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Flucht vor dem nächsten Femizid

Immer neue Migrantenkarawanen machen sich auf den Weg in Richtung USA - darunter viele Frauen

  • Von Sonja Gerth, San Pedro Sula
  • Lesedauer: 6 Min.

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Der Großteil der rund 7.000 Menschen, die sich im Herbst vergangenen Jahres in einer großen Karawane von Zentralamerika zu Fuß in Richtung USA aufgemacht hatten, hängt immer noch an der US-Grenze im mexikanischen Tijuana fest. Die wenigsten haben es an das Ziel ihrer Träume gebracht, doch das hält die Menschen in Honduras und El Salvador nicht davon ab, sich erneut in Karawanen zusammen zu tun. Gerade Frauen erhoffen sich davon mehr Schutz während der Reise.

Das Wetter ist frisch dieser Tage in San Pedro Sula, um die zwanzig Grad und leichter Regen. Doch das ist das letzte, was die Männer, Frauen und Kinder davon abhielte, sich hier den Karawanen in Richtung Norden anzuschließen. Weder die Drohungen von US-Präsident Donald Trump noch das gut gemeinte Kauderwelsch einer US-amerikanischen Botschaftsangestellten in Honduras, die die Menschen in sozialen Netzwerken warnte, dass sie sowieso kein Asyl bekommen würden, noch die Ankündigung der honduranischen Regierung, Mütter und Väter riskierten bis zu drei Jahre Gefängnis, wenn sie ihre Kinder undokumentiert mit sich führten, haben bisher Eindruck auf die Menschen gemacht.

Sie fliehen vor der Arbeitslosigkeit, der Armut, der Bandengewalt. »Jeden Tag wird jemand umgebracht, Busfahrer, Passagiere, man wird einfach nicht in Ruhe gelassen«, erzählt Betsy aus dem Küstenort Puerto Cortés einer örtlichen TV-Station. Von den Karawanen erhoffen sich insbesondere Frauen, Familien und Personen mit Behinderungen mehr Schutz als sie hätten, wenn sie sich alleine auf die Reise nach Norden machen würden. Die Karawane, die im Vorfeld der US-Kongresswahl im November auf dem Weg war und zeitweise mehr als 7.000 Menschen zählte, bestand nach Angaben der Nachrichtenagentur Cimacnoticias fast zur Hälfte aus Frauen und Minderjährigen.

Die Frustration der Menschen sei nicht zuletzt auf den mutmaßlichen Betrug bei der Präsidentenwahl im November 2017 zurückzuführen, meint Merary Ávila, Anwältin im Netz honduranischer Menschenrechtsverteidigerinnen. Damals war nach wochenlangen Protesten der Konservative Juan Orlando Hernández zum Sieger erklärt worden, obwohl es selbst aus Sicht der Organisation amerikanischer Staaten erhebliche Unregelmäßigkeiten gab. »Viele Menschen besonders im Norden des Landes haben gegen Hernández protestiert. Und aus dieser Region schließen sich die Menschen den Karawanen an. Sie sehen keine Zukunft mehr hier«, so Ávila.

5,8 Femiziden pro 100.000 Frauen

Ein frauenspezifischer Fluchtgrund ist neben Armut und Perspektivlosigkeit die sexuelle Gewalt. In Honduras wurden 2017 nach Angaben der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Cepal) 235 Frauen umgebracht. Mit 5,8 Femiziden pro 100.000 Frauen ist das die zweithöchste Rate der Region nach El Salvador. Im gleichen Jahr wurden laut dem Frauenrechtszentrum CDM 1339 Vergewaltigungen zur Anzeige gebracht, die wenigsten davon resultieren in Haftstrafen für die Täter. Wenn die Frauen dagegen medizinische Hilfe benötigen, »müssen sie selbst ihre Medikamente mit ins Krankenhaus bringen, denn dort gibt es keine«, meint die Menschenrechtsanwältin Ávila.

Eine der Frauen, die während des ersten Trecks nach Norden in einem Auffanglager in Mexiko Stadt übernachtete, war die 18-jährige Brenda. Sie hatte ihre fünf Jahre alte Tochter bei der Mutter in Honduras zurückgelassen, um einer gewaltsamen Beziehung zu entgehen. Ihr Partner Mario habe sie sogar mit dem Tod bedroht, erzählte sie der Agentur Cimacnoticias. Als sie in den Nachrichten von der Karawane hörte, packte sie ihre Sachen in zwei Plastiktüten zusammen und versteckte sie unter dem Bett. Dann wartete sie, dass Mario das Haus verließ, brachte die Tochter zur Mutter und machte sich auf zur Busstation in San Pedro Sula. »Der Weg ist sehr weit. Wir können die Risiken tragen, aber für die Kinder ist es zu schwer«, meinte Brenda. Die junge Honduranerin hatte sich innerhalb der Karawane einer Gruppe von vier Frauen und ihren Ehemännern angeschlossen.

Dennoch stellt auch die Karawane keinen hunderprozentigen Schutz dar. Im Auffanglager in einem Sportzentrum im Osten von Mexiko Stadt wurden im November auch Übergriffe dokumentiert. Ein Mann war mehrfach in die bereitgestellten Zelte eingedrungen und hatte Frauen belästigt. Etwa 100 Migrantinnen und Migranten verschwanden auf dem Weg durch den Bundesstaat Veracruz im Südosten von Mexiko und sind bis heute nicht wieder aufgetaucht. Die Bedrohung durch verschiedene Drogenkartelle, die weite Korridore und ganze Bundesstaaten auf dem Weg in die USA unter ihrer Kontrolle haben, ist allgegenwärtig. Aus diesem Grund nehmen die Karawanen auch den Weg nach Tijuana an der Grenze zu Kalifornien auf sich, deutlich weiter entfernt als die Übergänge nach Texas. Doch die mexikanischen Bundesstaaten Tamaulipas, Nuevo Leòn oder Coahuila, durch die dieser Weg führt, sind zu gefährlich.

Mexiko gibt sich gemäßigt gegenüber Migranten

Bei dieser Karawane treffen die Migrantinnen, anders als im Herbst 2018, auf eine neue mexikanische Regierung. Diese hat versprochen, einen Menschenrechtsfokus einzuhalten. Die Regierung setzt auf »geordnete Einwanderung«. Wer seine Papiere einreiche und Fingerabdrücke abgebe, werde hereingelassen, kündigte die Innenministerin Olga Sánchez Cordero Anfang Januar an. Wer das nicht tue, werde allerdings abgeschoben. Am vergangenen Freitag hatten laut der Einwanderungsbehörde INM knapp 1000 Personen ein Visum aus humanitären Gründen erhalten, mit dem sie sich in Mexiko frei bewegen und arbeiten können. Ein größerer Teil der Karawane misstraute den Versprechungen der Regierung allerdings und überquerte laut lokalen Medien den Grenzfluss Suchiate, ohne sich auszuweisen. Diese Menschen befürchten, dass die mexikanischen Behörden ihre Daten an die USA weiterreichen und damit ihre Einreise erschweren könnten.

Margarita Juárez von der Nichtregierungsorganisation Imumi, die sich um Migrantinnen kümmert, geht davon aus, dass Personen aus Zentralamerika auf Dauer bessere Chancen hätten, wenn sie in Mexiko um Asyl bitten. Der Prozess an der US-amerikanischen Grenze sei sehr anstrengend und könne bis zu einem Jahr dauern. Mexiko, das Land, aus dem in den 1980er Jahren viele Menschen geflohen sind, wird mittlerweile selbst zum Zielland. Trotz der Gewalt, die hier herrscht. Eine Arbeit lässt sich hier noch leichter finden als in Zentralamerika. Das haben auch einige der Flüchtenden festgestellt, die in Tijuana ausharren und Geld für den möglicherweise nächsten Schritt sammeln.

Der Großteil der Karawane vom Oktober hängt immer noch in der Grenzstadt im Norden von Baja California fest. Nur die wenigsten haben es in die USA geschafft. Andere sind zurückgekehrt oder abgeschoben worden - manche, um sich direkt mit der nächsten Karawane wieder auf in Richtung USA zu machen. Denn dieser Satz fällt von verschiedenen Menschen auf der Flucht immer wieder: »Ich mache alles, solange ich nicht nach Honduras zurückkehren muss.«

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