Umweltaktivist Tadzio Müller hat seinen Account gelöscht, weil er immer aggressiver wurde.
Facebook

»Ich wurde immer wütender«

Tadzio Müller war erfolgreich auf Facebook: Seine Beiträge wurden häufig geteilt, man hörte ihm zu. Dann stieg er aus.

Von Simon Poelchau

Weißt du noch, was dein letzter Beitrag auf Facebook war?

Mein letzter Beitrag? Warte ... Nein.

Und wie viele Freunde hattest du?

Puh. Auf jeden Fall über 1000. Ich glaube rund 1400.

Wie viele Reaktionen hattest du im Schnitt auf deine Kommentare?

Wenn ich zwischen 100 und 200 Likes hatte, fing es für mich an spannend zu werden. Da war ich dann glücklich. Wenn es weniger Reaktionen gab, war ich schon enttäuscht. Das war für mich auch ein Kernproblem bei Facebook.

Inwiefern?

Ich glaube, ich kann jede Partydroge besser kontrollieren als Facebook. Dieses soziale Netzwerk hat ein krass süchtig machendes Potenzial. Es ist designt wie eine Spielhölle. Und was für deren Betreiber profitabel ist, ist für uns gefährlich.

Jeder Like weckt den Wunsch nach noch mehr Likes.

Facebook ist so programmiert, dass du immer wieder kleine Dopaminausschüttungen kriegst, damit du immer mehr Zeit damit verbringst. Doch am Ende bist du ganz schön unzufrieden. Das fing schon morgens an. Ich konnte gar nicht mehr in Ruhe Zeitung lesen, ohne gleich einen Artikel auf Facebook kommentieren zu müssen. In der Hoffnung auf noch mehr Likes.

Die ganzen Datenskandale waren kein Grund für dich, mit Facebook aufzuhören?

Nein. Die ganze Privacy-Sache war nicht mein Problem. Ich war im Grunde schon immer der Meinung, man solle der ganzen Welt sagen, was man macht, weil einen dann niemand dafür angreifen kann.

Der Grünen-Chef Robert Habeck sieht das anders und hat jetzt wie du die Reißleine gezogen und sich von Facebook und Twitter verabschiedet.

Er hat da auf ein PR-Desaster reagiert. Besser wäre gewesen, wenn das selbstbestimmt gewesen wäre. Trotzdem war es die richtige Aktion von ihm.

Eigentlich warst du recht erfolgreich auf Facebook. Man könnte neudeutsch sagen, du warst fast schon ein Influencer. Einen Anlass hattest du also doch nicht, deinen Account auf Facebook zu löschen.

Es gab auch nicht den einen Anlass. Es hat mich einfach gestresst. Facebook ist kommunikativer Neoliberalismus. Es ist lebenslanges, dauerhaftes Kommunizieren. Und nicht nur normales Kommunizieren, sondern verrohtes Kommunizieren.

Auch die Linke kloppt sich gerne in dem sozialen Netzwerk.

Ob die Frage einer linken Ökopolitik oder Migrationspolitik, wie man über die Arbeiter*innen-Klasse oder Homos und Queers redet, oder der Streit zwischen Kosmopolitismus und Kommunitarismus - ich hab bei vielen Debatten auf Facebook mitdiskutiert. Da wurden diese ganzen ultrawichtigen Sachen besprochen, als ob sich alle im Sandkasten befinden und mit nassem Sand bewerfen würden. Da dachte ich irgendwann, das kann doch nicht gut für die Lebenszufriedenheit sein und klinkte mich vor etwas mehr als einem Jahr wieder aus Facebook aus.

Du wurdest nicht aggressiv, wenn du auf Facebook unterwegs warst?

Natürlich wurde ich das. Ich sah auch an mir, wie ich immer wütender und patziger wurde. Ich dachte jeden Morgen, wenn ich auf Facebook schaute, was die anderen geschrieben haben, boah, was schreibt ihr denn da für eine Scheiße. So etwas denke ich nie, wenn ich Zeitung lese. Und ich lese die »Financial Times«, da steht aus der Perspektive von Linken auch viel Mist drin. Das merkte ich auch morgens, wenn ich am Frühstückstisch saß. Da war niemand, nicht mein Mann, nicht eine Freundin, nicht irgendein Gewissen, das mich aufhielt.

Auf Facebook hat man keine wirklichen Menschen vor sich, sondern eigentlich nur sein Smartphone oder einen Computer.

Es fehlt einfach die Einbettung. Während Facebook online eine Community schafft, stellt es in Hinblick auf die tatsächliche Alltagskommunikation eine erhebliche Entwertung dar. Vielleicht bin ich da auch ein bisschen old-fashioned, aber analoge Kommunikation gibt einem etwas anderes als digitale Kommunikation. Es gibt einem etwas Menschliches. Das ist so wie guter, realer Sex versus Cybersex. Das hat mit der Dichte und Vollständigkeit zu tun, die bei Facebook fehlt.

Genauso wie die »Friends« auf Facebook meist keine wirklichen Freunde sind …

Community, Friends, Likes. Das Netzwerk nutzt Dinge und Begriffe, die wir eigentlich gut finden, schafft aber eine Kommunikation, die der Art und Weise, wie wir zusammenleben wollen, nicht zuträglich ist. Und das liegt alles an dieser rein quantitativen Like-Schiene, an der man immer gleich messen und vergleichen kann, wie beliebt man ist.

Da wird ein Freund schnell zum Konkurrenten.

Natürlich. Alexis zum Beispiel, ein alter Freund von mir aus Frankfurt, hat häufig mal einen Artikel, den ich auch teilen wollte, mit dem gleichen Kommentar, wie er mir auch vorschwebte, vor mir auf Facebook gepostet. Da war ich schon sauer.

Gleichzeitig weckt Facebook einen gewissen Narzissmus in einem.

Bevor ich auf Facebook war, hat mir eine Kollegin gesagt, das sei nicht gut für mich. Eben weil ich eine teilweise narzisstische Persönlichkeitsstruktur habe und abhängig bin von externer Bestätigung und Anerkennung. Unter anderem deswegen wollte Donald Trump auch US-Präsident werden. Es ist seine Twitter-Sucht. Er wusste, dass er 300 Millionen Follower und eine Million Likes für einen Tweet kriegen würde.

Dabei ist die Anerkennung, die man auf den sozialen Medien bekommt, eine flüchtige.

Ich entschloss mich, aus Facebook auszusteigen, genau zu jener Zeit, als mein jetziger Mann bei mir einzog. Damit hatte ich dann zwei Formen von Bestätigung: Die eine schöne und unbedingte Bestätigung, die nachhaltig und immer da ist, und die andere euphorische und drogenhafte ...

… die dich auch kurz vorm Schlafengehen dazu verführt hat, nochmal auf Facebook zu gehen.

Dabei habe ich nie um elf oder halb zwölf nochmal meine E-Mails gecheckt oder die Tagesschau gesehen. Deswegen sag ich auch, dass ich meinen Substanzenkonsum besser kontrollieren kann als meinen Facebook-Konsum.

Warum?

Wenn ich mal Drogen nehme, dann ist das auf Schwulenpartys oder in Clubs. Da habe ich eine schöne Zeit, in der ich high bin. Aber da bin ich eingebettet in eine Community, die auf mich aufpasst. Und es bestimmt nicht meinen Alltag. Das sind geschlossene Räume, die ich irgendwann wieder verlasse und dann zur Arbeit gehe.

Du bist eben kein Jugendlicher, der alleine vor seiner Playstation kifft.

Das ist wahr. Du brauchst für jede Praxis eine Einbettung und Kontrollinstanz. Und bei Facebook gibt es die nicht. Stattdessen ist das Netzwerk so aufgebaut, dass du dich darin verlieren sollst.

Wenn du jetzt die ganze Zeit über Facebook lästerst, warum bist du dann überhaupt da eingestiegen?

Das war wegen einer Reise nach Montreal im Herbst 2016. Ich habe da einen total heißen Typen kennengelernt, der meinte, wir müssten in Kontakt bleiben und ich deswegen auf Facebook gehen. Ich hatte also einen einfachen, funktionalen Grund dafür: attraktive, schwule Männer kennenlernen und mit ihnen kommunizieren. Und dann habe ich die ganzen Vorteile kennengelernt: Plötzlich haben mich Menschen angeschrieben, mit denen ich vor 15 Jahren auf irgendeiner Barrikade stand. Das war toll. Facebook verbindet eben auch Menschen miteinander.

Irgendwie hat es also auch Spaß gemacht.

Zumindest habe ich die sozialen Medien nicht mit dem Gedanken verlassen, dass sie alles kaputt gemacht hätten. Es war eher wie eine exzessive Partyphase, die man im Studium hat. Die schön aber häufig auch anstrengend war. Nach dem Motto: Ich hatte eine gute Zeit, aber langfristig wäre das überhaupt nichts für mich.

Heute lebst du also entspannter ohne Facebook?

Zumindest sind die Morgende entspannter. Ich lese wieder eine halbe, dreiviertel Stunde die Zeitung, ohne den Drang zu haben, etwas posten zu müssen. Es gibt mir Zeit, Dinge in Ruhe durchzulesen, statt 15 Posts schnell zu überfliegen. Die Aufmerksamkeitsspanne verändert sich dadurch ja auch. Ich bin im Grunde total zufrieden.