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Immer mehr Frauenmorde in Österreich

In den ersten Wochen des Jahres bereits vier Opfer partnerschaftlicher Gewalt

  • Von Ulrike Kumpe
  • Lesedauer: 4 Min.

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Angehörige demonstrieren mit Pappfiguren als Symbole für die getöteten Frauen in Ciudad Juarez 2003 in Mexiko. Deutlich weniger ermordete Frauen gibt es in Österreich, dennoch steigt ihre Zahl seit Jahren an.
Angehörige demonstrieren mit Pappfiguren als Symbole für die getöteten Frauen in Ciudad Juarez 2003 in Mexiko. Deutlich weniger ermordete Frauen gibt es in Österreich, dennoch steigt ihre Zahl seit Jahren an.

Das Jahr ist erst drei Wochen jung und in Österreich ist bereits die vierte Frau ermordet worden. In der Nacht von Montag zu Dienstag ereignete sich am Wiener Hauptbahnhof der jüngste Fall. Eine 25-jährige wurde von ihrem Bruder erstochen. Zwei weitere Fälle gab es kurz vor Jahresende. Seit 2014 steigt die Zahl der Morde an Frauen im Land alamierend an.

Nach Angaben des Vereins Autonomer Österreichischer Frauenhäuser hab sich die Zahl der Morde innerhalb des Familienkreises im Zeitraum von vier Jahren mehr als verdoppelt. Die Opfer seien mehrheitlich Frauen. 2017 habe es 36 Tötungsdelikte in Familien gegeben. In 24 Fällen waren Frauen die Getöteten. Im Vergleich dazu habe es 2014 insgesamt nur 17 Fälle gegeben.

Nach Angaben österreichischer Medien war am Sonntag eine 16-jährige in einem Wiener Park erwürgt aufgefunden worden. Unter Verdacht steht ihr Ex-Freund. Zuvor wurde eine vierfache Mutter von ihrem Ehemann in der Gemeinde Amstetten in Niederösterreich niedergestochen. Auch in Krumbach fügte vor einer Woche ein Ex-Freund seiner ehemaligen Partnerin tödliche Stichverletzungen zu.

Kurz vor Weihnachten hatte ein Ehemann in Wien seine Frau in der Badewanne ertränkt. Mitte Dezember wurde eine 16-jährige von ihrem Freund erstochen. Die Täter waren vorher bereits wegen Übergriffen gegen Frauen bekannt. Die Frauensprecherin der Grünen Wien, Barbara Huemer, zeigt sich betroffen: »Das Gewaltausmaß gegenüber Frauen ist unerträglich geworden.«

Die meisten Morde an Frauen stehen am Ende einer langen Geschichte von Demütigung und Gewalt. Die Polizei habe allein 2017 nach dem Tätigkeitsbericht der »Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie« 8.755 Betretungsverbote für Täter aussprechen müssen. Außerdem seien 18.860 Opfer von den Gewaltschutzzentren und Interventionsstellen betreut worden. Über 80 Prozent waren Frauen und Mädchen.

Im Interview sagte Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP) bereits nach dem zweiten Frauenmord des Jahres, gegenüber der Medienplattform »oe24«: »Wir haben vorausschauend schon letztes Jahr agiert und Budget in Richtung Opfer- und Gewaltschutz umgeschichtet.« Hier wendet die Ministerin positiv, dass sie im letzten Jahr massiv bei Frauenberatungsstellen gekürzt hatte.

Die rechts-konservative Regierung hat der Gleichberechtigung an deutlich mehr Stellen den Kampf angesagt. Das Innenministerium stellte die Zusammenarbeit mit den Frauenhäusern ein. Referentinnen aus den Frauenhäusern hatten Polizeischüler bislang zum Thema »Gewalt gegen Frauen« geschult.

Nach Informationen des Frauenrings wurden auch die Gleichstellungsstellen im Bildungs- und Wissenschaftsministerium sowie im Sozial- und Gesundheitsministerium (BMASGK) gestrichen. Zudem wurde das Projekt für Hochrisikofälle »Marac«, an dem auch die Frauenhäuser beteiligt waren, seitens der Polizei eingestellt. Einer Vielzahl kleiner Beratungsstellen wurden darüber hinaus die Mittel um bis zu 100 Prozent gekürzt.

Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) kündigte am Dienstag die Einrichtung einer Screening-Gruppe an, dies sei ein »erster Schritt«, sagte SPÖ-Bundesfrauengeschäftsführerin Andrea Brunner. Zugleich kritisierte sie in einer Presseerklärung: »Hätte Kickl Marac nicht eingespart, müsste er jetzt nicht eine neue Kommission einrichten.«

Die Spitzenkandidatin und Sicherheitssprecherin der Grünen Wien, Birgit Hebein, sagte am Mittwoch zu den aktuellen Morden: »Wir Wienerinnen müssen in einer der sichersten Großstädte der Welt das Gefühl haben, auch in unserem persönlichen Lebensumfeld frei von Angst und Gewalt leben zu können. Die Gewaltschutzeinrichtungen leisten tagtäglich hervorragende Arbeit und es ist ein Hohn, dass die Bundesregierung hier kürzt. Es führt kein Weg daran vorbei, auch die patriarchalischen Strukturen und deren Auswirkungen zu untersuchen«.

Auch die Ex-Grüne Feministin Sigi Maurer meldet sich mit einem Tweet zu Wort, mit dem sie rassistische Erklärungungen kritisiert: »Das einende Merkmal bei Männern, die Frauen ermorden ist, dass sie Männer sind. Das scheint für manche Kommentatoren so ein unvorstellbarer Umstand zu sein, dass sie sich die Gewalt mit Konstruktionen von Nationalität und Kultur zu erklären versuchen.« Sie selbst war Opfer sexualisierter verbaler Übergriffe geworden und musste sich, wegen deren Veröffentlichung vor Gericht verantworten.

Maurer trifft mit ihren Äußerungen auf Twitter die Meinung vieler User. Ihr Tweet hat aktuell etwa 1600 Likes. In einem weiteren Tweet greift sie das Thema erneut auf: »Das Patriarchat, das sind wir alle, und es wäre an der Zeit, dass jene Männer, die sich jetzt in rassistischen Thesen ergehen, hinterfragen, warum genau sie solch große Angst vor dieser Erkenntnis und der notwendigen Reflexion haben.« Damit greift Maurer Reaktionen auf, die darauf zielen, dass auch Geflüchtete Täter unter diesen sechs Fällen waren.

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