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Junge Männer in Schwarz vor brennenden Kirchen

Auch bei den Fantasyfilmfest White Nights vorgestellt: Der Film »Lords of Chaos«, der von der Black-Metal-Szene erzählt

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Euronymous spielt »True Norwegian Black Metal«.
Euronymous spielt »True Norwegian Black Metal«.

In den extremeren Spielarten des Musikgenres Metal findet die drastische Ästhetik gemeinhin zusammen mit dem Bewusstsein des Spielerischen und Theatralischen. Dass man nicht wirklich an den Kokolores - Satan, Wikingermystik oder was auch immer - glaubt, tut der körperlichen Intensität und dem unerschöpflichen Reiz der Zeichen keinen Abbruch. Bricht das Reale dann aber ausnahmsweise wirklich einmal böse ins Symbolische ein, ist es nicht mehr lustig.

In Jon Åkerlunds True-Crime-Film »Lords of Chaos« geht es immer wieder um diesen Punkt. Die erste der drei Figuren, an der dieser Einbruch durchexerziert wird, ist Per Yngve »Dead« Ohlin (Jack Kilmer), Ende der 80er Jahre für drei Jahre der Sänger der norwegischen Black-Metal-Band Mayhem. Dead gelingt es in kurzer Zeit, mit allerlei Ekel-Brimborium zur Legende in einer noch überschaubaren lokalen Szene zu werden: Er schläft in einem Sarg, verbuddelt seine Klamotten, um in authentischem Moderdunst auf die Bühne schreiten zu können, und inhaliert vor dem Konzert den Aasgeruch eines toten Raben, den er in einer Plastiktüte mit sich herumträgt.

Pop ist das so lange, wie das Geschehen auf der Ebene der Zeichen bleibt. Den Bereich des Symbolischen verlassen die Protagonisten dort, wo geschieht, was nicht wieder gutzumachen ist. Im April 1991 entschuldigt Dead sich in einem Abschiedsbrief für das ganze Blut, schlitzt sich die Arme auf und erschießt sich dann mit einer Schrotflinte. Die Drastik in den drei Szenen des Films, in denen jeweils eine der Figuren zum Messer greift, wird vom bewusst stumpf auf den maximalen Effekt setzenden Regisseur ausgiebig zelebriert - eine filmästhetische Entscheidung, die in der filmischen Rekonstruktion eines realen Geschehens nicht unproblematisch ist.

Mit dem ersten Toten verliert der Film »Lords of Chaos« nach einer halben Stunde seine interessanteste Figur und schwenkt vollends zu seinem Protagonisten über, dem Mayhem-Gründer Øystein Aarseth, der sich »Euronymous« nennt (Rory Culkin) und den norwegischen Black Metal im Wesentlichen erfunden hat. Leider wird der Film von da an zunehmend schematisch. Nach dem Suizid erzählt »Lords of Chaos« nicht mehr von pubertärer Verlorenheit, sondern vom Herumgepimmel zweier junger Männer um die Szenehoheit und darum, wer der krasseste Satanist im Raum ist. Euronymous’ Kontrahent ist Varg Vikernes (Emory Cohen), dessen Debütalbum er auf seinem Label veröffentlicht. Bald gibt es das erste Mordopfer, und Kirchen brennen. Mehr und mehr stellt der Film heraus, dass Euronymous das ganze Treiben vor allem unter Marketingaspekten betrachtet, Vikernes hingegen meint es todernst. Am Ende ersticht Vikernes den ehemaligen Mitstreiter. Seine Ein-Mann-Band Burzum wie auch Mayhem waren von da an legendär, sollten als Beleg gelten für die ansonsten nur behauptete Bösartigkeit des Genres.

Leider klebt der Film so sehr an seinen Figuren, dass er, auch wenn er sich in wenigstens zwei Sequenzen über sie lustig macht, einiges gar nicht erst in den Blick bekommt. Für die Musik interessiert sich Regisseur Åkerlund, der selbst für zwei Jahre bei der Black-Metal-Band Bathory Schlagzeug gespielt hat und neben einigen wenigen Spielfilmen vor allem Videoclips gedreht hat, erstaunlich wenig. Und zur Genese der Devianz fällt »Lords of Chaos« leider nicht mehr ein als die bloße Gegenüberstellung von spießiger Kleinbürgertristesse und lustvoller Destruktivität.

Schade auch, dass im letzten Drittel von »Lords of Chaos« noch hastig versucht wird, den Protagonisten doch noch zur fehlgeleiteten Seele zu machen. Bei Vikernes hängt die Hakenkreuzfahne an der Wand, Euronymous hingegen, so erfahren wir kurz vor Schluss, konnte trotz allem lieben und hat beim Anblick der Leiche des toten Ohlin geweint. Schön aufgeteilt in Schwarz und Weiß, das alles. Mit dieser betulichen Figurenkonstruktion wirkt »Lords of Chaos« in der Zielgeraden dann doch arg konventionalisiert, bei aller Krassheit an der Oberfläche.

»Lords of Chaos«, Großbritannien/Schweden 2018. Regie: Jonas Åkerlund. Darsteller: Rory Culkin, Emory Cohen, Jack Kilmer. 112 Min.

Der Film wird ab 20. Februar in den deutschen Kinos gezeigt.

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