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Heimvorteil in der Fremde

Brasiliens Handballer sind die größte Überraschung der WM, zu Hause interessieren ihre Siege aber kaum jemanden

  • Von Michael Wilkening, Köln
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wenn nach einem Handballspiel beide Mannschaften fassungslos sind, muss etwas Außergewöhnliches passiert sein. Einige Kroaten lagen auf dem Boden der Kölner Arena und hielten sich die Hände vors Gesicht, ein paar Meter weiter lagen einige Brasilianer in der gleichen Körperhaltung. Der 29:26-Sieg der brasilianischen Handballer am Sonntagabend über Kroatien ist die bislang größte Überraschung der Weltmeisterschaft.

Es gibt keine verbrieften Aussagen darüber, aber der Deutsche Handballbund ist ganz sicher zum großen Fan der Brasilianer geworden. Mit ihrem Erfolg am Sonntag haben die Südamerikaner dem Gastgeber schon zum zweiten Mal unter die Arme griffen. Zunächst hatten sie mit der Qualifikation für die Hauptrunde dafür gesorgt, dass der ärgerliche Punktverlust der Deutschen gegen die Russen in der zweiten Turnierphase keine Auswirkungen mehr hat. Mit dem Sieg gegen Kroatien nahmen die Brasilianer jetzt einem direkten deutschen Konkurrenten um die Teilnahme am Halbfinale überraschend Punkte ab. »Wir haben das nicht für Deutschland getan, sondern für unser Land«, sagte Felipe Borges mit Pathos in der Stimme. Der Linksaußen war beim Coup gegen die bis dahin verlustpunktfreie Ansammlung der Topstars aus Kroatien einer der Besten.

Borges und seine Mitspieler brauchen sich aber keine Sorgen machen, künftig nicht mehr unerkannt in der Heimat unterwegs sein zu können. Handball ist in dem fußballverrückten Land in etwa so populär wie Cricket in Deutschland. Die Berichterstattung von der Weltmeisterschaft ist in Brasilien gleich null. »Ich habe schon Ligaspiele vor zehn Zuschauern bestritten, da waren nur ein paar Freundinnen in der Halle«, berichtete Diego Hubner während der Olympischen Spiele 2016 im eigenen Land. In Deutschland ist der Spielmacher nicht mehr im Kader, weil er der Verjüngungskur zum Opfer gefallen ist, die Nationaltrainer Washington Nunes konsequent vorantreibt.

Bislang war der größte Erfolg des brasilianischen Handballs der siebte Platz bei den Sommerspielen in Rio . Damals war die »Seleção« als Gastgeber automatisch dabei, schlug in der Vorrunde unter anderen die deutsche Mannschaft und feierte sich für den Einzug ins Viertelfinale. Für ein paar Tage hatten die Handballer etwas Aufmerksamkeit, direkt danach waren sie in der Öffentlichkeit wieder vergessen. Weil das Teilnehmerfeld in Rio auf zwölf Teilnehmer ausgedünnt war und der Heimvorteil das Team begünstigte, ist das, was in diesen Tagen in Deutschland passiert, noch etwas höher einzuordnen.

Wobei - einen Heimvorteil verspüren die Spieler in den blau-gelben Trikots auch jetzt wieder. Der Erfolg gegen die Kroaten wurde von der großen Mehrheit der 15 000 Zuschauer gefeiert. Auch zuvor in Berlin wurden die Brasilianer von den Fans zu den Siegen über Serbien und Russland getragen. »Es ist einfach nur unglaublich, ich habe so etwas noch nicht erlebt«, sagte Jose Toledo im in Köln - als die Zuschauer immer noch den brasilianischen Sieg feierten. Der Linkshänder kennt den Stellenwert des Handballs in Europa. Mit seinem polnischen Klub Wisla Plock hat er in der Champions League auch schon in Deutschland gespielt - dennoch war selbst für ihn nicht vorstellbar, was gerade um ihn herum passierte.

Gestern Abend ging die Reise für die brasilianische Mannschaft mit dem zweiten Hauptrundenspiel gegen Spanien (nach Redaktionsschluss) weiter. Viele Spieler trafen dabei ihren Förderer der Vergangenheit. Der spanische Nationaltrainer Jordi Ribera betreute bei den Olympischen Spielen 2016 noch die brasilianische Sieben.

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