Bernstein in Hülle und Fülle

Wer im Winter an die polnische Ostseeküste reist, trifft am Strand Skifahrer und Eisbader. Es ist die beste Zeit, den »Schatz der Ostsee« zu heben: Bernstein

Von Stefan Weißenborn

In der Ferne blitzt im Dunst der tief stehenden Morgensonne ein Scheinwerfer auf. Ein Motorroller ist auf den schneebedeckten Strand von Leba eingebogen und fährt den Brandungsrand entlang. Als er näher kommt, sieht man zwei dick in Winterkleidung verpackte Menschen im Sattel, in einer Halterung steckt ein Käscher mit abgeflachtem Ring. Es sind Bernsteinfischer, die die Küste absuchen. Bereit, mit ihren Watstiefeln in die Fluten zu steigen, um im Tang zu stochern.

»Nach Stürmen im Winter herrschen die besten Voraussetzungen, Bernstein zu finden«, sagt Ewa Lehmann-Bärenklau in der Wärme des Speisesaals im »Hotel Neptun«, das mit zwei Türmchen oberhalb auf einer Düne ruht und der Strandszene etwas Barockes verleiht, wäre da nicht das Grüppchen von Leuten, die hektisch am Strand herumlaufen, sich dann Teile ihrer Kleidung entledigen und tatsächlich in der eiskalten Ostsee schwimmen gehen. Gemeinsam mit ihrem damaligen Mann erwarb Ewa das Anfang des 20. Jahrhunderts als Kurhaus errichtete Gebäude 1992 und saniert es seitdem. Auch in der Nebensaison hält die charmante ältere Frau mit den blondierten langen Haaren den Betrieb aufrecht; gut für die, die Bernstein suchen wollen. Denn mit einem Schritt vor die Tür, steht man fast schon im Sand.

Die Ausbeute des Morgens ist jedoch mau, besser gesagt: Es gibt sie nicht. Nicht ohne Grund sind die Bernsteinfischer auf dem Motorroller heute vorbei gebraust. Dass pommersche Ostseestrände im Winter gute Chancen für Bernsteinsucher bieten, darüber täuscht dieser aber Tag hinweg. Denn wenn das Wasser kalt und schwer ist, bekommt Bernstein aufgrund seines geringeren spezifischen Gewichts mehr Auftrieb als im Sommer. Und ist die See dann noch aufgewühlt, wirft sie umso mehr Bernstein an den Strand, der sich oft im Saum aus Algen und Treibgut findet. Auch weil sich im Winter nicht so viele Menschen am Wasser herumtreiben steigen die Chancen.

Im Ort Leba, der im Sommer aus allen Nähten platzt, ist nicht viel los: herunter gelassene Rollläden, zugenagelte Buden und kaum ein Mensch auf den Straßen. Immerhin das Bernsteinmuseum hat geöffnet. Mariusz Baranski führt Gäste durch die Ausstellung, und man erfährt Grundsätzliches. Zum Beispiel, dass man von Bernstein erst spricht, wenn das versteinerte Baumharz 20 Millionen Jahre und älter ist. Ist es jünger, handelt es sich um jüngere, noch nicht ganz versteinerte Vorstufen. »Dann ist es zu weich, um es zu Schmuck weiterzuverarbeiten.« Und damit eher wertlos.

Der in Polen und der Ostsee vorkommende Baltische Bernstein, das größte Vorkommen weltweit, sei um die 40 Millionen Jahre alt. Was ihn so besonders macht, ist sein Variantenreichtum. Es gibt ihn honigfarben, transparent, undurchsichtig, grünlich. Und elfenbeinfarben: die seltenste Sorte, die aufgrund vieler kleiner Lufteinschlüsse so hell ist. Je nach Qualität, so Mariusz, werde Bernstein für 5000 Euro bis zu 50 000 Euro das Kilo angekauft. Damit wäre Bernstein teils kostbarer als Gold.

»Dass Pommern so reich an Bernstein ist, liegt am Eridanus, einem großen Fluss«, erläutert der Händler. Vor Jahrmillion transportierte der urzeitliche Strom Sedimente und Reste eines einst riesigen Koniferenwaldes, der heute »Bernsteinwald« genannt wird, in die Gegend der heutigen Danziger Bucht, wo er in einem großen Delta mündete. Der überwiegende Großteil des in Polen zu Schmuck verarbeiteten versteinerten Harzes stamme indes aus einer Bernsteinmine in der russischen Exklave Kaliningrad. Ein nicht mehr aktives Tagebaugebiet ist der Bernsteinberg »Bursztynowa Góra« südwestlich von Danzig, wo schon im 10. Jahrhundert nach Bernstein gegraben wurde. Er kann heute besichtigt werden.

Auch Fälschungen sind ein Problem, mit denen es die Chemikerin Agnieszka Klikowics-Kosior und ihr Mann Michal Kosior von der International Amber Association (IAA), dem Danziger Bernsteinverarbeiter-Verband zu tun bekommen. »Jeden Monat erhalten wir Fake-Bernstein, künstlich hergestellt oder gepressten Bernstein«, sagt Agnieszka. In ihrem Labor in der Danziger Rechtstadt nimmt sie ein schön gearbeitetes Schmuckstück in die Hand. Es ist seifengroß und zeigt die Gravur eines Fisches und eines Vogels. »Man könnte es für echt halten«, sagt die Expertin und hält das Stück in den Strahl einer Schwarzlicht-Taschenlampe: »Wie bei einem echten Bernstein haben die Fälscher fluoreszierende Teilchen eingearbeitet.« Die Expertin ist besorgt, wie gut mittlerweile gefälscht wird.

Damit solche Stücke es möglichst erst gar nicht in den seriösen Handel schaffen, vergibt die IAA an ihre Mitglieder, Händler aus weltweit 32 Ländern, Echtheitszertifikate aus, und umgekehrt können Kunden mit erstandenen Schmuckstücken, etwa aus einer der vielen Bernstein-Galerien Danzigs, die sich vor allem in der Ulica Mariacka konzentrieren, ins Labor in die Ulica Warzywnicza 1 kommen und die Echtheit kostenlos mit Hilfe von Mikroskop und einem 40 000 Euro teuren Spektralphotometer überprüfen lassen. Auf der jährlich stattfindenden Bernsteinmesse Ambermart oder im Kunsthandwerk mit Fälschungen zu hantieren, wäre allerdings äußerst rufschädigend - etwa für seriöse Manufakturen wie »Michel« oder »Nac Amber«. Die indes ein weiteres Feld eröffnen: Denn in der Schmuckherstellung entsteht ein Nebenprodukt: Bernsteinpuder. Bei kirchlichen Zeremonien in Danzig und anderswoe in Pommern löst es sich statt Weihrauchharz in Rauch auf. Und die Wellness-Welt bereichert es.

Beispielsweise der Kosmetiksalon »Balola« in Zoppot bezieht das fein gemahlene Urzeit-Baumharz von Nac Amber für sein Ganzkörper-Peeling. Auch das »Mera Spa« im Luxushotel »Marriott«, direkt am Strand des Ostseebads gelegen setzt auf die heilende Kraft von Baltic Amber als Bestandteil seiner Massageprodukte und hat sogar eine Kosmetik-Marke ins Leben gerufen.

»Seit der Steinzeit verwenden Menschen Bernstein für medizinische Zwecke«, sagt Spa-Supervisor Karolina Peplińska. Vor allem der in der äußersten Schicht vorkommenden Bernsteinsäure wird heilende Kraft zugesprochen. Der Effekt, zum Beispiel auf die Atemwege oder das Nervensystem, trete schon bei Hautkontakt ein. »Außerdem hilft es bei der Produktion des Glückshormons Serotonin«, sagt Karolina. Gegen Leiden des Verdaungstrakts, Schnupfen und Erkältungen oder auch Migräne und Rückenschmerzen soll eine Tinktur helfen, die aus kleinsten Steinen und 95-prozentigem Spiritus angesetzt wird. Manche halten es dagegen für überflüssig, dazu ein teures Treatment über sich ergehen zu lassen und hängen sich anstelle dessen eine Bernsteinkette um den Hals.

An der Stränden der Danziger Bucht, wo Bernsteinfischer schon in nächtlicher Dunkelheit mit UV-Licht-Lampen den Sand absuchen, ist es für Hobby-Bernsteinsucher oft das größere Rätsel, das versteinerte Harz überhaupt zu erkennen. »Da wäre die Temperatur. Bernstein ist wärmer als Stein und natürlich viel leichter«, erläutert Michal vom IAA. Lasse sich seine Oberfläche mit einer Nadel leicht ankratzen, handele es sich nicht um einen normalen Stein. »Und wenn man es reibt, riecht es nach Harz. Gehen Sie an den Strand von Sobieszewo, südlich von Danzig, da werden Sie sicher was finden.«

Am nächsten Morgen hat die Sonne die Luft über der ruhig daliegenden Ostsee am Sobieszewo-Strand immerhin so weit erwärmt, dass sich kleine Wölkchen von Seenebel gebildet haben. Noch ist der breite, schneebedeckte Strand, den später in gebückter Haltung einige Spaziergänger und sogar ein Mann auf Langlaufski entlang wandern werden, menschenverlassen. Es ist klirrend kalt. Wir sind mit der Familie unterwegs. Dann urplötzlich: »Ich habe einen Bernstein! Und hier, noch einer!« In einem Muschelstreifen liegen auf der Fläche von einer Spielkarte gleich fünf kleine Bröckchen. Es dauert nicht lange, da haben die Kinder eine Handvoll gesammelt. Die großen Brocken haben sich womöglich schon Profisammler in der Nacht geholt; an einem Strand in Danzigs Nähe wurde sogar schon ein Exemplar mit einer eingeschlossenen Eidechse gefunden. So einen großen Ostsee-Schatz hebt die Familie an diesem Tag zwar nicht, doch ein Blick in die Gesichter der Kinder verrät: Es muss etwas dran sein an der Geschichte mit dem Glückshormon.

Tipps

Anreise: Mit dem Auto nach Leba zum Beispiel von Berlin in rund sechs Stunden. Alternativ mit dem Zug nach Danzig (bahn.de).

Unterkunft und Wellness: In Leba zur Wintersaison geöffnet hat das »Hotel Neptun«, ein über 100 Jahre altes Kurhaus direkt am Strand, Nacht/DZ ab 100 Euro (neptunhotel.pl). In Seebad Zoppot an der Strandpromenade liegt das »Marriott«, das in seinem Spa Bernsteinbehandlungen und -Massagen anbietet, DZ ab 90 Euro (marriott.com). Bernstein-Körperbehandlungen auch der Kosmetiksalon Balola (www.balola.pl).

Bernstein suchen und finden: Zum Beispiel am Stogi-Strand in Danzig oder dem außerhalb gelegenen Strand von Sobieszewo. Bernstein zum Kauf bieten die Galerien in Danzigs Ulica Mariacka. Auf Zertifikate achten! Die Echtheit überprüft kostenfrei der Verband IAA. Interessante Fundstücke und Kunsthandwerk im Bernsteinmuseum (Targ Weglowy 26) oder dem Museum für Bernsteininklusionen der Universität Danzig (Wita Stwosza 59; Eintritt frei).

Weitere Informationen: polen.travel; prot.gda.pl

Diese Reportage wurde durch das Polnische Fremdenverkehrsamt in Berlin, der regionalen Tourismusorganisation Pomorski Travel und den besuchten Hotels ermöglicht.