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Bis die Blase wieder platzt

Beim Fußball-Oberligisten Tennis Borussia eskaliert der Konflikt zwischen Vorstand und Fans

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.

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Hochfliegende Träume: Berlin ist ein beliebtes Pflaster für Spekulanten. Auf dem Immobilienmarkt beispielsweise treibt die enorme Nachfrage die Preise beständig in die Höhe. Ein beliebtes Geschäftsfeld ist auch der Fußball. Die weltweit große Anziehungskraft der Stadt spült in diesem Sport immer mal wieder Investoren an. Das stets gleichlautende Ziel: Hinter Hertha BSC und dem 1. FC Union die dritte Kraft werden. Denn die Millionenmetropole vertrage mindestens einen weiteren Profiklub. Und immer wieder platzt diese Blase. Jüngstes Beispiel: Nach dem Ausstieg der chinesischen Advantage Sports Union musste Viktoria 89 Berlin Insolvenz anmelden. Um die große Bühne des Profisports betreten zu können, müssen, wie im Falle des Regionalligisten Viktoria, die Geldbringer den Umweg über die Niederungen des Fußballs gehen. Ganz aktuell tobt der Kampf zwischen Kultur und Kommerz beim Fünftligisten Tennis Borussia.

Turbulente Versammlung

War was? Das fragte man sich am Donnerstag beim Blick auf die Internetseite des Vereins. Die Meldung des Tages: »Heute ist Pokal-Viertelfinale, Tennis Borussia Berlin - VfB Fortuna Biesdorf«. Kein Wort von der Mitgliederversammlung. Obwohl es dort am Mittwochabend sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen sein soll. So ist es auf Twitter zu lesen, genauso wie gegenteilige Darstellungen. »My boss brought us here«, zitiert Twitter-User @FloWeiss86 einen bis dato gänzlich unbekannten Teilnehmer. »Vom Chef hier her gebracht.« Um Stimmen abzugeben? So lauten zumindest die Vorwürfe. Um die Wahl des Aufsichtsrates wunschgemäß zu beeinflussen, sollen reihenweise neue Mitglieder angeworben worden sein. Auch anderen Teilnehmern sind die vielen neuen Gesichter aufgefallen, die teilweise nicht mal Deutsch sprechen oder verstehen, aber abstimmen. Ein Dementi dazu lässt sich nicht finden. Der von der Fanbasis Beschuldigte, Vorstandschef Jens Redlich, sagte im »Tagesspiegel« dazu: Man müsse eben auf Akquise gehen, wenn man den Verein vergrößern wolle. Rund 900 Mitglieder hat Tennis Borussia, 570 waren am Mittwochabend da, mehr als doppelt so viele wie bei bisherigen Mitgliederversammlungen. Das Ergebnis: Zwei Drittel der Anwesenden haben für die fünf Kandidaten von Vorstandschef Redlich gestimmt.

Der Grundkonflikt im Verein

Öffentlichkeitsarbeit ist ein Machtinstrument. Dass am Donnerstag auf der Homepage nichts über die Mitgliederversammlung zu lesen war, macht erst mal stutzig. Nachdem der Hashtag tebemv für einen Oberligisten recht hohe Wellen geschlagen hatte, könnte man hinter der Leere auf der offiziellen Vereinsseite auch Verheimlichung vermuten. Zumindest ist es eine Machtdemonstration, wenn über die Versammlung des höchsten Entscheidungsgremiums des Vereins einfach nicht berichtet wird. Die Kommunikation mit der Außenwelt riss schon Mitte Dezember ab. Bis dahin hatten Fans ehrenamtlich die verschiedensten Vereinskanäle recht rege bespielt, dann wurde ihnen der Zugang gesperrt. Der Verein ist in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite Jens Redlich und die Gefolgschaft des Hauptsponsors und Vorstandsvorsitzenden, auf der anderen die TBAF - Tennis Borussia Aktive Fans -, die eine Übernahme ihres Klubs befürchten.

Die Vorgeschichte

Im April 2016 stieg Crunch Fit als neuer Hauptsponsor bei TeBe ein. Jens Redlich ist geschäftsführender Gesellschafter der Fitnessstudiokette. Die Reaktionen waren damals durchweg positiv - auch in der aktiven Fanszene. Rund neun Monate später stand der Charlottenburger Verein mal wieder vor einer Insolvenz. So beschrieb damals zumindest Redlich die finanzielle Situation. 100 000 Euro hätten im Etat gefehlt. Redlich erklärte sich bereit die Altschulden, wie er sie nannte, zu übernehmen. Seine Bedingung: mehr Kontrolle über das investierte Geld, also mehr Macht im Verein. Er wurde Vorstandsvorsitzender. Kurz darauf der erste Streit: Der Vorstand verbot, die Regenbogenfahne im Mommsenstadion zu hissen. Nach aufreibenden Kämpfen durfte sie letztlich doch bei Heimspielen wehen. Aber die Fans fürchteten um ihre Werte, beziehungsweise Werte, für die auch ihr Klub öffentlich einstand und die er offensiv vertrat: gegen Homophobie, Rassismus und Diskriminierungen. Verbale Angriffe bestärkten dieses Gefühl. »Der Verein braucht euch nicht«, schrieb Redlich beispielsweise im Fanforum. Dass seit seiner Amtsübernahme etliche Verantwortungsträger den Verein verlassen haben, schreibt TBAF seinem Machtanspruch zu. So soll Redlich Rücktrittsforderungen mehrmals persönlich ausgesprochen haben. Der Streit mit Geschäftsstellenleiter Steffen Friede wurde sogar vor Gericht ausgetragen, die Vorwürfe unerlaubter Geldausgaben musste der Vorstand zurücknehmen.

Wie geht es weiter?

In der aktiven Fanszene überwiegt im ersten Moment die Resignation. Kein Wunder: Viele fiebern schon lang für die Lila-Weißen. Viele haben den Verein vor zehn Jahren mit der Kampagne »We save TeBe« gerettet. Vielleicht fehlt manchen einfach die Kraft. Denn: Es ist nicht das erste Mal, dass sich Tennis Borussia an einen Investor ausliefert. Nach den Engagements der Göttinger Gruppe und der Treasure AG folgte im Jahr 2000 ein Lizenzentzug und 2010 eine Insolvenz. Jens Redlich beziffert das bisherige finanzielle Engagement von Crunch Fit auf 2,5 Millionen Euro. Er will mit dem Verein in die Regionalliga - als Oberligazweiter ein zumindest sportlich realistisches Ziel.

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