Der Krieg im Zettelkasten

Im Februar 1944 fallen Kästners sämtliche Bücher und Manuskripte einem Bombenangriff zum Opfer. Nur seine Aufzeichnungen in einem unscheinbaren blau verpackten Büchlein nimmt er stets in den Luftschutzkeller mit: Nachrichten vom Tage, Annotationen, gallige Kommentare, dazwischen Reflexionen zu Nietzsche, auf dessen »Willen zur Macht« - ein posthumes, ideologisch motiviertes Konvolut seiner Schwester Elisabeth - sich die Ober- und Unterführer berufen, Berichte von Alltagsgesprächen. Die Neuausgabe des »Blauen Buches« ist eine Fundgrube: In den Marginalien werden dem Leser Hintergrundinformationen zu Kästners Notizen gegeben, Faksimiles der NS-Presse lassen die Diskrepanz zwischen seinen Beobachtungen und den Erfolgs- und Durchhalteparolen hervortreten. Bei aller Ernsthaftigkeit lesen sich diese Aufzeichnungen äußerst unterhaltsam. Kästner hat ein Auge auf seine »Volksgenossen« und die »immer anständig Gebliebenen«, und er macht den heroischen Quark lächerlich, den Goebbels und Konsorten absondern, indem er ihn zitiert.

Großartig! mps