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Gift für den Atommüll

Immer mehr salzhaltiges Wasser fließt ins Bergwerk Asse, wo 126 000 Fässer mit radioaktiven Abfällen lagern

  • Von Reimar Paul
  • Lesedauer: 4 Min.

Immer mehr salzhaltiges Wasser sickert in das Atommülllager Asse II bei Wolfenbüttel. In 658 Metern Tiefe, wo die Bergleute den größten Teil der Lauge auffangen und sammeln, stieg die registrierte Menge vom 11. auf den 12. Januar von 12.510 auf 14.140 Liter, teilte die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) am Wochenende mit. Die BGE ist Betreiber des ehemaligen Salzbergwerks, in dem rund 126.000 Fässer mit radioaktiven und chemischen Abfällen lagern.

In den vergangenen sieben Tagen wurden an besagter Stelle durchschnittlich rund 12.800 Liter Flüssigkeit pro Tag aufgefangen. Zum Vergleich: In den Monaten vor Oktober 2018 lag der Durchschnitt bei rund 11.600 Liter pro Tag. Die Werte schwankten jedoch um mehrere hundert Liter täglich.

Die Entwicklung zeige, so die BGE, dass die »Integrität« der südlichen Flanke des Salzstocks Asse beschädigt sei und sich daher die Verhältnisse im Grubengebäude ständig weiter veränderten. Im Klartext: Die Atommülldeponie ist instabil, es drohen unkontrollierte Grundwassereinbrüche. Diese wären Gift für die in 13 unterirdischen Kammern eingelagerten Behälter. Die Nachbarschächte Asse I und Asse III waren schon früher voll Wasser gelaufen und aufgegeben worden.

Das zulaufende Wasser ist der BGE zufolge nur leicht radioaktiv belastet. Die Belastung mit radioaktivem Tritium lag im vergangenen Jahr bei weniger als sechs Becquerel pro Liter. Für Trinkwasser beträgt der Grenzwert für Tritium 100 Becquerel pro Liter. Die Einheit Becquerel gibt die Anzahl der radioaktiven Zerfälle pro Sekunde an. Die Messwerte für radioaktives Cäsium-137 lagen den Angaben zufolge bei allen Messungen unterhalb der Nachweisgrenze.

Das frühere Salzbergwerk Asse II diente zwischen 1967 und 1978 als sogenanntes Versuchsendlager. 1967 wurden dort die ersten 80 Fässer mit radioaktiven Abfällen aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe versenkt. Zuletzt gelangten im Jahr 1978 Abfälle unter die Erde. Darunter sind rund 100 Tonnen radioaktives Uran, 87 Tonnen strahlendes Thorium, 28 Kilogramm Plutonium und 500 Kilogramm extrem giftiges Arsen. Teilweise kippten Gabelstapler die Fässer einfach über Abhänge oder quetschten sie in bereits volle Hohlräume. Bis heute halten sich Gerüchte, dass dort auch Kadaver von Affen und anderen Säugetieren vermodern, mit denen in der Vergangenheit radioaktive Versuche gemacht wurden. Unklar ist auch, ob entgegen offiziellen Beteuerungen nicht auch hochradioaktiver Müll verklappt wurde.

Weil der Atommüll nicht mit dem zulaufenden Wasser in Berührung kommen darf, sollen die Behälter nach Möglichkeit an die Oberfläche geholt und dort dauerhaft gelagert werden. Die BGE will nach den Worten von Geschäftsführer Stefan Studt noch in diesem Jahr einen Plan für die Bergung vorlegen. Studt sagt, er könne nicht versprechen, dass die radioaktiven Abfälle aus der Asse tatsächlich an die Oberfläche geholt würden. Die BGE habe aber den Auftrag, das zu realisieren. »Wir befinden uns in einem Wettlauf, den Müll zu bergen, bevor uns mit der Asse etwas passiert.«

Mit dem Herausholen der Fässer wäre es ohnehin nicht getan: Ein neuer Schacht muss in den Berg getrieben, ein oberirdisches Zwischenlager gebaut und eine dauerhafte Lagerstätte für den Asse-Müll gefunden werden. Das im Bau befindliche Endlager Schacht Konrad kann die Abfälle ohne ein neues Genehmigungsverfahren gar nicht aufnehmen. Umweltschützer vermuten ohnehin, dass manche Politiker keine Bilder von zerfressenen Fässern und einem strahlenden Brei aus Salzlauge und Atommüll wollen.

Vor dem Hintergrund erheblich erhöhter Laugenzuflüsse in das marode Atommülllager Asse drängen Bürgerinitiativen auf mehr Tempo bei der Bergung der radioaktiven Abfälle aus dem Bergwerk. Der Bau eines neuen Schachts, über den die Fässer an die Oberfläche geholt werden sollen, müsse umgehend beginnen, forderte der Asse II-Koordinationskreis am Montag. Ziel aller Maßnahmen unter Tage müsse sein, den Atommüll so weit wie möglich trocken zu halten. »Die Erhöhung des Laugenzuflusses macht den Zeitdruck deutlich, unter dem die Bergung des Atommülls aus der Schachtanlage Asse II steht«, sagte ein Sprecher des Kreises.

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