Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Die Ärmsten sind in Mitte

Ein neuer Bericht zur sozialen Lage offenbart große Unterschiede zwischen den Bezirken

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 3 Min.

Berlin-Mitte ist ein vielfältiger Bezirk, das zeigt sich schon an der Zusammensetzung seiner Bewohner*innen: Mehr als die Hälfte der Menschen hat einen Migrationshintergrund, in Gesundbrunnen und im Zentrum von Wedding sind es sogar über 60 Prozent. Ihre Herkunft ist dabei je nach Ortsteil sehr unterschiedlich. Während in Wedding und Gesundbrunnen relativ viele türkeistämmige Menschen leben, sind es im Zentrum vor allem Menschen aus EU-Ländern. »Wir haben einen echten Gemischtwarenladen«, so der stellvertretende Bezirksbürgermeister und Bezirksstadtrat Ephraim Gothe (SPD) bei der Vorstellung des Berichts zur Bevölkerungsentwicklung und sozialen Lage in Mitte.

Insgesamt zeichnet Gothe ein düsteres Bild der Lage im Bezirk: »Von Chancengleichheit kann in Berlin nicht die Rede sein«, konstatiert er. »Wird ein Kind in Wedding geboren, ist die Chance auf eine gute Schulbildung, Zugang zum Arbeitsmarkt und somit Selbstverwirklichung viel geringer als zum Beispiel in Pankow.« Das zeigen auch die Daten in den Bereichen Bildung, Einkommen und Arbeit: So wird Mitte, beim Anteil der Bevölkerung ohne Schulabschluss nur noch von Neukölln übertroffen (siehe Kasten). Ähnlich sieht es bei der Berufsbildung aus. Insgesamt liegt der Anteil der Menschen mit einem niedrigen Bildungsstand bei knapp 20 Prozent.

Auffällig sind hierbei die großen Unterschiede bei Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund: Während nur zehn Prozent der Deutschen ohne Migrationserfahrung einen niedrigen Bildungsstand haben, sind es bei Deutschen mit Migrationserfahrung in Berlin doppelt so viele und in Mitte sogar dreimal so viele. Bei Menschen ohne deutschen Pass sind es sogar viermal so viele.

Auch finanziell steht Mitte sehr viel schlechter da als die anderen Bezirke: Das durchschnittliche Nettoeinkommen ist das zweitniedrigste Berlins und liegt pro Kopf bei nur 1075 Euro - das sind 400 Euro weniger als etwa in Pankow. Die Arbeitslosenquote ist eine der höchsten Berlins und mehr als 20 Prozent der unter 65-Jährigen leben von Hartz IV. Doch nicht nur im Vergleich zu anderen Bezirken gibt es große Unterschiede, auch innerhalb des Bezirks selbst: Während in Gesundbrunnen fast 40 Prozent der Bevölkerung Hartz IV bezieht, sind es in im Zentrum nur knapp zehn Prozent, im Gebiet Brunnenstraße Süd sogar nur fünf Prozent.

Das trifft besonders die Kleinsten: 43,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen leben von Hartz IV. In Gesundbrunnen, im Westen von Wedding und im Norden von Moabit liegt der Anteil der sozial benachteiligten Kinder und Jugendlichen sogar über 60 Prozent. Zum Vergleich: In ganz Berlin sind es 29 Prozent, am besten schneidet auch hier Pankow mit 12 Prozent ab. »Wir sind nicht nur sehr unterschiedlich aufgestellt, es geht auch immer weiter auseinander«, konstatiert Gothe.

Die gestiegenen Mieten treffen Mitte daher besonders hart: Mehr als die Hälfte der Haushalte gibt mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für die Miete aus. Für die Kosten der Unterkunft zahlt das Sozialamt pro Jahr 240 Millionen Euro an 40 000 Bedarfsgemeinschaften. Das betrifft sowohl diejenigen, die sich ihre Miete nicht mehr leisten können, als auch Wohnungslose. 90 Prozent dieser Menschen wohnen in privaten Wohnhäusern schätzt Gothe. »Das ist eine Umverteilung von unten nach oben.«

Um gegenzusteuern fordert der Sozialdemokrat eine Steigerung des Mindestlohns und eine Änderung der Bodenpolitik durch die Einführung von gemeinwohlorientierten Grundlagen für die Bewirtschaftung von Boden. »Die Mietpreise müssen sich an den Kosten orientieren«, so Gothe. Er spricht sich zudem dafür aus, den Rahmen für das staatliche Vorkaufsrecht zu erweitern und eine Steuer für leistungslose Gewinne einzuführen. »Das finde ich wichtiger als große Wohnungskonzerne zu enteignen«, sagt er mit Blick auf die Initiative »Deutsche Wohnen und Co enteignen«, deren Vorhaben zuletzt von 55 Prozent der Berliner*innen befürwortet wurde.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln