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Ein echter Amerikaner isst, was er will, und fährt einen großen Truck

Der Historiker Rick Perlstein über Donald Trump und die Entwicklung der Republikanischen Partei in den USA

  • Von Johannes Simon
  • Lesedauer: 7 Min.

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Nach Donald Trumps Wahlsieg veröffentlichten Sie ein Essay im »New York Times Magazin« mit dem Titel: »Ich dachte, ich verstünde die amerikanische Rechte. Trump hat mir das Gegenteil bewiesen.« Wie hat Trump Ihren Blick auf den US-Konservatismus verändert?

So wie die Konservativen ihre eigene Geschichte erzählen, hat es immer schon zwei Strömungen in der amerikanischen Rechten gegeben: Eine war extremistisch und paranoid, furchtbar rassistisch und sogar gewalttätig. Und dann gab es eine konservative Mainstreambewegung, die in den 1950ern mit der Person William F. Buckley und der Zeitschrift »National Review« assoziiert war. Dieser Mainstreamkonservatismus habe sich durchgesetzt, und die extremistische Strömung sei weitgehend marginalisiert worden. Doch Trumps Wahlsieg zeigte, dass diese Elemente nie ganz verschwunden sind.

Ist Trump denn überhaupt ein Konservativer im klassischen Sinne? Noch im Vorwahlkampf 2016 erschien der »National Review« mit dem Titel »Gegen Trump«. In der Ausgabe schrieben zahlreiche konservative Intellektuelle, dass Trump nicht mit den Prinzipien des Konservatismus vereinbar sei.

Das stimmt, doch schaut man sich an, was »National Review« in den Jahren davor publizierte, findet man auch dort schon all die abstoßenden und grotesken Elemente, die wir heute mit Trump verbinden.

Aber gab es nicht auch echte Meinungsverschiedenheiten, zum Beispiel was den Wirtschaftsliberalismus angeht oder den Freihandel? Hat Trump nicht in diesem Sinne gegen die Prinzipien des US-Konservatismus verstoßen?

Aber was sind diese Prinzipien? Von den Amerikanern, die sich selbst als »konservativ« bezeichnen, identifizieren sich fast 90 Prozent mit Trump. Da muss man sich schon fragen, ob die konservative Geschichte über ihre angeblichen Prinzipien wirklich stimmt.

Konservatismus bedeutet, Autorität und Hierarchien gutzuheißen und Gleichheit und Offenheit abzulehnen. Diese Grundeinstellung hat zu verschiedenen Zeiten ganz unterschiedliche Formen angenommen. In den 1920ern war der Ku-Klux-Klan (KKK) die stärkste konservative Kraft in den USA, er hat ganze Bundesstaaten kontrolliert. In den KKK-Pamphleten dieser Zeit wurde unter anderem eine allgemeine Krankenvorsorge durch die Regierung gefordert - vor allem, weil man fürchtete, Immigranten würden Krankheiten ins Land bringen.

Sie verwenden den Begriff der »Herrenvolk-Demokratie«, um diesen rechten Sozialpopulismus zu beschreiben.

Trump hat sich im Wahlkampf noch so inszeniert. Er versprach, viel Geld in Infrastruktur zu investieren und Arbeitsplätze in der Industrie zu schaffen. Auch wollte er Sozialprogramme schützen, von denen vor allem die Mittelschicht und die Rentner profitieren. Diesen Kurs hat er aber inzwischen aufgegeben, er vertritt jetzt einen traditionelleren, wirtschaftsliberalen Kurs.

Tucker Carlson, ein Moderator auf dem rechten Nachrichtensender Fox-News und einer der wichtigsten Unterstützer Trumps, hat kürzlich mit scharfer Kritik am neoliberalen Kapitalismus von sich reden gemacht. Die entfesselte freie Marktwirtschaft würde die soziale Ordnung und die traditionellen Familien zerstören ...

Tucker Carlson ist ein echter Anhänger der »Herrenvolk-Demokratie«. Diese Tradition hat es auf der amerikanischen Rechten schon immer gegeben, aber sie war sehr marginal. Früher hätte man so etwas niemals auf Fox-News gesehen. Der amerikanische Rechtspopulismus hat aber immer schon die weiße Mittelschicht in einer Art Zangengriff gesehen: zwischen den reichen, kosmopolitischen Eliten von oben und den »schmarotzenden, parasitären« Armen von unten.

Steve Bannon spricht oft von der »Davos Klasse«.

Ja, diese Strömung scheint inzwischen zu einem unterschwelligen Antisemitismus zu tendieren, zu der Vorstellung, dass unsichtbare, mysteriöse »Geldverleiher« und Finanzeliten das Schicksal der einfachen Amerikaner kontrollieren.

Aber, wie Sie sagten: Die tatsächliche Politik der Trump-Regierung ist kaum anders als die von früheren republikanischen Präsidenten. Traditionelle, wirtschaftsliberale Republikaner wie Paul Ryan konnten wichtige Teile ihrer Agenda durchsetzen, sie konnten Steuern senken, den Sozialstaat beschneiden und den Umweltschutz aushöhlen.

Ja, aber es gibt auch wichtige Unterschiede. Ronald Reagan zum Beispiel hatte eine sehr ehrfürchtige Haltung zur Immigration. Er war da sehr sentimental, er liebte die Idee, dass Menschen aus der ganzen Welt nach Amerika kommen wollen. Das war ein wichtiger Teil seines Patriotismus.

Rassistische Ressentiments hat es bei den US-Konservativen aber schon immer gegeben. Ist das unter Trump noch zentraler oder ist es heute einfach nur ehrlicher und offener als früher?

Es ist heute zentraler und es ist offener. Früher haben konservative Politiker immer sehr darauf geachtet, rassistische Ressentiments zu bedienen, ohne explizit diese Sprache zu verwenden. Denn das verstieße gegen die amerikanische Zivilreligion, laut der alle Amerikaner gleich sind, unabhängig von ihrer Hautfarbe oder ihrer ethnischen Herkunft. Das sieht man besonders bei Figuren wie Reagan oder Newt Gingrich (in den 1990er Jahren Sprecher des Repräsentantenhauses, Anm. der Red.). Aber dann kam Trump, der seinen Wahlkampf damals im Trump Tower begann, indem er davon sprach, dass Mexiko uns Vergewaltiger und Kriminelle schicken würde. Er hat die höfliche Maske abgerissen und war bereit, die ganze Hässlichkeit zu zeigen, die andere vor ihm immer verborgen hatten.

Nach der Wahl hörte man oft, dass Donald Trump große Teile der »weißen Arbeiterklasse« für sich gewinnen konnte, die vorher nicht republikanisch gewählt haben. Ist Trumps soziale Basis eine andere als die von George W. Bush oder Reagan?

Das wurde ein wenig übertrieben. Trump wurde auch von etlichen wohlhabenden weißen Republikanern aus den Vororten gewählt. Aber er hat eine enorme emotionale Bindung zu Teilen der weißen Arbeiterklasse, besonders in jenen Gegenden des Landes, die vom Neoliberalismus besonders ruiniert worden sind.

Ronald Reagan hatte das aber auch schon, er wurde von vielen gewerkschaftlich organisierten Arbeitern unterstützt. Man nannte sie damals »Reagan-Demokraten«. Trump steht also für die Beschleunigung eines Trends, den es schon seit Langem gibt.

In Ihrem Buch über Nixon beschreiben Sie, wie dieser in den 1960ern das politische Feld neu ordnete. Er nutze Kulturkampfthemen und rassistische Ressentiments, um die Wählerkoalition der Demokraten zu spalten und auch viele Wähler aus der Arbeiter- und Mittelschicht für den Konservatismus zu gewinnen. So schuf er eine neue rechte Wählerbasis. Ist das immer noch die Grundlage der heutigen Spaltung in der US-Bevölkerung?

Dieser Moment ist immer noch unverzichtbar, um die Gegenwart zu verstehen. Trump stammt aus dieser Welt, den frühen 1970ern. Ich habe zu Hause ein Plakat von einer Trump-Wahlkampfveranstaltung, auf dem steht: »Donald Trump spricht für die schweigende Mehrheit.« Das war der zentrale Slogan von Nixon damals.

Sie beschreiben, wie sich Nixon als Anwalt der einfachen Menschen inszenierte, der sie vor den arroganten liberalen Eliten in Schutz nehme. Das klingt sehr vertraut.

Um Nixons Vize-Präsident Spiro Agnew zu zitieren: »ein verweichlichter Haufen dreister Snobs« - er meinte damit die Presse, aber dahinter steht die allgemeine Idee, dass alle, die liberaler oder progressiver sind als man selbst, Teil dieser Klasse kosmopolitischer Snobs seien, die von oben auf uns herabschauen.

Eine Politik des Ressentiments nennt man das oft ...

Ressentiment ist Verachtung, gemischt mit Neid. Dieses Spiel begann mit Richard Nixon, Trump setzt es fort. Trump ist zwar ein sehr reicher Mann, aber er ist furchtbar sensibel, was sozialen Status angeht.

So spricht er ständig davon, dass er eine Ivy-League-Eliteuniversität besucht habe. Dabei war die Uni, die Trump besuchte, ganz unten in der Ive-League-Hierarchie. Es ist natürlich geradezu surreal, dass Trump diese sozialen Ressentiments verkörpert, er umgibt sich ja immer mit diesem ungeheuren Luxus. Aber man sagt: Trump ist das, was sich ein armer Mensch unter einem Reichen vorstellt. Seine Ästhetik ist furchtbar protzig und neureich.

Manchmal hat man das Gefühl, dass Trump diese Vulgarität absichtlich inszeniert, um die Liberalen zu provozieren. Indem er zum Beispiel jeden Tag McDonald’s Burger isst oder wie kürzlich seinen Gästen im Weißen Haus Cheeseburger und Pizza serviert.

Das kann man auch als eine Antwort auf Michelle Obama sehen, die einen Gemüsegarten im Weißen Haus hatte und sich für gesunde Ernährung einsetzte. Dagegen rebellieren die Republikaner: Ein echter Amerikaner isst, was er will, und fährt einen großen Truck, der viel Benzin schluckt.

Es gibt heute nur noch wenige Republikaner, die Trump kritisieren, Mitt Romney etwa. Hat Trump die Partei komplett übernommen? Oder wäre es möglich, dass sie irgendwann zum früheren, weniger populistischen Stil zurückfindet?

Nein, diese Leute wie Romney haben keinen realen Rückhalt in der Bevölkerung. Sie haben einige prominente Fürsprecher, aber keine echte Basis.

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