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Stell dir vor, es ist Streik ...

Netzwoche über einen Aufstand in Indien und sein Echo in Europa

  • Von Vanessa Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

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... und keine*r kriegt es mit. In Indien könnte sich in dieser Woche der größte Streik in der Geschichte der Menschheit ereignet haben - 200 Millionen Beschäftigte sollen dort nach Angaben von Gewerkschaften am Dienstag und Mittwoch ihre Arbeit niedergelegt haben. Insgesamt zehn Gewerkschaften hatten dazu aufgerufen. In Bildungseinrichtungen war es ebenso zu Komplettausfällen gekommen wie bei der Bahn, im Bank- und im Postwesen. Davon können die Vorsitzenden der zwei größten deutschen Gewerkschaften, Frank Bsirske (ver.di) und Jörg Hofmann (IG Metall), wohl nur träumen. Dennoch, die mutmaßliche Sensation blieb von den deutschen Medien weitestgehend unbemerkt.

Das mag auch daran gelegen haben, dass keine der großen Nachrichtenagenturen über die Streiks in Indien berichtete. Da Zeitungen aber nicht mehr über ein weltweites Netz von Korrespondent*innen verfügen, stützen sie sich für ihre Auslandsberichterstattung meist auf Meldungen der Nachrichtenagenturen. Deren Korrespondent*innen recherchieren vor Ort und geben die gesammelten Informationen möglichst neutral an die Kunden in Deutschland weiter, die dafür bezahlen. So werden die Themen, die in den Medien erscheinen, also in gewissem Maß auch von den Agenturen mitbestimmt: Themen, die nicht von ihnen aufgegriffen werden, schaffen es letztendlich oft auch nicht in deutsche Medien. Auf Nachfrage erklärte ein Vertreter der größten deutschen Nachrichtenagentur (dpa) am Mittwoch dem nd, sie habe nicht über den Streik berichtet, da die Zahl der Streikenden für sie nicht verifizierbar gewesen sei. Daneben sei es weder zu größeren Ausschreitungen noch zu Todesfällen gekommen, der Generalstreik daher als irrelevant erachtet worden.

Indien ist riesig, und die Streiks fanden in mehreren Städten im ganzen Land statt. Sicher war es nicht die Aufgabe der Nachrichtenagenturen, die Millionen von Menschen selbst zu zählen, die in den vergangenen zwei Tagen auf den Straßen waren. Bisher war es aber gängige journalistische Praxis, sich in Berichten auf die von den Gewerkschaften oder der Polizei verkündeten Zahlen zu berufen. Das ist auch der Fall, wenn über Generalstreiks in Frankreich oder Griechenland berichtet wird. Beides sind Staaten, die häufig mit gut funktionierenden Gewerkschaftsbewegungen in Verbindung gebracht werden. In der westlichen Medienberichterstattung taucht Indien bei dem Thema dagegen nur selten auf.

Wird über das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde berichtet, dann vor allem über die dort herrschende Armut, soziale Ungleichheit, katastrophale Umweltverschmutzung und Gewalt gegen Frauen. Anfang 2013 war eine Gruppenvergewaltigung in Delhi wochenlang in den deutschen Schlagzeilen. Bei »Spiegel Online« findet die Suchmaschine unter den Schlagwörtern »Indien« und »Vergewaltigung« ganze 367 Artikel. Vor einigen Tagen erst stießen die Proteste gegen den Tempelbesuch von zwei Frauen auf großes mediales Interesse. Alle einschlägigen Nachrichtenagenturen berichteten darüber, es gab Artikel in den meisten Lokal- und Tageszeitungen der Republik. Am Donnerstag dann, einen Tag nach den Streiks in Indien, veröffentlicht die Südasien-Redaktion der dpa doch einen Bericht: In Nepal ist eine Frau verbrannt, die wegen ihrer Monatsblutung aus dem Haus ihrer Familie verbannt worden war.

Natürlich ist es wichtig, über patriarchale Strukturen und sexualisierte Gewalt zu berichten. In der Medienwissenschaft wird aber auch immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass die Fragen, ob und wie Themen ausgewählt und eingeordnet werden und welche Relevanz ihnen zugemessen wird, einem gewissen »Bias« - einer Art Verzerrung oder Voreingenommenheit - unterliegen.

Lesen Sie auch: Zweitägiger Generalstreik in Indien
Gewerkschaftsdachverbände kritisieren »arbeiterfeindliche Politik«

In Bezug auf den Globalen Süden erklären postkoloniale Theoretiker*innen wie Edward Said diese Verzerrung anhand sogenannter Othering-Prozesse, die ihre Wurzeln in der Kolonialzeit haben. Zentral für koloniale Herrschaftsausübung war die Konstruktion von Differenzen. All diejenigen, die nicht zur Gruppe der Kolonisierenden gehörten, wurden zu »Anderen« gemacht. Das »Eigene« wurde in ein hierarchisches Verhältnis zum »Anderen« gesetzt; aus der Aufwertung des »Eigenen« resultierte die Abwertung des »Anderen«. In der Regel geschah dies durch die Konstruktion von zahlreichen Gegensatzpaaren wie etwa primitiv/zivilisiert, traditionell/modern oder arm/reich, die unsere Wahrnehmung bis heute prägen.

Zwar ist Indien schon seit 1947 keine britische Kolonie mehr. Aber Gruppenvergewaltigungen scheinen bis heute besser in das »rückständige« Bild zu passen, das der Westen von Indien hat, als ein gut organisierter Generalstreik.

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