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Digitale Herausforderungen

Nach der Ergreifung des Datendiebs bleiben einige Aufgaben für Politik und Gesellschaft

  • Von Markus Drescher
  • Lesedauer: 4 Min.

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»Den jüngsten Vorfall müssen wir auch angesichts gänzlich neuer Bedrohungslagen als allerletzten Warnschuss verstehen«, zieht der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Konstantin von Notz, Bilanz angesichts von Datenklau und -veröffentlichung mit annähernd 1000 Opfern - Politiker, Prominente, Journalisten. Seine politische Schlussforderung: »Als digitale Gesellschaft müssen wir dem Grundrechtsschutz, der Erhöhung der IT-Sicherheit und der Stärkung digitaler Infrastrukturen höchste politische Priorität einräumen.« Sabine Vogt, Leiterin der Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität im Bundeskriminalamt, formuliert es so: »Wir müssen (...) lernen, damit professionell umzugehen - sowohl von Seiten des Staates als auch von Seiten der Betroffenen und des Einzelnen, der für sein Verhalten verantwortlich ist. Das ist wie beim Autofahren: Sicherheitsgurt anlegen, das hilft.«

In Zeiten, da sich das Leben für viele Bürger und Bürgerinnen immer mehr auch online abspielt, die Wirtschaft vor einer digitalen Revolution steht, Verwaltung und medizinische Versorgung sensible Daten durchs Netz schicken und lebenswichtige Infrastruktur wie die Stromversorgung mit einem Klick lahmgelegt werden könnte, führt ein 20-jähriger Schüler, der zu Hause bei seinen Eltern wohnt, diesem Land vor Augen, dass es beim sicheren Umgang mit der vermeintlich so vertrauten digitalen Welt noch ziemlich am Anfang steht.

Eine gute Figur in dem Fall gemacht zu haben, kann man denn auch höchstens dem Bundeskriminalamt bescheinigen, das bis zur Identifizierung des Täters nur etwa 48 Stunden gebraucht hatte, wie BKA-Präsident Holger Münch am Dienstag in Berlin erklärte. Wobei es der am Sonntag vorläufig Festgenommene, der wegen fehlender Haftgründe mittlerweile wieder auf freiem Fuß ist, den Ermittlern laut Münch »nicht sonderlich schwer gemacht« habe, da er Spuren hinterlassen habe. Die Experten des Bundeskriminalamts hätten längst nicht alle ihrer Möglichkeiten eingesetzt. Sämtliche gehackten Zugänge zu Accounts seien dem geständigen Tatverdächtigen entzogen worden, so dass keine weitere Gefahr von ihm ausgehe.

Von @_0rbit, so der Name des Twitter-Accounts, über den die Daten verbreitet wurden, nicht mehr. Doch die Bedrohungslage wird sich mit fortschreitender Digitalisierung nicht verkleinern. Und wie einfach es etwa private Internetnutzer professionellen Kriminellen und anders motivierten Datensammlern und -dieben machen, zeigt eine Umfrage des IT-Sicherheitsunternehmens Kaspersky, die am Dienstag veröffentlicht wurde. Demnach hätten 49 Prozent der im vergangenen Oktober Befragten den Überblick verloren, auf welchen Plattformen sie welche Daten angegeben haben.

Zum Problem für die Betroffenen kann eine fehlende Kontrolle über preisgegebene Daten durch sogenanntes Doxxing werden, das das Unternehmen als »eine der großen Cyber-Herausforderungen« benennt. Doxxing bedeutet das Sammeln, illegal Beschaffen und Veröffentlichen von persönlichen Daten, um damit dem Opfer zu schaden - nachhaltig. »Dass man veröffentlichte Daten je wieder aus dem Netz bekommt, ist eher unwahrscheinlich«, so Marco Preuss, Leiter des europäischen Forschungs- und Analyse-Teams bei Kaspersky Lab. Das zeige auch der aktuelle Fall. »Einerseits sind einige der Original-Links zu den Informationen nach wie vor verfügbar; andererseits ist unklar, auf welchen und auf wie vielen Rechnern und Servern die Daten bereits gespeichert worden sind und somit noch genutzt werden können.«

Auf die Folgen für die Doxxing-Opfer, mit denen sie bisher zudem ziemlich alleine gelassen werden, macht die Amadeu Antonio Stiftung aufmerksam. Wer online die Kontrolle über seine privaten Daten verliere, weil sie gestohlen und veröffentlicht werden, erlebe Angst in der Offline-Welt - und dies nicht zu Unrecht, so die Stiftung. Für politisch engagierte Personen etwa bedeute die Veröffentlichung privater Daten anschließende Trollanrufe, »Hausbesuche« oder sogar physische Gewalt.

Durch ein stark beeinträchtigtes Sicherheitsempfinden sähen sich die Angegriffenen oft gezwungen ihr persönliches Umfeld zu ändern, durch neue soziale Accounts, Melderegister-Auskunftssperren, einen Kita-Wechsel der Kinder oder Umzug. Die Stiftung fordere deshalb eine bessere Unterstützung von Opfern digitaler Gewalt wie den Aufbau von Beratungs- und Hilfestrukturen, die bei Kontakten zu Sozialen Netzwerken, Anzeigen bei Polizei und Datenschutzbehörden und bei der Suche nach psychologischer Unterstützung helfen können oder polizeiliche Fortbildungen, um digitale Gewalt erkennen und eine angemessene Strafverfolgung einleiten zu können.

Bis sich Sicherheitsgurte in der analogen Welt als unverzichtbare Lebensretter durchsetzten, brauchte es Jahrzehnte. Mit der digitalen Sicherheit sollte sich die Gesellschaft nicht so viel Zeit lassen. Mit Agenturen

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