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Kranke Fahrer, alte Züge

BVG-Chefin Sigrid Nikutta erklärt SPD und Grünen die Probleme bei der Zuverlässigkeit

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 4 Min.

»Ich freue mich über die Aufmerksamkeit, die wir nun bekommen haben«, sagt Sigrid Nikutta, Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe. »Sie dient der Sache des Öffentlichen Personennahverkehrs«, ist sie überzeugt. Gleich zwei Fraktionen der rot-rot-grünen Koalitionspartner haben sie am Dienstag zu sich zitiert. Zunächst musste sie bei den Grünen referieren, im Anschluss bei der SPD. Zunehmend werden die Probleme offenbar, die der jahrelange Sparkurs mit unterlassenen Investitionen und Personaleinstellungen verursacht. Der überalterte Wagenpark der U-Bahn sorgt für Ausfälle, dazu kommen fehlende Fahrer und Werkstattkapazitäten.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller sowie Fraktionschef Raed Saleh äußerten in deutlichen Worten bei der Klausur der sozialdemokratischen Abgeordnetenhausfraktion am Wochenende ihre Unzufriedenheit mit der Lage und dem Agieren der beiden zuständigen Senatorinnen Regine Günther (parteilos, für Grüne) sowie Ramona Pop (Grüne). »Die SPD ist im Bezug auf die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sehr spät aufgewacht«, sagt Jens Wieseke, stellvertretende Vorsitzender des Berliner Fahrgastverbands IGEB auf nd-Anfrage.

Die Lage ist alles andere als rosig. Beim Bus konnte die BVG zwar 2018 91,5 Millionen Nutzwagenkilometer leisten, bestellt waren aber 92,2 Millionen. Die Lücke zwischen leistung und Bestellung durch den Senat verdreifachte sich dort im Vergleich mit 2017, als 91,6 Millionen Kilometer bestellt waren, tatsächlich aber 91,1 Millionen Kilometer erbracht wurden. Dabei hat sich vor allem die Zahl der personalbedingten Ausfälle im Vorjahresvergleich mehr als verelffacht. So wie vorgesehen verliefen beim Bus nur 85,3 Prozent der Fahrten, immerhin 1,5 Prozent der bestellten Leistung wurde gar nicht erbracht oder mit einer Verspätung von über zehn Minuten. Das wird auch als Ausfall gewertet.

»Die BVG leidet unter Wachstumsschmerz«, sagt Nikutta. »1,3 Millionen Kilometer beim Bus mehr zu fahren ist uns 2018 nicht geglückt«, räumt sie ein. »Trotzdem sind wir 400 000 Kilometer mehr gefahren als 2017.«

»Die Ausfälle liegen nicht daran, dass wir zu wenig Fahrerinnen und Fahrer hätten. Die Aussage, dass wir an der einen oder anderen Stelle zu wenig Personal haben, ist dennoch richtig«, erklärt die BVG-Chefin. Auf dem Papier hat das Landesunternehmen genug Personal. Geplant war für 2018 ein Bestand von 6527 Fahrern für alle drei Verkehrsträger, tatsächlich verfügte man zum Jahresende über 6670 Fahrer bei U-Bahn, Bus und Tram. Nicht ausgewiesen ist, wie viele der Beschäftigten in Teilzeit arbeiten, möglicherweise reichen die Stundenkontingente am Ende doch nicht.

Bei Bus und Straßenbahn nimmt seit Jahren das Tempo ab. Für jeden verlorenen Stundenkilometer werden auf die Flotte hochgerechnet zusätzlich 70 Busse und 173 Fahrer benötigt. Seit 2011 sank die Durchschnittsgeschwindigkeit beim Bus von 19,1 auf 17,9 Kilometer pro Stunde.Komplett verhagelt hatten die Bilanz die hochschnellenden Krankenstände (siehe Kasten). »Ein großes Thema ist, am Gesundheitszustand zu arbeiten«, sagt Nikutta. Der Gesamtpersonalratsvorsitzende Lothar Stephan sieht das auch so. »Aber bis auf ein Projekt in einem Bus-Betriebshof wurde da weiter nichts unternommen«, sagt er »nd«. Die steigenden Krankheitsquoten hängen seiner Ansicht nach mit der höheren Belastung im Alltag zusammen, aber auch mit dem Ende sachgrundloser Befristungen bei der BVG. »Die Leute sind aus Sorge um ihre Arbeit gefahren, obwohl sie krank waren«, erklärt er.

Bei der U-Bahn haben sich die personalbedingten Ausfälle versechsfacht, Hauptgrund für Ausfälle ist allerdings hier der überalterte Wagenpark. Viel zu lange wurden keine neuen Züge bestellt. Aus dieser Verantwortung kann die SPD sich nicht winden. »Ich erinnere mich noch, wie der damalige Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) mit einer Postkarte der museumsreifen Straßenbahn Lissabon in die Sitzung kam und sagte, dass man keine neuen Fahrzeuge bestellen müsste«, berichtet Stephan. Schon im Februar könnten deswegen die Takte gestreckt werden. Auf U6 und U7 sollen dann im Berufsverkehr nur noch alle fünf Minuten Züge kommen, auf der U9 soll der 4-Minuten Takt auf rechnerisch 4,67 Minuten gedehnt werden. Damit gibt es im Störungsfall noch Reserven um den Betrieb zu stabilisieren.

»Grüne, Linke und SPD müssen jetzt gemeinsam nachholen, was in den vergangenen Legislaturperioden versäumt wurde«, erklärt Wirtschaftssenatorin Pop. »Ich erwarte, dass es nicht nur bei markigen Sprüchen bleibt, sondern dass die SPD bereit ist, mit uns gemeinsam den ÖPNV deutlich zu stärken«, so die BVG-Aufsichtsratsvorsitzende weiter.

»Auch die Grünen haben bisher auch eine denkbar schlechte Figur gemacht«, beklagt Fahrgastvertreter Wieseke. »Sie hätten gleich nach Amtsantritt Maßnahmen zur Stabilisierung des Betriebs einleiten müssen.«

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