Die Russen sind Teil meiner Familie

Horst Herrmann hat ein besonderes Verhältnis zu Russland

Von Anke Ziebell

So schnell bringt Horst Herrmann keiner aus der Ruhe. Doch als das Stichwort »Russland« fällt, leuchten die Augen des 90-Jährigen, und eine gewisse Unruhe ist ihm anzumerken.

Nicht nur im »nd«, das er schon »immer« liest, verfolgt er die Entwicklungen in Russland interessiert. Mit Russland verbinden den ehemaligen Pionierleiter - der 1992 den Berliner Verein der Freunde der Völker Russlands mit ins Leben gerufen hat und eine Zeit lang der führende Kopf des Vereins war - zahlreiche Erinnerungen. Auch wenn ihm heute das Erinnern nicht immer leichtfällt, die wichtigsten Stationen hat Horst Herrmann, der in Berlin aufgewachsen ist, sofort parat.

1945, als 17-Jähriger, wurde er nach Kriegsende von der sowjetischen Kommandantur interniert. Wegen Zugehörigkeit zur Hitlerjugend und zum Volkssturm wurde der junge Mann vom Militärtribunal zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sieben Jahre Kriegsgefangenenlager in Sibirien folgten, mit harter Arbeit unter Tage im Kohlebergbau, im Steinbruch und auf etlichen Baustellen.

»Eine schwere Zeit, aber auch eine schöne Zeit«, meint Horst Herrmann in der Rückschau. »Weil ich damals die Menschlichkeit der Russen erfahren habe«, erklärt er. Für sein weiteres Leben seien diese Begegnungen von unschätzbarem Wert gewesen, eine wichtige Lebensschule. »Ich habe nicht nur die Russen achten gelernt, sondern wurde auch mit ihrer Sprache vertraut.«

Gerade die Sprachkenntnisse haben ihm viele Türen geöffnet, in mehr als 60 Jahren ungezählte herzliche Begegnungen mit Menschen aus der einstigen Sowjetunion ermöglicht. Oftmals entstanden daraus Freundschaften. Mehr noch: »Die Russen sind ein Teil meiner Familie geworden«, sagt Horst Herrmann mit Nachdruck. Bei kaum einer Familienfeier fehlten die russischen Freunde.

Als sich nach der Wende die DSF auflöste, die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, gründete Herrmann gemeinsam mit anderen Mitstreitern die Freunde der Völker Russlands, einen kleinen Berliner Verein mit gut 400 Mitgliedern.

Damals wie heute geht es dem Verein um die Menschen, die in dem riesigen Land leben. Humanitäre Hilfe gehörte dazu. Nicht die Regierung interessiere, sondern die Kooperationen laufen auf persönlichem Weg - so mit dem Schulinternat Seljony, das der Verein seit Jahren unterstützt. Viele Verbindungen bestehen und bestanden zu russischen Kriegsveteranen. Noch heute steht die Arbeit des Vereins im Zusammenhang mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs. Horst Herrmann beispielsweise engagierte sich nach der Öffnung der Archive der Sowjetarmee in der Aktion »Versöhnung« bei der Suche nach gefallenen Soldaten und verschollenen Kriegsgefangenen.

Besondere Aufmerksamkeit richtet der Verein auf sowjetischen Ehrenmale und Grabstätten in Deutschland. Einmal im Jahr besuchen die Mitglieder einen der nahezu 300 Gedenkorte. Für Horst Herrmann, der seit zwei Jahren mit seiner Frau im Seniorenheim lebt, sind die Fahrten mittlerweile zu beschwerlich, genauso wie die Reisen nach Russland.