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Henne oder Ei

»materializing feminism« führt die Kämpfe gegen Patriarchat, Kolonialismus und Kapital zusammen

  • Von Florian Geisler
  • Lesedauer: 4 Min.

Es soll wieder mehr ums Wesentliche gehen. Darin sind sich die Linken einig, von den Jusos über Didier Eribon bis hin zu den Vertretern einer »Neuen Klassenpolitik«: Zu lange habe das moderne kritische Denken die Möglichkeiten des Marxismus brachliegen lassen, jetzt sei es endlich an der Zeit, doch mal zum Beispiel Marx’ Thesen über Ludwig Feuerbach aufzuschlagen und den guten alten Materialismus zu pauken.

Während viele Kommentare aber den Begriff »Materialismus« zumeist einfach mit Bildern von rauchenden Schloten und rußverschmierten Gesichtern verbinden - also schlicht mit »Materiellem« eben - gehen die Beiträge in dem neuen Band »materia- lizing feminism« vom Unrast-Verlag dankenswerterweise ein wenig der Frage nach, was denn »Materialismus« überhaupt ist und was es bedeuten kann, Feminismus und Materialismus in Verbindung zu bringen.

In dieser Frage ringen traditionell zwei große Schulen um Einfluss und Bedeutung. In der einen, sich stärker auf Karl Marx beziehenden Denkweise wird üblicherweise untersucht, wie die materiellen Eckdaten des Alltagslebens - also etwa Klassenlage, Produktionsweisen oder die internationalen Verkehrsformen - sich auf das Bewusstsein der einzelnen Menschen und den Zustand von Gesellschaft, Politik und Kultur auswirken. In einer anderen, entgegengesetzten Denkweise - die oft eher mit Namen wie Michel Foucault oder Judith Butler in Verbindung gebracht wird - geht es um die Frage, wie genau umgekehrt die Kultur und die Art und Weise, wie die Gesellschaft ihre Mitglieder in Kategorien einteilt, sich später in der Produktionsweise wiederfinden, sprich: sich »materialisieren«.

Die einzelnen Beiträge des Bandes von Friederike Beier, Lisa Yashodhara Haller und Lea Haneberg, der aus der letzten Berliner Tagung anlässlich des Frauenkampftags unter dem gleichen Titel hervorgegangen ist, zeigen die Schnittmengen, aber auch die Probleme bei der Vermittlung dieser beiden Seiten auf. Friederike Beier macht transparent, wie feministische Bewegungen in der Geschichte oft in rassistischer und kolonialer Weise umgedeutet und so Teil des neoliberalen Systems wurden. Ihr Vorschlag: sich als Bewegung in Zukunft lieber »Zeit und Räume außerhalb jener internationalen Regierungsstrukturen« zu suchen, in denen diese Vereinnahmung möglich wurde. Fabian Henning verwirft in »materializing feminism« den in letzter Zeit verstärkt ins Spiel gebrachten »new materialism« lediglich als eine »Affirmation postmoderner Geschlechterverhältnisse«. Auch Andrea Trumann diagnostiziert »immer autoritärere Züge« in der Queer-Szene und bekennt nach ausführlicher Butler-Kritik Farbe für eine Art Primat der materialistischen Per-spektive: »In der kapitalistischen Produktionsweise ist die Produktion von der Reproduktion getrennt [und] in dieser Trennung liegt der zentrale Grund der Geschlechtertrennung.«

Das Alleinstellungsmerkmal des Bandes ist, dass er sich in Nähe zur Tradition der Kritischen Theorie positioniert und sich auch mit den Möglichkeiten einer »Formanalyse« von Gesellschaften auseinandersetzt. Damit unterscheidet er sich etwa von den Beiträgen aus der Richtung einer feministisch-materialistischen Staatstheorie, wie beispielsweise von Alexandra Scheele und Stefanie Wöhl in »Feminismus und Marxismus«. Aber auch aus der Richtung einer eher operaistischen oder trotzkistischen Perspektive auf Feminismus, wie etwa bei Cinzia Arruzzas »Feminismus und Marxismus. Eine Einführung« oder »Brot und Rosen. Geschlecht und Klasse im Kapitalismus« von Andrea D’Atri und Lilly Schön.

Den wichtigsten Beitrag des Bandes stellt aber zweifellos Juliana Moreira Strevas Auseinandersetzung mit der postkolonialen Identitätspolitik dar. Darin wird als zentrales Problem benannt, »dass das patriarchalisch-kapitalistische System und die koloniale Expansion primär nicht nur auf unterbezahlter, sondern auch auf versklavter und gänzlich unbezahlter Arbeit basieren« - und warum schon deshalb die Alternative von Identitätspolitik und Analyse reiner kapitalistischer »Formen« eine falsche ist.

Jeder Schritt heraus aus dem autoritären Schatten der »Blauen Bände« der Marx-Engels-Gesamtausgabe ist also zu begrüßen - wenn er wohlüberlegt ist. Alle, die sich für die offenen Fragen und vor allem auch für die Probleme bei der Zusammenführung der Kämpfe gegen Patriarchat, Kolonialismus und Kapital ernsthaft interessieren, sind mit »materializing feminism« gut beraten.

Worin genau aber die Verquickung von Feminismus und Materialismus letztendlich besteht, bleibt natürlich offen - doch je mehr wir lernen, nicht nur nach der Vereinbarkeit von feministischer Kritik und Materialismus zu fragen, sondern wirklich jenseits dieses falschen Gegensatzes zu denken, desto näher kommen wir auch neuen politischen Lösungen.

Friederike Beier, Lisa Yashodhara Haller, Lea Haneberg: materializing feminism. Unrast Verlag, 248 S., brosch., 16 €;

Lesung am 7. Februar im SO36, Oranienstraße 190, Berlin.

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