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Orange ist das neue Rot

Die Internet-Linke hat ein neues Maskottchen: Gritty - antifaschistisch, nonbinär, kompromisslos

  • Von Samuela Nickel
  • Lesedauer: 4 Min.

Weltweit finden auf der Straße Proteste gegen rechte Gruppierungen, Bürgerwehren und Neonazis statt - in Chemnitz oder Budapest, gegen Bolsonaro in Rio de Janeiro und São Paulo oder gegen die völkischen Proud Boys in Portland. Auch online werden diese Auseinandersetzungen geführt: Bei den US-Präsidentschaftswahlen 2016 kam es zu den sogenannten Meme Wars zwischen den Anhänger*innen von Präsidentschaftskandidat*innen wie Trump, Clinton und Sanders.

Was von den sogenannten Meme Wars nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten geblieben ist: das Meme Pepe the Frog als Symbol der US-amerikanischen Alt-Right und von Antifeminist*innen und Rassist*innen weltweit. Die Figur des Froschs ist eigentlich ein harmloser Cartooncharakter. Nur wurde er während des Wahlkampfs und danach so konsequent für menschenfeindliche Hetze missbraucht, dass er mittlerweile als Hasssymbol gilt.

Was man für irrelevante Bildchen im Internet halten mag, kann einen großen Einfluss auf Gefühle der Gruppenzugehörigkeit, aber auch auf die Verbreitung politischer Inhalte haben. Memes sind Internetphänomene, die sich viral verbreiten - das kann ein Bild, ein Video oder ein Kurztext sein. Der Humor ist meist plakativ und funktioniert auf der Ebene des Insiderwitzes: Elemente werden als Zitate aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen und immer wieder neu kombiniert. Das Weiterschicken oder Taggen von Memes ist mittlerweile eine eigene Art der Kommunikation geworden. Verhandelten diese anfangs eher süße Katzen und das Alltägliche - Familienleben, Freundschaften, Beziehungen, Schul- oder Arbeitsleben - sind Memes im Laufe der Zeit immer selbstreferenzieller und absurder geworden, so wie auch die Welt um uns herum. Zudem änderte sich auch der Ton auf den gängigen Meme-Portalen - irgendwann wimmelte es nur noch vor rechten, rassistischen und antifeministischen Trollen.

Nun allerdings haben Pepe und Co. einen Gegenspieler: Gritty. Das ist eigentlich das neue Maskottchen der US-Eishockey-Mannschaft »Philadelphia Flyers«. Mit seinem manischen Grinsen, den irren Kulleraugen und dem orangefarbenen Fell sieht er aus, als sei er wegen kolossalen LSD-Konsums aus der Sesamstraße geflogen. Im September stellte das Team den gutmütig-gruseligen Gritty der Öffentlichkeit vor, und damit nahm der orangefarbene Tornado seinen Lauf: Gritty ist auf etlichen linken Meme-Seiten oder Protestschildern gegen Trump zu Hause, wo er gegen Weihnachten, Faschismus und Konsumwahn angrinst - das Monster ist zu einem Symbol des antifaschistischen und antikapitalistischen Widerstands geworden. Sogar der Stadtrat von Philadelphia bezog sich in einer Erklärung zu Gritty auf dessen Markierung als »antifa« und als Sinnbild einer absurden Existenz im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Im Herbst noch schrieb die sozialistische US-Zeitschrift »Jacobin« auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, Gritty stamme aus der Arbeiterklasse (»Gritty is a worker«). Kurz vor Jahreswechsel bezog sich auch die linke Zeitschrift »analyse & kritik« bei einem Spendenaufruf auf den »zauseligen Underdog«, der genau wie das Medium politische Bildungsarbeit gegen rechts mache: »Gritty ist ein sympathischer Chaot mit einer Vorliebe für Krawall - und viel Hass auf die Herrschenden. Wer braucht nicht jemanden wie ihn als Freund und Beschützer?«

Die Laufbahn von Gritty erinnert an die des Babadook: Eigentlich eine Gruselfigur aus dem Horrorfilm »Der Babadook«, wurde das Monster mit dem Zylinder zur LGBTIQ-Ikone und schmückte unzählige Regenbogenfahnen auf den Pride Parades. Gerade mit dem Verhasst- und Gefürchtetsein des Babadooks konnten sich viele identifizieren. Auch Eishockeymaskottchen Gritty ist ein Monster und fällt aus vorbestimmten Stereotypen von Sexualität oder Herkunft heraus. Das englische Wort »grit« steht für Schotter, Dreck, aber auch für entschlossenen Mut. Das Meme symbolisiert Kompromisslosigkeit, aber auch Haltung. Frei nach der moralischen Positionierung »chaotic good« des Pen-&-Paper-Rollenspiels »Dungeons & Dragons«: jemand der lautstark und auch mal regelwidrig für sich selbst, für Gerechtigkeit und für jene einsteht, die es selbst nicht können.

Bei aller Online-Orakelei steht fest: Gritty ist ein Enforcer-Typ. Das sind jene Eishockeyspieler, die sich vor allem durch Bodychecks, aggressive Aktionen oder provozierte Schlägereien auf dem Eis einen Namen machen - Gritty steht für das Gefühl, die Schnauze gehörig voll von den akuten Missständen der Gesellschaft zu haben. Und wird so zu einem vereinenden Bezugspunkt vieler Linker im Kampf gegen rechten Terror. Wenn man in Chemnitz, Amberg, Berlin-Britz oder Bottrop nachts auf der Straße unterwegs ist, hätte man gern jemanden wie Gritty an der Seite.

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