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Billiggemüse kommt aus Übersee

Meistens kommt das Gemüse, das bei uns auf den Teller gelangt, aus der Ferne.

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Im »DDR-Kochbuch« von 2004 tauchte Brokkoli nie auf. Und auch im bundesdeutschen Küchenklassiker »Dr. Oetker Schulkochbuch« fehlte das geschmacksarme Gemüse noch während der 1980er-Jahre. Die regionalen Erntezeiten bestimmten in Ost und West den Essensplan in Küchen und Kantinen, nur wenig wurde importiert. Doch diese Zeiten sind vorbei. Selbst aus Übersee werden heute nicht allein Zitrusfrüchte und Bananen, sondern auch Zwiebeln und Kohlgemüse eingeführt.

Die Globalisierung hat die Lebensmittel erfasst. Sowohl bei den weltweiten Agrarexporten als auch bei den Importen nimmt Deutschland jeweils Rang drei und damit eine Spitzenposition ein. Die Kehrseite: Mittlerweile deckt der heimische Gemüseanbau kaum mehr als ein Drittel der hiesigen Nachfrage ab, beklagte der Deutsche Bauernverband am Rande der »Grünen Woche« in Berlin. Ähnlich sieht es im Obstanbau aus. Zwei Drittel des Gemüses, welches wir roh, gekocht oder industriell verarbeitet konsumieren, wird nach Deutschland importiert - überwiegend aus EU-Ländern. Doch vor allem die Lebensmittelindustrie setzt oft auf preisgünstiges Gemüse aus Übersee.

Als Importschlager gilt ausgerechnet Brokkoli. Er wächst besonders gut auf der Hochebene Ecuadors. Das Klima ermöglicht drei Ernten pro Jahr. Geerntet wird der Verwandte des Blumenkohls von Kleinbauern per Hand, in regionalen Verarbeitungsbetrieben werden die Köpfe zerkleinert und anschließend schockgefroren. In Kühlcontainern verschifft, landet der Kohl vor allem in Deutschland, aber auch in Japan und den USA, in den Töpfen von Lebensmittelkonzernen, die tiefgefrorene Pizzen, Fischfilets und andere Fertiggerichte produzieren.

Für »problematisch« hält Pedro Morazán solche Gemüseexporte. »Weil hier eine Flächenkonkurrenz zwischen der Nahrungsmittel produzierenden Landwirtschaft und der exportorientierten Landwirtschaft besteht.« Der wissenschaftliche Mitarbeiter von Südwind, Institut für Ökonomie und Ökumene in Bonn, nennt Beispiele. So werden in der Dominikanischen Republik Flächen für den Anbau von Gemüsesorten genutzt, die von der Bevölkerung nie konsumiert werden. Im Export landeten dann bis zu 25 Prozent der Ernte auf dem Müll.

Das zweite Problem in Ländern mit exportorientierter Gemüseproduktion sieht der Südwind-Experte in der Spekulation: Je nach Preislage werde für bestimmte Agrarprodukte die Verwendung angepasst: So könne Zuckerrohr als Nahrungsmittel, als Biodiesel oder Öl genutzt werden. Morazán warnt: »Bei niedrigen internationalen Preisen kann es zu einer Unterversorgung des Binnenmarktes mit Nahrungsmitteln kommen.«

Die bundesdeutsche Wirtschaft spielt im globalen Gemüse-Monopoly außerhalb der EU eine Nebenrolle. Immerhin stammen 70 Prozent der deutschen Agrarimporte, die aus Drittländern eingeführt werden, aus Entwicklungs- und Schwellenländern, insgesamt im Wert von 17,8 Milliarden Euro 2017. Importiert werden in erster Linie Kaffee, Ölsaaten sowie Obst und Südfrüchte. Brokkoli aus Ecuador, Kartoffeln aus Ägypten oder Biomöhren aus Israel sind da, je nach Sichtweise, nur kleine Farbtupfer im bunten globalen Agrarmarkt oder typisch für die imperiale Dominanz des Nordens. Ebenso, wie drei Dutzend weiterer Gemüsesorten, die auf den Transportlisten einer großen Hamburger Reederei auftauchen.

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