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Hänger, die in Löcher fallen

Im geradlinig inszenierten Drogendrama »Ben Is Back« spielt Julia Roberts eine scharfsinnige und entschlossene Mutter

  • Von Felix Bartels
  • Lesedauer: 4 Min.

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Sonderbar, dass Drogenfilme so wenig abhängig machen. Sie sind zumeist langweilig, und das auch noch aus Gründen, denn es gibt durchaus Aufregenderes als Hängern dabei zuzusehen, wie sie in Löcher fallen. Ein Charakter, der an Dingen scheitert, die andere einfach Alltag nennen, sonst aber wenig Bemerkenswertes an sich hat, bedarf entweder einer dynamischen Handlung, wie zum Beispiel in »Trainspotting« (1996), die dann allerdings den gebotenen Ernst sabotiert. Oder einer Aufwertung durch herausragende Fähigkeiten, wie etwa bei Sherlock Holmes, dem Urbild des verrückten Genies - als der Form, worin der Common Sense das Außergewöhnliche noch eben erträgt.

Der Film »Ben Is Back« bezieht seine Kraft weder aus der Handlung noch von seinem Titelhelden, sondern daraus, dass der Suchtfall als Anlass dient, die gesamte Familie einem Tox-Screen zu unterziehen. Denn an der wirkt zunächst gar nichts vergiftet. Der Film erzählt ein Geschehen von circa 24 Stunden. Überraschend kehrt das lange abwesende Problemkind Ben (Lucas Hedges) am Heiligabend ins Haus seiner Familie zurück, angeblich mit Erlaubnis seines Betreuers. Noch ehe ein Wort gewechselt ist, machen sich Risse in der Familie bemerkbar. Die kleinen Liam und Lacy freuen sich, ihren Halbbruder kennenzulernen. Mama Holly (Julia Roberts) ist vorsichtig, aber sofort auf Bens Seite. Schwester Ivy (Kathryn Newton) und Stiefvater Neal (Courtney B. Vance) schalten auf Abwehr.

Peter Hedges, als Drehbuchautor eine Art Spezialist für seltsame Familienverhältnisse, arbeitet hierbei mit klassischen Mustern: das Einzelkind, dem das Korrektiv des zweiten Elternteils fehlte, der Stiefvater, der den heimkommenden Sohn als Einfall einer fremden Macht wahrnimmt, die zweitgeborene Schwester, die ihr Hintanstehen durch Fleiß kompensiert und ihren Neid in Moralität verbirgt. Natürlich bleibt es nicht dabei. Die Beziehungen ändern sich, manches tatsächlich, anderes dadurch, dass etwas ans Licht kommt. Es gibt keine reinen Figuren in dieser Umgebung, wo niemand ganz sauber bleiben kann. Der Film lässt sich Zeit, all das zu entwickeln, ehe er in der zweiten Hälfte unterm dynamischen Gewirr einer Crimestory verloren geht. Immerhin: Man zahlt nur einmal Eintritt für eigentlich zwei Filme.

Ben zeigt sich gebessert. Nur: Ist er das auch? Wir sehen ein permanentes Spiel mit der Lüge in der Wahrheit und der Wahrheit in der Lüge. Das ist das eigentliche Thema des Films, der zum Suchtproblem selbst eher Nuancen als Wesentliches parat hat (etwa wenn das Kostüm beim Krippenspiel juckt und der suchterfahrene Bruder rät: »Der Trick ist, nicht zu kratzen«). Wahrheit oder Fürsorge: Was einer will und was er braucht, das ist zweierlei. Ist es manchmal besser zu lügen? Aber kann man je unehrlich sein, ohne dass ein Schaden entsteht? Die Handlung zeigt das Lügen als Folge des Drogenproblems, doch rekonstruktiv scheint sich dieses Verhältnis umzukehren.

Julia Roberts spielt diesen Umschlag so brillant, dass der gern gelobte Lucas Hedges - hier ohnedies und besonders beim Einsatz seiner Stimme überfordert - neben ihr kaum bestehen kann. Sie ist die erfahrene, robuste, scharfsinnige, zugleich vom Schmerz gezeichnete Mutter, durch deren Entschlossenheit immer wieder die Liebe durchscheint. Und diese Mutter, nicht ihr Sohn, erweist sich als die eigentliche Haupt- und Problemfigur. Hollys Umgang mit der Wahrheit wird im Laufe der Handlung beliebiger. Sie deckt Ben gegen den Rest der Familie, und in einer Diner-Szene spricht sie ihn von der Verantwortung für sein vergangenes Handeln damit frei, dass er damals doch ernsthaft geglaubt habe, richtig zu handeln. »Aber für dich«, sagt sie, »war es wahr« - womit die Wahrheit nicht bloß im Handeln, sondern auch als Begriff liquidiert wird. Hollys Verhalten scheint zunächst das Ergebnis der Verwicklung um Ben zu sein, doch wenn man die Frage stellt, wie eine Figur zu dem wurde, was sie nun, in der Handlung, von sich zeigt, lässt es sich auch umgekehrt denken: Hollys legerer Umgang mit der Wahrheit könnte habituell und für Ben prägend gewesen sein.

Diese Rekonstruktion der Vergangenheit hält den zerschnittenen Film gerade noch so zusammen. Erst bricht Ben in die heile Welt der Familie ein, dann Holly in seine schmutzige Welt der Drogen - als habe der Autor seiner Charakterstory nicht genügend vertraut. Das Finale ist dann irgendwas zwischen unentschieden und verharmlosend. Die Andeutung eines nie aufhörenden Kreislaufs durchaus an der Sache vorbei, weil der Gebrauch von Drogen eben doch, früher oder später, ein Ende hat, ein tödliches. Das Ende der Handlung macht einen dramaturgischen Effekt, aber der wurde kaum etabliert und scheint an dieser Stelle gar nicht mehr wichtig. - Um so bedauerlicher das, als dieses unprätentiös und geradlinig inszenierte Werk eben dadurch, dass man die Regie kaum bemerkt, von großer Ausgeglichenheit und Konzentration auf die Handlung, also ganz bei sich ist.

»Ben Is Back«, USA 2018. Regie: Peter Hedges; Drehbuch: Peter Hedges; Darsteller: Julia Roberts, Lucas Hedges, Kathryn Newton.103 Min.

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