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Geschichten von Schals oder Brillen

Christoph Ruf ärgert sich über die simplen Erregungsmuster und die Internethörigkeit mancher Sportjournalisten

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Vielleicht haben Sie ja gestern Abend den »Tatort« gesehen. Ich tue das auch oft, wenn ich sonntags um 20 Uhr 15 zu Hause bin und fühle mich meist gut unterhalten. Eine Sache nervt mich allerdings kolossal: Immer, wenn in der Story Journalisten vorkommen, weiß ich nicht so recht, ob ich lachen oder schreien soll. Ein handelsüblicher »Tatort«-Drehbuchschreiber scheint sich eine Pressekonferenz nicht als eine meist langweilige, stets aber ausgesprochen undramatisch verlaufende Pflichtveranstaltung vorzustellen, die sie in Wirklichkeit ist. Sondern als Big Drama: Schwitzende Polizeipräsidenten oder Politiker oben auf dem Podium - eine brüllende Masse an Stifte zückenden Journalisten auf der anderen Seite. Noch schlimmer wird es, wenn der Journalist im »Tatort« alleine im Einsatz ist, denn dann lümmelt er bis nachts um 4 in einem Mittelklassewagen vor Wohnungen herum. Stets auf der Suche nach den großen Geschichten, die sich ja bekanntlich mitten in der Nacht in geparkten Autos am besten recherchieren lassen.

Echte Journalisten müssen Sie sich ganz anders vorstellen. Deutlich unspektakulärer. Deutlich ruhiger. Und deutlich kleinlauter. Die meisten von uns sind, vor allem wenn sie im Bereich des gedruckten Wortes unterwegs sind, eher verunsichert als vorlaut. Was der Branche zu schaffen macht, ist bekannt: Die Auflagen sinken, viele Redaktionen sparen in einem Maße, das Qualitätsjournalismus kaum noch ermöglicht. Und wo man früher in öffentlichen Verkehrsmitteln viele Menschen mit Zeitungen sah, sieht man heute Leute, die auf Smartphones blicken. Vielen von ihnen merkt man an, dass sie dort kein E-Paper lesen. Spätestens dann, wenn sie zu reden anfangen. Das Gefühl, vor allem an jungen Menschen vorbeizuschreiben, ist nicht schön.

Vielleicht ist die Verunsicherung in den Sportressorts am größten, denn in einem Bereich, in dem es dermaßen stark um Aktualität geht, muss Printjournalismus genau das bieten, was Push-Nachrichten nicht liefern können: Die Hintergrundrecherche zur Goldmedaille, die schön erzählte Geschichte, die kenntnisreiche Reportage, das Porträt, das »nah dran« ist, weil der Journalist den Sportler gut kennt und ihn wirklich be-schreiben kann. All das gibt es auch noch.

Doch leider vor allem in manchen größeren Redaktionen eher als Ausnahme. Der Sportjournalismus muss sich also schon fragen lassen, ob er nicht auch selbst daran Schuld ist, dass er eine Sinn- und Existenzkrise hat. Wenn - wie am vergangenen Wochenende - zwei solch faszinierende Spiele wie Hoffenheim gegen Bayern oder Leipzig gegen Dortmund ausgespielt wurden, gibt es aus journalistischer Sicht alle möglichen Themen, außer einem: dem Schal von Bayern-Trainer Niko Kovac. Doch der (ist er zu groß?) wurde in vielen Medien thematisiert. Auch die Brillengröße des Bundestrainers ist offenbar ein Thema, die Freundinnen der Spieler, ihre Autos. Wenn in unserer Branche so viel geduzt wird, dann zeugt das auch von einer Distanzlosigkeit, die fast automatisch zu Fragen nach Schals und Autos führt.

Merkwürdig auch, dass es Kollegen gibt, die schon beim Erstkontakt erzählen, welches ihr Lieblingsverein ist. Einige von ihnen reden auch dann noch von »wir« und »uns«, wenn sie über genau diesen Lieblingsverein täglich berichten. Ich würde einen hohen Wetteinsatz eingehen, dass es in Berlin keinen Parlamentsberichterstatter gibt, der im ersten Satz erzählt, welche Partei er wählt, oder der auf einem Parteitag von »uns« spricht, wenn er sich mit einem Politiker unterhält.

Noch schlimmer - aber das ist kein Spezifikum des Sportressorts - ist die Internethörigkeit mancher Kolleginnen und Kollegen. Wenn ein Text mit der Frage einleitet, wie »das Netz« reagiere, blättere oder klicke ich weiter. Mich interessiert es nicht, was Leute auf Facebook oder Instagram posten, zumindest journalistisch nicht.

Kein Journalist wäre in den seligen Zeiten vor dem Internet auf die Idee gekommen, einem Gang über den Wochenmarkt Nachrichtenwert zuzubilligen. Von 100 Leuten, deren Gespräche man dort mithört, reden viele dummes Zeug, andere sind cleverer. So ist das im Leben, die Menschen sind verschieden, auf dem Marktplatz wie im Netz. Ein Journalismus, der meint, dann aktuell zu sein, wenn er noch die letzte Flatulenz aus dem vorletzten Vereinsforum thematisiert, der endet bei Kaisers Bart und Kovacs Schal. Vor allem aber endet er.

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