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Zu klein, um zu fallen

Warum eine frühere Sparkasse in Italien plötzlich an der Börse systemrelevant wird

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Die zur Europäischen Zentralbank (EZB) gehörende Bankenaufsicht hat am Mittwoch die italienische Banca Carige unter Zwangsverwaltung gestellt. Zuvor hatte sich der größte Aktionär der börsennotierten Bank, Vittorio Malacalza, geweigert, einer Kapitalerhöhung zuzustimmen. Diese hatte die EZB angeordnet, um das kriselnde Institut zu retten, nachdem Präsident, Geschäftsführer und die Mehrheit des Verwaltungsrates zurückgetreten waren.

Was wie eine provinzielle Wall-Street-Posse daherkommt, bedroht den Finanzplatz Italien. Das befürchten zumindest Analysten in aller Welt. An den Börsen verloren die Aktien von italienischen Instituten erheblich. Der Zusammenbruch selbst einer vergleichsweise kleinen Bank wegen neuer Abschreibungen auf faule Kredite könnte Italiens Geldwirtschaft in arge Verlegenheit stürzen. Italiens Banken gelten neben den griechischen als die größten Sorgenkinder in der Eurozone. Die EZB zeige mit ihrem Eingreifen, dass »auch eine kleinere Bank zum Systemrisiko werden kann«, sagt Kapitalmarktexperte Rudolf Hickel dem »nd«. Wegen der schwierigen Lage der Geldinstitute würde der Zusammenbruch der Banca Carige die Absturzrisiken der gesamten Bankenwelt Italiens erhöhen.

Zwei grundlegende Probleme stellen die Stabilität in Frage. Zehn Jahre nach der Finanzkrise sitzen die Banken immer noch auf einem gigantischen Berg fauler Kredite. In Italien sind es laut Finanzstabilitätsbericht weit mehr als 150 Milliarden Euro. Europaweit ist das Land damit einsamer Spitzenreiter.

Der Anteil ausfallgefährdeter Kredite am gesamten Kreditvolumen beträgt mehr als zehn Prozent - in Deutschland und Frankreich liegen die Anteile bei zwei bis drei Prozent. Eine wirtschaftliche Talfahrt könnte daher selbst größere Institute ins Trudeln bringen. Dann droht, dies die zweite Problemzone, Ansteckungsgefahr für Staat und Volkswirtschaft: Denn Italiens Banken halten besonders viele Staatsanleihen des eigenen, hoch verschuldeten Landes. Der Anteil italienischer Staatsanleihen in den italienischen Bankbilanzen beträgt über 15 Prozent (Deutschland sechs, Frankreich vier Prozent).

Italiens geldpolitische Sonderrolle hatte die EZB 2018 veranlasst, unter anderen auch die ehemalige Sparkasse Genuas zu beaufsichtigen, obwohl die Nummer zehn in Italien mit einer Bilanzsumme von 24 Milliarden Euro recht klein ist. Europas Bankenaufsicht ist eigentlich nur für Geldgiganten mit zehnfacher Größe zuständig.

Im November hatten der italienische Einlagensicherungsfonds und mit ihm die wichtigsten Banken dann eine Rettungsaktion für die Banca Carige beschlossen, nachdem diese einen Verlust von 189 Millionen Euro gemeldet hatte. Durch die Verluste war das erst kurz zuvor erhöhte Eigenkapital unter die Mindestschwelle gerutscht.

Die reiche Familie Malacalza, die ihr Geld in der Stahlbranche verdient hat, spekuliert wohl auf eine öffentliche Übernahme, weil sie den Eigentümern billiger käme. Die EZB beharrt dagegen auf einem zentralen Prinzip der Europäischen Bankenunion: Nicht steuerfinanziert, sondern unter Beteiligung der Eigentümer und Gläubiger (»Bail-in«) soll die Sanierung einer Bank erfolgen.

Die EZB bestellte am Mittwoch drei Verwalter und einen dreiköpfigen Überwachungsausschuss, um die Leitung der Banca Carige zu übernehmen. »Aufgabe der vorläufigen Verwalter ist es, die Stabilität einer Bank sicherzustellen, indem sie deren Situation genau beobachten, der EZB kontinuierlich darüber Bericht erstatten«, teilte die Zentralbank in Frankfurt am Main mit. Gegebenenfalls würde der neue Vorstand Maßnahmen ergreifen, um die Kapitalanforderungen wieder dauerhaft zu erfüllen.

Wirtschaftswissenschaftler Hickel fordert von der EZB, dass sie in gleich gelagerten Fällen »ebenfalls konsequent durchgreift«, wenn sie in anderen Ländern passieren. Das Systemrisiko Banca Carige einzuhegen, gebe Italien die Möglichkeit, den eingeschlagenen Weg der Bankensanierung fortzusetzen. »Entgegen dem Ruf von den maroden Banken Italiens - vor allem aus Deutschland - befindet sich das italienische Bankensystem auf einem guten Weg.« Durch harte Maßnahmen seien bereits viele faule Kredite abgebaut worden.

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