Robert Marien

Weg vom Jammern!

Rostocks Vorstandsvorsitzender Robert Marien über Ziele und Probleme des F.C. Hansa, Traditionsvereine in der 3. Liga und eine sportliche Ost-West-Diskussion

Von Alexander Ludewig

An diesem Wochenende startet Hansa Rostock bei Eintracht Braunschweig ins Fußballjahr 2019. Wie ist Ihre Gefühlslage mit Blick auf die zweite Saisonhälfte?

Es wird eine spannende Rückrunde, gleich mit einem Gegner wie Braunschweig, der sich kräftig verstärkt hat, um aus dem Tabellenkeller noch rauszukommen. Zudem ist die Liga extrem ausgeglichen. Unser Ziel ist es, eine erfolgreichere Rückrunde im Vergleich zur Hinrunde zu spielen.

Was heißt das konkret?

Einfach mehr Punkte holen. Bislang haben wir im Schnitt 1,35 Punkte pro Spiel erzielt. Das ist zu wenig. Dabei geht es gar nicht darum, ob wir aufsteigen oder nicht. Es geht darum, dass man eine Entwicklung sieht. Und natürlich bin ich auch gespannt, weil wir mit einer anderen Taktik in die Rückrunde gehen werden. Wir stellen unsere Abwehrformation um: Wenn wir in der Defensive sind, spielen wir mit einer Fünferkette, wenn wir angreifen mit einer Dreierkette. Die Frage ist, ob wir uns damit in der 3. Liga durchsetzen können.

Diese taktischen Umstellungen hängen sicherlich auch mit dem Trainerwechsel in der Winterpause zusammen. Vor der Saison haben Sie gesagt: »Pavel Dotchev hat Hansa wachgeküsst.« Jetzt ist er weg. Warum?

Pavel Dotchev hat Hansa Rostock tatsächlich wachgeküsst. Das ist unbestritten. Aber: Im Fußball geht es auch immer um eine Entwicklung. Im Dezember haben wir uns die Frage gestellt, ob wir unsere Ziele in dieser Saison und der kommenden erreichen können. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir in der kommenden Saison einen Trainerwechsel brauchen. Gespräche mit Pavel haben dann ergeben, dass wir uns sofort trennen, weil er nicht mehr das Vertrauen in seine Arbeit gespürt hat, so, wie er es braucht.

Das Saisonziel hieß Aufstieg. Ist das von Platz acht mit zehn Punkten Rückstand auf Relegationsrang drei noch machbar?

Nach dieser Hinrunde ist es unrealistisch und unseriös vom Aufstieg zu reden. Dazu sind die Teams, die vorne spielen, auch zu stabil. Wir müssen zuerst mit zwei Augen nach unten schauen, und dann vielleicht mit einem Auge nach oben. Denn der Abstand zu den Abstiegsrängen ist deutlich geringer, als der Rückstand nach oben.

Was hat vor der Saison zur Einschätzung geführt, dass der Aufstieg realistisch ist?

Grundsätzlich schaut man sich immer den eigenen Kader an, und dann darauf, was in der Liga passiert ist. Ich glaube, dass die Mannschaft in vielen Spielen der Hinrunde gezeigt hat, dass es ein durchaus realistisches Ziel gewesen ist. Auch die sehr guten Auftritte im DFB-Pokal gegen zwei Erstligisten haben gezeigt, dass wir sehr guten Fußball spielen können. Aber: Wir haben einfach nicht die Konstanz gezeigt und auch nicht die Qualität aus dem Kader rausgeholt, der in unseren Augen in ihm steckt. So stehen wir jetzt auch verdientermaßen auf Platz acht.

Jetzt ist Jens Härtel Trainer. In Magdeburg hat er gezeigt, dass er eine Mannschaft entwickeln und aus der 3. Liga nach oben führen kann. Was stimmt Sie zuversichtlich? Und was bereitet Ihnen noch Sorgen?

Mich stimmt optimistisch, wie die Mannschaft den Trainerwechsel angenommen hat. Und ich glaube, dass wir mit den Umstellungen in der Abwehr, deutlich stabiler spielen werden. Sorgen bereitet mir, dass uns nach vorne noch ein bisschen die Lösungen fehlen. Wir sind noch nicht torgefährlich genug.

Sind denn in der Offensive noch Verstärkungen geplant?

Wir brauchen nicht zwangsläufig Verstärkungen. Mit Marko Königs, Pascel Breier und Cebiou Soukou haben wir drei Stürmer, um die uns jeder beneidet.Wir müssen einfach eine Strategie für das letzte Drittel entwickeln, damit wir torgefährlicher werden.

Mit Martin Pieckenhagen wurde im Winter zudem ein neuer Sportlicher Leiter geholt. Sie sind seit zweieinhalb Jahren Vorstandsvorsitzender. In dieser Zeit gab es drei Trainer und drei Sportliche Leiter. Eigentlich wünscht sich ja jeder Verein Konstanz auf wichtigen Positionen.

Christian Brandt und Pavel Dotchev waren jeweils anderthalb Jahre hier. Das kann man nicht mehr vergleichen mit der Zeit vor fünf, sechs Jahren, als Trainer nicht mal ein Jahr in Rostock durchgehalten haben. Und wir haben mit jedem Trainerwechsel einen neuen Entwicklungsschritt gemacht. Mit Christian Brandt sind wir ins Mittelfeld der 3. Liga zurückgekehrt. Davor hat Hansa fünf Jahre lang nur gegen den Abstieg gespielt. Mit Pavel Dotchev sind wir in die Spitzengruppe der Liga vorgestoßen. Und mit Jens Härtel wollen wir jetzt den nächsten Schritt machen. Wo aber definitiv mehr Kontinuität rein muss, ist auf der Position des Sportlichen Leiters.

Für das Ziel Aufstieg wurde der Etat auf 4,7 Millionen Euro erhöht. Zugleich belasten den Verein rund 20 Millionen Euro Schulden. Wie groß ist der Druck nach fast sieben Jahren Drittklassigkeit aufsteigen zu müssen?

Unser Etat beträgt 4,7 Millionen, wenn wir aufsteigen würden. Es sind darin also auch alle möglichen Aufstiegsprämien enthalten. Ein Vergleich mit den Ligakonkurrenten ist aber nur dann realistisch, wenn man die Grundgehälter nimmt, die jeder Verein bezahlt. Und da ist Hansa Rostock an siebenter oder achter Stelle der Liga. Und: Wir haben keinen akuten finanziellen Aufstiegsdruck, also nicht diese oder nächste Saison. Aber wir haben perspektivisch den Druck, aus dieser Liga raus zu müssen. Wir haben in den letzten zwei, drei Jahren eine knüppelharte Sanierung durch. Wir haben es geschafft, dass wir nur so viel Geld ausgeben, wie wir einnehmen. Um unsere Altschulden tilgen zu können, müssen wir irgendwann dann mal aufsteigen. Sonst hat Hansa Rostock, das muss man ganz klar so sagen, auf Dauer keine Zukunft, der Verein ist einfach zu groß für die 3. Liga.

In der letzten Saison hatten 15 von 20 Drittligisten ein negatives finanzielles Ergebnis. Viele Vereine kritisieren das Modell 3. Liga. Wie bewerten Sie die Voraussetzungen in der höchsten Spielklasse des DFB?

Wir gehören auch zu diesen 15 Klubs. Wir geben zwar mittlerweile nur aus, was wir auch einnehmen, schreiben aber dennoch rote Zahlen. Vor allem aufgrund der Abschreibungen: Das Ostseestadion gehört uns, belastet uns aber auch mit Abschreibungen in Höhe von 1,8 Millionen Euro pro Jahr. Die kann in der 3. Liga kein einziger Verein erwirtschaften. Gut ist an der Liga, dass sie eine unglaubliche Fanliga ist. Die Zuschauerzahlen steigen stetig, weil die vielen Traditionsvereine ein enormes Fanpotenzial haben. Das macht sich in der Wahrnehmung und Berichterstattung bemerkbar. Nicht förderlich sind hingegen manche Rahmenbedingungen, die der DFB stellt. Auflagen für verschiedene infrastrukturelle Bereiche der Vereine stehen in keinem Verhältnis zu den Einnahmen. Aber die 3. Liga ist ein deutlich besseres Produkt als noch vor fünf Jahren.

Sie sagten, große Klubs wie der F.C. Hansa hätten es besonders schwer in dieser Liga. Es gab auch immer wieder Insolvenzen, zuletzt beim Chemnitzer FC und Rot-Weiß Erfurt. Aktuell hat der FSV Zwickau große Probleme. Haben es Traditionsvereine aus dem Osten besonders schwer?

Ich finde, dass es die Ostvereine nicht schwerer haben als die im Westen. Auch der VfR Aalen oder FSV Frankfurt sind insolvent gegangen. Und wenn man Dynamo Dresden oder auch den 1. FC Magdeburg sieht, ist es eben auch möglich, als Traditionsverein im Osten Gewinne zu schreiben und einen Verein weiter zu entwickeln in der 3. Liga. Nur ein Beispiel aus dem Westen: Fortuna Köln muss in einem regionalen Umfeld bestehen, wo es einige Erst- und Zweitligisten gibt. Selbst in der eigenen Stadt ist der Klub nur die Nummer zwei. Da ist es im Vergleich doch für uns im Osten nicht schwerer, an finanzielle Mittel zu kommen, nur weil die Wirtschaftskraft hier nicht so hoch ist. Das sind immer gern genutzte Ausreden. Ich glaube, wir sollten weg vom Jammern.

Wie sehr schmerzt angesichts der engen Finanzkalkulation eine Geldstrafe von knapp 40.000 Euro, die der DFB gegen Hansa ausgesprochen hat?

Jeder Euro, der fehlt, schmerzt. Und unrühmlicherweise hat Hansa Rostock in der 3. Liga leider die Spitzenposition bei Strafgeldern inne. Deshalb tun wir auch gut daran, die Fehler zuerst bei uns zu suchen. Dass vieles übertrieben oder nicht verhältnismäßig ist, das steht dann erst auf der zweiten Seite.

Wie sehen Sie generell die Entwicklung Ihrer Fanszene?

Die sehe ich durchaus positiv. Ich erlebe unsere Fanszene als unglaublich bunt, kreativ und kraftvoll, und das im positiven Sinne. Ich bin stolz auf sie. Fehlverhalten akzeptieren wir aber nicht.