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Krönung des Königs

Mikkel Hansen macht die Handball-Weltmeisterschaft zu seinem Turnier und führt Dänemark zum ersten Titel

  • Von Michael Wilkening, Herning
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Party dauerte bis in die frühen Morgenstunden, für manche ging es sogar noch etwas länger. »Wenn ich heute Nacht schlafe, bin ich von mir selbst enttäuscht«, hatte Nikolaj Jacobsen vorher gesagt. Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft im eigenen Land wollte der Trainer der dänischen Handballer gar nicht aufhören zu feiern. Die Dänen liebten den früheren Linksaußen als Spieler, seit Sonntagabend ist daraus Verehrung geworden. Der 47-Jährige hat Dänemark als Trainer zum WM-Titel geführt, weil er es schaffte, den Superstar des Teams hinter sich zu bringen, und ihn danach zum Superstar des Turniers zu machen.

Mikkel Hansen breitete die Arme aus, blickte auf und ließ die Ovationen der Zuschauer auf sich wirken. Der Anführer der dänischen Handballer hätte diese Pose gar nicht einnehmen müssen, seine Wirkung als Erlöser war auch ohne sie klar und eindeutig. Eine Berühmtheit ist Hansen in seiner Heimat schon seit einigen Jahren, seit dem Endspiel von Herning reicht diese Bezeichnung nicht mehr. Im Alter von 31 Jahren stieg der Rückraumspieler von Paris Saint Germain zum zweiten König in Dänemark auf, weil das Land durch ein 31:22 gegen Norwegen zum ersten Mal Handball-Weltmeister ist. Dieser Erfolg ist noch größer als der Olympiasieg 2016 in Rio de Janeiro.

Das Finale war noch nicht beendet, aber doch so einseitig verlaufen, dass Hansen schon während der zweiten Halbzeit die größtmögliche Bühne seiner Sportart mit der Erlösergeste zu seiner Bühne machen konnte. Die knapp 15 000 dänischen Fans in der Jyske Bank Boxen bereiteten sich schon darauf vor, ihre Mannschaft weltmeisterlich zu feiern, als der spektakulärste Akteur seiner Zeit die Aufmerksamkeit auf sich zog. Die WM, in der die Dänen neben Deutschland Co-Ausrichter waren, sollte das Turnier von Mikkel Hansen werden. Der langhaarige Mann aus Helsingör zierte das offizielle WM-Plakat, er spielte eine Hauptrolle in diversen Werbesports und musste vor und während des Turniers die meisten Interviews geben. Alles war darauf ausgelegt, dass sich Hansen zum König krönt.

Nach dem Finale wurde der 31-Jährige als wertvollster Spieler der Weltmeisterschaft ausgezeichnet, die meisten Treffer (72) des Turniers hatte er auch erzielt. Am Ende wurde die Finalrunde der vier weltbesten Teams ab dem Halbfinale zu Mikkel-Festspielen. »Er hat dieser WM seinen Stempel aufgedrückt«, sagte Nationaltrainer Nikolaj Jacobsen, der in seinem Nebenjob außerdem Coach der Rhein-Neckar Löwen ist. Jacobsen hat Anteil daran, dass sich sein bester Spieler auf dem Zenit seiner Schaffenskraft befindet. Denn ihm gelang es, den exzentrischen Topstar in das Mannschaftsgefüge zu integrieren, ohne die herausragenden individuellen Fähigkeiten von Hansen zu beschneiden. »Das ist unser größter Tag, danke an alle Fans«, sagte Hansen unmittelbar nach den letzten Minuten dieser 26. Handball-Weltmeisterschaft am Mikrofon des Hallensprechers. Die Fans huldigten ihrem König mit »Mikkel, Mikkel«-Rufen.

Wozu Hansen in der Lage ist, wenn er sein Leistungsoptimum erreicht, stellte er im Halbfinale unter Beweis. Im Gegensatz dazu zeigte Hansen gegen die Norweger eine für seine Möglichkeiten durchschnittliche Leistung, die allerdings noch immer dazu reichte, sieben Tore selbst zu werfen und fünf vorzulegen. Gegen Frankreich hatte er sich zuvor beim 38:30-Erfolg im Halbfinale zu dem Akteur aufgeschwungen, der die Partie gefühlt im Alleingang entschied. Zwölf Treffer erzielte Hansen gegen den Titelverteidiger und setzte seine Kollegen außerdem immer wieder glänzend in Szene. »Wir hatten kein Mittel gegen Mikkel«, räumte später Nikola Karabatic ein, der bei Paris Saint Germain Seite an Seite mit Hansen spielt.

Der WM-Titel war aber nicht allein das Werk von Mikkel Hansen, auch wenn er seine Teamkollegen mit seiner besonderen Fähigkeit überstrahlte, komplizierte Bewegungsabläufe und Würfe kinderleicht aussehen zu lassen. Allein im Rückraum gibt es noch zwei Typen, von deren Art man im Kader der Deutschen, die WM-Vierter wurden, vergeblich Vertreter suchte. Rasmus Lauge (SG Flensburg-Handewitt) und Morten Olsen (TSV Hannover-Burgdorf) spielen zwar in der Bundesliga, haben aber einen dänischen Pass und stellten gemeinsam mit Hansen den besten Rückraum dieser Weltmeisterschaft. Im Tor bewies Niklas Landin (THW Kiel) seine Extraklasse und auf den Außenpositionen ist die Mannschaft von Nikolaj Jacobsen ebenfalls herausragend besetzt.

Die WM im eigenen Land sollte der Höhepunkt in der Laufbahn dieser außergewöhnlich talentierten Mannschaft werden, der Plan ging perfekt auf. Die Dänen gewannen alle zehn Partien, nie wurde es knapper als beim Vorrundenduell gegen Norwegen und dem Hauptrundenspiel gegen Schweden, beide Partien endeten 30:26. Wie stark Dänemark in der Gegenwart ist, bewiesen das Halbfinale und das Endspiel, die zu Machtdemonstrationen der Jacobsen-Schützlinge wurden - und zur Krönungszeremonie des neuen Königs von Dänemark.

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