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Sechs Tage Spannung

Die Radprofis Roger Kluge und Theo Reinhardt gewinnen die Berliner Sixdays

  • Von Manfred Hönel
  • Lesedauer: 4 Min.

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Zehn Stunden Zeitunterschied, ein Temperatursturz um 40 Grad, 16 Stunden Flug samt Jetlag - all das störte Radprofi Roger Kluge nicht dabei, vier Tage nach der Tour Down Under in Australien gleich zum Auftakt des 108. Berliner Sechstagerennens die Herrschaft auf der Piste im Velodrom zu übernehmen. Mit seinem Weltmeisterpartner im Madison, Theo Reinhardt, raste er jeden Tag immer in Spitzenpositionen um das 250-Meter-Holzoval an der Landsberger Allee. 13 Runden vor dem Zielspurt der letzten Jagd am Dienstagabend zog das Duo dann unwiderstehlich los und sicherte sich mit einer Runde Vorsprung und 470 Punkten den Sieg vor den Dänen Marc Hester und Jesper Morkov sowie den Österreichern Andreas Müller und Andreas Graf.

Für Roger Kluge war es bereits der dritte Sechstagetriumph in Berlin. 2011 gewann er mit Robert Bartko, 2013 mit dem Niederländer Peter Schepp und nun mit Reinhardt. »Roger ist ein Phänomen. Wie er den Wechsel zwischen Bahn und Straße immer wieder verkraftet, nötigt mir Hochachtung ab«, lobte Sechstage-Sportdirektor Dieter Stein den gebürtigen Eisenhüttenstädter. Viel Zeit zum Feiern bleibt Kluge nicht. Selbst seinen 33. Geburtstag am kommenden Dienstag begeht er schon wieder fern der Heimat. »Ich gehe jetzt mit meinem neuen belgischen Team Lotto Soudal nach Spanien ins Trainingslager, um mich auf die UAE-Tour ab 24. Februar in Dubai vorzubereiten«, erzählte Kluge. Da diese Rundfahrt erst am 2. März endet, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass er mit Theo Reinhardt den Titel bei der Bahnrad-WM in Pruszkow (27.2. - 3.3.) verteidigen kann. Ganz klar war sich Kluge in dieser Frage aber noch nicht. Ganz sicher aber sagte er: »Im nächsten Jahr werde ich alles versuchen, um bei der WM in Berlin am Start zu sein.«

Die Sixdays-Karawane zieht nun ohne Kluge weiter. Bereits am Donnerstag beginnt die Jagd in Kopenhagen. Theo Reinhardt schließt dann eine »Sechstage-Ehe« mit dem Dänen Marc Hester. Die Berliner Veranstaltung machte auch Sixdays-Geschäftsführer Valts Miltovics froh: »Wir sind zu den Traditionen zurückgekehrt und konnten 50 500 Zuschauer begrüßen, die spannende Rennen erlebten.« Neben der Jagd bei den Zweiermannschaften sorgte auch Sprinter Maximilian Levy für Euphorie auf den Rängen. Der Cottbuser ließ sich trotz hungriger Konkurrenz mit den Weltmeistern Francois Pervis aus Frankreich und Denis Dmitrijew aus Russland nicht die Wurst nicht vom Brot ziehen. Zum achten Mal in Folge schwenkte er die Siegerschleife und schwärmte: »Ich hatte von Beginn an die Übersicht und hielt bis zum Finale durch.« Auf die WM in vier Wochen verzichtet Levy. Mit Ehefrau Madeleine, mehrfache deutsche Bahnradmeisterin, erwartet er in den kommenden Wochen das dritte gemeinsame Kind.

Die Berliner »Sechstage-Woche« sah auch Sportdirektor Dieter Stein voll im Glanz: »Es erfüllt mich wirklich mit Freude, dass die Jagden weitergehen. Ich beging in diesem Jahr ein Jubiläum. Genau vor 50 Jahren bestritt ich 1969 in der alten Werner-Seelenbinder-Halle - die stand an der Stelle des heutigen Velodrom - mein erstes Rennen. Es ging um die Bezirksmeisterschaft der 13-Jährigen im Sprint. Ich wurde damals Zweiter hinter dem späteren Weltmeister Emanuel Raasch.« In Erinnerungen schwelgte auch der Glöckner des Velodroms, Holger Goyer: »Wenn die Glocke läutet, wissen die Radprofis genau, was die Stunde geschlagen hat. Dann wird um Wertungspunkte oder den Sieg gespurtet. 1976 bin ich eingestiegen, weil der damalige Glockenmann Erich Schulze krank geworden war. Seither bin ich bei jedem Rennen dabei, früher auf der DDR-Winterbahn und später bei den Sechstagerennen im Velodrom«, berichtet der 63 Jahre alte Diplom-Ökonom des Berliner Senats.

Von seinem Einstand erzählt Goyer gern: »In der DDR wurde die Winterbahn 1976 als eine der Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele in Montreal genutzt. Jürgen Geschke, Thomas Huschke, Klaus Grünke oder Michael Milde rasten auf dem 170 Meter langen Holzoval von Sieg zu Sieg. Die Winterbahnpraxis zahlte sich bei den Spielen 1976 aus.« Grünke kehrte als Olympiasieger im 1000-Meter-Zeitfahren zurück, jeweils Bronze gewannen Sprinter Geschke und Huschke (4000 Meter Verfolgung). Milde wiederum holte sich die Form für vier Friedensfahrt-Etappensiege. Jetzt hofft Goyer: »Vielleicht war ja auch in diesem Jahr ein Fahrer dabei, der bei den Olympischen Spielen 2020 auf das Siegerpodest rollt.«

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