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»Ich sollte erst nach 22 Uhr anrufen«

Anne Kerlin erklärt, was der Paragraf 219a für ihren Schwangerschaftsabbruch bedeutet hat.

  • Von Lotte Laloire
  • Lesedauer: 6 Min.

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Die Ärztin Kristina Hänel wurde Ende 2017 nach Paragraf 219a verurteilt, weil sie über Schwangerschaftsabbrüche informierte. Zur selben Zeit waren Sie ungewollt schwanger und auf der Suche nach Informationen. Sind Sie fündig geworden?

Leider bin ich schnell auf Seiten von Fundamentalisten gelandet, die versuchen, einen von einem Abbruch abzuhalten. Da steht, dass man sich das gut überlegen solle, weil man ein Leben beenden würde, und so Bullshit. Letztlich habe ich im Internet schon etwas gefunden, aber das war oft nicht so genau oder eben sehr wertend, was mich geärgert hat.

Konnte ProFamilia Ihnen helfen?

Also für die Zwangsberatung hatte ich mir extra dort einen Termin geben lassen, weil ich im Kopf hatte, dass das die Progressivsten sind, und weil ich echt keine Lust hatte, mir so Moralpredigten anzuhören. Ich bin da auch alleine hingegangen, wollte gar kein großes Ding draus machen. Für mich war es eine Selbstverständlichkeit, dass ich entscheide, was mit meinem Körper passiert. Als ich da war, habe ich meine Entscheidung genannt. Es kam sofort ein »Warum«. Da dachte ich schon, komisch. Gut, ich habe gesagt, dass ich mir das gerade eben nicht vorstellen kann.

Wurde das akzeptiert?

Nein, die Beraterin hat verlangt, dass ich das genauer erkläre. Da habe ich die Macht im Raum sehr deutlich gespürt; ich brauchte ja den Schein, ohne den macht das kein Arzt. Ich war echt irritiert und sagte: »Äh, ich bin neu nach Leipzig gezogen, arbeite Vollzeit und habe zwei Kids, die meine Aufmerksamkeit brauchen, mein Sohn durch seine Behinderung oftmals auch sehr viel. Ein weiteres Kind wäre in dieser Situation auch für die beiden nicht fair.« Die Behinderung meines Sohnes ist für mich wirklich nichts, was ich gerne herausstelle. Aber ich habe mich dazu genötigt gefühlt. Sie hat mich dann noch gefragt, ob ich nicht schon mal darüber nachgedacht habe, das Kind auszutragen und zur Adoption freizugeben. Das war besonders absurd, da wir selbst eines unserer Kinder adoptiert haben.

Die Beratenden müssen per Gesetz unangenehme Dinge fragen.

Stimmt. Als ich völlig fassungslos war, hat sie sich verteidigt: »Ich muss das sagen.« Danach habe ich mir diesen Paragrafen 219 angeguckt. Da steht echt: »Die Beratung hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen.« Da steht nicht: Die Beratung soll der Frau etwas nützen.

Konnten Sie die Methode wählen?

Nee, damit ging’s schon los. Aber dafür muss ich etwas ausholen: Ich hatte in der sechsten Woche festgestellt, dass ich schwanger bin. Da ich mit Kondom verhütet hatte, war mir nichts aufgefallen. Voll kalt erwischt. Nach dem Test habe ich sofort festgestellt: Aha, ich bin noch unter neun Wochen, das heißt, ich kann es noch medikamentös machen.

Wäre Ihnen das lieber gewesen?

Ja, es erschien mir als die angenehmere und selbstbestimmtere Methode. Zu der Zeit stand bei mir eine wichtige Dienstreise an - ich habe damals noch Vollzeit gearbeitet und war viel im Ausland. Auf den Beratungstermin hatte ich ja schon zwei Tage warten müssen, und dann darf man laut gesetzlicher Frist erst drei volle Tage danach anfangen. Es musste also alles sehr schnell gehen. Aber ich war ja gerade erst nach Leipzig gezogen, hatte noch keine feste Frauenärztin. Dann waren auch noch Sommerferien. Das war der absolute Horror. Gott sei Dank habe ich von ProFamilia wenigstens eine Liste bekommen, was ja auch nicht immer der Fall ist - manche Frauen dürfen wegen dieses bescheuerten Paragrafen 219a die Adressen nur abschreiben. Ich durfte sie jedenfalls mitnehmen. Dann habe ich alle Praxen durchtelefoniert; sie hatten alle keinen Termin für mich.

Aber die Zeit hat gedrängt.

Letztlich habe ich zwei Krankenhäuser in Leipzig gefunden, die das überhaupt machen. Ich also sofort los zur Uniklinik und meine Lage geschildert. Da guckt mich die Sprechstundenhilfe an, zieht die Augenbraue hoch und sagt: »Tja, das hätten Sie sich vorher überlegen sollen.« Dann bin ich zur Privatklinik. Die hatten aber keinen Termin für die nächste Woche. Meine letzte Option war der chirurgische Eingriff, also das Absaugen unter Vollnarkose. Das hat bedeutet, noch zwei Wochen länger schwanger bleiben zu müssen, was echt nicht so der Burner ist - ist es ja nicht mal, wenn man es will. Die OP selbst hat letztlich gerade mal zehn Minuten gedauert. Danach hat mein Partner mich abgeholt und wir sind einfach nach Hause gefahren.

In dem neuen Buch »Happy Abortions« weist die australische Forscherin Erica Millar nach, dass die meisten Frauen nach dem Eingriff erleichtert sind. Wie ging es Ihnen?

Ja, ich war auf jeden Fall erleichtert. Ich glaube, wenn ich von irgendwas traumatisiert bin, dann davon, wie ich behandelt wurde, aber sicher nicht vom Abbruch selbst. Ich war vor allem froh, dass ich aus der Klinik raus war, in der ich mich unwohl gefühlt hatte. Als ich zu Hause war, kamen dann die üblichen Nachblutung und Schmerzen. Die sind wohl meist aushaltbar. In meinem Fall waren sie ziemlich heftig. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass meine Gebärmutter wohl voll mit Blut war und ich noch Schwangerschaftshormone im Blut hatte. Eventuell haben sie beim Absaugen einen Fehler gemacht. Ich weiß es nicht genau. Als ich deshalb in der Klinik angerufen habe, haben sie das nur abgetan. Beim Googeln habe ich wieder wenig Sinnvolles gefunden. Dann habe ich eine Freundin vom »Pro-Choice«-Netzwerk gefragt, die hat gesagt: »Okay, pass auf, ich gebe dir hier eine Nummer, aber versprich mir, dass du sie nur an Frauen weitergibst, die in der gleichen Situation sind.« Das war ein bisschen klandestin. Ich sollte erst nach 22 Uhr anrufen. Das war so eine Schweizer WhatsApp-Nummer. Da hat mir jemand geantwortet - ich glaube ein deutscher Arzt, der wegen 219a eigentlich nicht informieren darf. Er meinte, ich müsse gut aufpassen, denn es könne zu einer Blutvergiftung kommen. Dass ich sofort ins Krankenhaus müsste, sobald ich Fieber bekomme. Aber es könnte auch sein, dass mein Körper das Blut einfach mit der nächsten Regelblutung rausspült. Also habe ich aufgepasst und abgewartet. Und es war genau so. Heute geht es mir bestens. Ein Gutes hatte der Abbruch: So offen über ein Tabu zu sprechen, hat mich und die Menschen in meinem Umfeld sensibilisiert und empowert. Später habe ich über diese Erfahrungen mit anderen zusammen ein Theaterstück auf die Bühne gebracht. Da habe ich endlich auch meiner Mutter alles erzählt. Sie hat kurz gezögert. Dann meinte sie: »Ach was, du auch?«

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