es irgendwann auch geschlechtlich. Bis dahin müssen aber erst mal Kindheit und Pubertät überlebt werden.

Die Sprache des Romans ist drastisch und klar, stellenweise witzig, immer wortgewaltig. »Ich dachte an Marlon Brando, (…) damals hielt ich ihn aber noch für James Dean und warf ihn mit all den anderen gestorbenen Hollywoodgrößen in einen Topf, die sich in meiner Vorstellung zu einem Brei aus elitärem, verrottetem, egalem Männerfleisch verbanden.« Es geht derbe zu, brutal, blutig, es wird von einer Selbstmordwelle erzählt, und irgendwo im Hintergrund zieht die Drohkulisse eines mächtigen Krieges auf.

Das mit der Drastik kennt man ja auch irgendwie; schon Hegemanns erste Romane konnten das gut, und auch die Verbindung zum Sozialdrama ist nicht unbedingt etwas Neues. Größtmögliche Desillusionierung ist angesagt, das konnte man kürzlich auch im Filmdebüt des früheren Echt-Sängers Kim Frank (»Wach«, ZDF) sehen: Mädchen in Hochhäusern, also in irgendwie cooler, weil kaputter, asozialer Umgebung, die das Kaputte wie das Leben zu feiern versuchen. »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« scheint insofern immer noch in die deutsche Hochkultur hineinzuwirken. Neu ist, dass Hegemann hier viel von Tränen, Leid, Liebe, Begehren und den ganzen negativen Emotionen spricht - auf eine erwachsene, aber eben nicht unterkühlte, abwehrende Art. Dass sie den Stoff noch zusätzlich in etwas Apokalyptisches ziehen muss - das ist fast geschenkt. Die Zerstörung im Privaten spiegelt sich in einem Bedrohungsszenario, das vielleicht real ist oder wird oder auch nicht; Hegemann kokettiert mit Science Fiction-Anleihen, wie bestens bei Michel Houellebecq gelernt. Ob es das braucht, sei mal dahingestellt.

»Bungalow« ist jedenfalls ein guter Roman. Besser als der Vorgänger »Jage zwei Tiger«, nicht ganz so gut wie das berühmte Debüt »Axolotl Roadkill« und ein Schritt hin zu dem Buch, das wirklich die Gegenwart aus dem Trott kickt. Es ist schade, dass im Herbst die »Shortlist« ohne diesen Roman auskommen musste. Mehr als »Longlist« war nicht. Ein Duell mit Maxim Biller, dessen Roman »Sechs Koffer« dann fast allein gegen die übliche Literaturbetriebsliteratur antreten musste (und scheiterte), wäre eine schöne Pointe gewesen. Hegemann wird es verknusen.

Helene Hegemann: Bungalow. Hanser, 288 S., geb., 23 €.

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