Kampf der (Spiel-)Systeme

»neues deutschland« gewinnt das Fußballturnier der Berlin-Brandenburger Sportjournalisten

Von Fabian Hillebrand

Es hätte gar nicht so spannend werden müssen: Zweimal dominierte das Fußballteam des »nd« in der Vorrunde des Traditionsturniers der Berlin-Brandenburger Sportjournalisten in der Oranienburger MBS-Arena. Zweimal reichte es trotzdem nur zu einem Unentschieden gegen die Gegner aus dem Hause Springer. Gegen die »Welt« war es ein torreiches 3:3, gegen die »Sport Bild« ein 2:2, was der Mannschaft der sozialistischen Tageszeitung jeweils einen Punkt bescherte. Dabei war es besonders Wadenbeißerin und Sozialpolitik-Redakteurin Alina Leimbach, die mit unermüdlichem Laufeinsatz die Gegner müde rannte und mit körperlicher Präsenz klarmachte, dass »nd« hier nichts zu verschenken haben würde. (Ein Spieler der »Welt« soll sich später beim Schiedsrichter beschwert haben, war zu hören, doch wer glaubt schon der Springer-Presse?)

»nd« schoss zwar bereits in der Vorrunde die schönsten Tore des Turniers - Russland-Experte Felix Jaitner verwandelte einen Kunstschuss von der gestrichelten Linie unhaltbar in den Winkel; Verteidiger Tim Winkler (Sohn des nd-Fotografen Ulli Winkler) besorgte mit einem Roberto-Carlos-Gedächtnisschuss aus der zweiten Reihe den Ausgleich gegen die »Welt«. Aber nach den beiden Remis standen nur zwei Punkte zu Buche. Gegen die »Märkische Allgemeine Zeitung« musste ein Sieg her, um in die K.-o.-Runde einzuziehen.

Keine leichte Aufgabe, die Brandenburger standen hinten gut und griffen vorn gefährlich an. Noah Kohn (Sohn von Sportredakteur Jirka Grahl) brachte »nd« dennoch schnell 1:0 in Führung. Das Spiel wogte hin und her, erst in letzter Minute gab es endlich Erlösung: Ein langer Pass erreichte Fabian Hillebrand auf rechts. Sofort griffen zwei Verteidiger an, und Hillebrand, der niemals in der dritten Person über sich schreiben würde, geriet schwer in Bedrängnis. Doch da kam Asien-Redakteur Alexander »Wühler« Isele seinem Kollegen zu Hilfe: viele Beine, viele Tritte, mittendrin der Ball. Und Online-Redakteur Hillebrand, bei »nd« u. a. zuständig für soziale Bewegungen, wusste, wie man sich aus dem Handgemenge befreit. Mit Entschlossenheit. Er hämmerte den Ball ins Netz. 2:0, »nd« im Halbfinale!

Ein Sieg, der neue Kraft gab, doch Gegner »Deutsche Welle« spielte in der Runde der letzten vier diszipliniert auf, konnte »nd« weit in die eigene Hälfte zurückdrängen. Dort zeigte Brasilien-Experte Niklas Franzen zwar, dass er aus Rio de Janeiro nicht nur profunde Reportagen mitgebracht hat, sondern auch den filigranen Spielstil eines Strandfußballers. Trotzdem war es eher der Hintermannschaft um Politikchef Aert van Riel zu verdanken, dass »nd« im Spiel blieb. Tim Winkler verteidigte dort konzentriert und kratzte den Ball von der Linie, als Torwart Oliver Kern schon geschlagen war. Und wehe, Winkler machte sich auf in die gegnerische Hälfte: Da kamen die »Deutsche Welle«-Kicker ins Schwimmen. Es blieb beim 0:0, das Neunmeterschießen musste entscheiden.

Favorit »Deutsche Welle« traf nur zweimal, während alle drei nd-Schützen den Ball im Netz versenkten. Besonders erwähnenswert: Der lässige Schuss von Spielertrainer Jirka Grahl direkt in die Mitte, mit dem er den in die linke Ecke springenden Torwart düpierte. Ein Akt spielerischer Arroganz, vergleichbar nur mit dem jungen Mario Balotelli, der einst Torhüter allein mit Blicken in die falsche Richtung zu locken vermochte. Nach diesem 3:2 im Neunmeterschießen standen die Außenseiter*innen von der sozialistischen Tageszeitung im Finale.

Dort traf unser Team erneut auf die »Sport Bild« - ein Match um alles, vielleicht sogar eine historische Revanche. »Springer enteignen!«, klang es von der nd-Ersatzbank, als der Schiedsrichter das Finale anpfiff. Schon bald lag die spielstarke »Sport Bild« 1:0 vorn. Doch die nd-Kicker*innen blieben ruhig, das Team vom vom Franz-Mehring-Platz lauerte auf seine Chance. Und die kam: Noah Kohn traf mit einem straffen Linksschuss unter die Latte - 1:1 durch einen jungen Mann, der im »nd« als Autor verspielter Sozialreportagen über Berliner Dönerimbisse aufgefallen ist. Bald darauf erklang der Schlusspfiff. Auch der Sieger des Endspiels wurde vom Punkt ermittelt.

»nd« begann: Kohn verwandelte sicher, der Gegner ebenso, 1:1. Nun lief Jirka Grahl an - Manager, Sportchef, Spielertrainer und Kapitän des »nd«. Und da der Schock! Mit einem irren Reflex lenkte der Keeper den Ball an die Latte, von wo er nach unten prallte. Drin oder nicht drin? Torlinientechnik hätte vielleicht dafür gesorgt, dass der Treffer noch anerkannt worden wäre, doch hier entschied der Schiri: Kein Tor! Das Aus? Der »Sport Bild« gelang im Anschluss das 1:2, Felix Jaitner markierte für »nd« das 2:2. »Sport Bild« hatte es jetzt in der Hand. Oje. Ein Treffer würde die Niederlage für »nd« bedeuten.

Da schlug die Stunde des Oliver Kern. Bereits vor dem Schuss richtete der nd-Torhüter ein paar Worte an den Schützen: Psychotricks des Sportredakteurs, der dann auch noch wie einst René Higuita auf der Linie hin und her tänzelte. Als der Schütze anlief, hielt Kern plötzlich für einen Moment inne, um dann in die rechte Ecke zu springen. Gehalten! 2:2.

Neunmeterschießen, zweite Runde. Kohn traf, ebenso Grahl und Jaitner. Auch die Springerfußballer blieben fehlerlos. 5:5. Noch mal mussten alle an den Punkt. Die Spannung stieg, nd-Torjäger Noah Kohn indes blieb weiter cool: Treffer! 6:5. Aller Druck wieder beim Gegner. In der Halle wurde es still, als der Schütze sich den Ball zurechtlegte. Ein Pfiff, ein Schuss, dann Jubel. Teufelskerl Kern hatte wieder richtig spekuliert: Ball pariert! Sekunden später war der nd-Keeper unter einem Haufen glücklicher Teamgenoss*innen begraben. Erstmals hatte »nd« den Pokal gewonnen und damit den fünfmaligen Seriensieger »Fußballwoche« abgelöst. Der Beginn einer neuen Ära?

Am Ende muss der historischen Wahrheit halber noch gesagt werden: Die Jungs der »Sport Bild« waren bessere Verlierer, als es der Autor dieser Zeilen vielleicht gewesen wäre: Sie gratulierten ehrlich und applaudierten bei der Siegerehrung anständig: Die Bayern könnten einiges von ihnen lernen! Trotzdem sei es am Ende erlaubt, ein geflügeltes Wort zu paraphrasieren, das in der Berliner Sozialdemokratie schon seit 1886 geläufig ist: Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder »Welt« noch »Sportbild« auf.