Super Bowl

60 Minuten sind vier Stunden

Was der Super Bowl über die USA sagt - und warum er trotzdem sehenswert ist

Von Loren Balhorn

Am Sonntag ist es wieder so weit. Die Los Angeles Rams (geschätzter Wert: 3,2 Milliarden US-Dollar) und die New England Patriots (3,8 Milliarden) treffen sich im Mercedes-Benz Stadium (Namensrechte: 310 Millionen) in Atlanta, Georgia, um den 53. Super Bowl auszukämpfen. Dass es sich dabei um ein Spiel, eine De-facto-Weltmeisterschaft im Football handelt, ist fast zweitrangig. Der Höhepunkt des US-amerikanischen Sportjahres ist vor allem ein überwältigendes kulturelles Spektakel, das viel über die Gesellschaft der Vereinigten Staaten sagt. Es symbolisiert eine Verherrlichung des Militärischen, es führt die Stärke der Nation vor und feiert eine aggressive Maskulinität. Manche fühlen sich vom sportlichen Sinn des Spiels gar an die Geschichte jener kolonialen Landnahme erinnert, in der die USA entstanden: Ziel ist es, dem Gegner scheibchenweise, Yard für Yard, Terrain abzuringen, um eine gute Ausgangslage dafür zu schaffen, den Ball hinter die gegnerische Grundlinie zu tragen. Aber das Amerikanischste am Football und am Super Bowl sind die finanziellen Dimensionen.

Es mag Sportspektakel geben, die mit dem Super Bowl vergleichbar sind. Doch nirgends gibt es ein jährliches Ritual, das mit so viel Glanz, Gloria und vor allem Geld verbunden ist. Um unter den 71 000 Jubelnden im Benz-Stadion zu sein, zahlt, wer eine Karte ergattert, mehr als 5000 Dollar. Während der Saison geben Fans meist gut 200 Dollar pro Karte aus.

Die USA stellen nur vier Prozent der Weltbevölkerung. Doch der Super Bowl ist das meistgeschaute TV-Ereignis weltweit. Allein in den Vereinigten Staaten werden mehr als 100 Millionen Menschen vier Stunden lang alles stehen und liegen lassen. Ausgestrahlt wird das Spiel vom Sendenetzwerk CBS, die Rechte sind zwischen drei Sendern und der National Football League (NFL) geteilt. CBS bezahlt dafür 1,08 Milliarden - und nimmt für einen 30-Sekunden-Werbespot im Schnitt 5,2 Millionen Dollar.

Die Zeiten in Amerika sind hart in diesen Tagen. Die Arbeitslosigkeit sinkt zwar, doch sind die neue entstehenden Jobs oft schlecht und unsicher. Die Löhne stagnieren, Abermillionen kämpfen um ihr wirtschaftliches Überleben. Wie kann sich da ein Spiel, das mit 200 Dollar zehn Prozent des Durchschnittslohns für eine Eintrittskarte verlangt, als beliebteste Sportart halten? Obwohl jetzt bekannt ist, dass das Betreiben dieses Sports nicht selten zu Verletzungen führt, an denen Spieler lebenslang leiden - zu Lähmungen und einem frühen, oft qualvollen Tod?

Der Aufstieg des Football zur amerikanischen Sportart Nummer eins begann in der Nachkriegszeit, als Fernsehgeräte in die Normalhaushalte einzuziehen begannen. Entstanden als Freizeitbeschäftigung von Studenten der elitären Universitäten, hatte sich Football ab den 1920er Jahren allmählich zum Profisport entwickelt. Doch erst mit der flächendeckenden medialen Präsenz ab den 1960er Jahren war die Voraussetzung geschaffen, dass der Football jeden Sonntag im Herbst für sich beanspruchen kann. Nun konnte jeder Amerikaner nicht nur die örtliche Mannschaft sehen, sondern mehrere Spiele an einem Tag. Einer Sportart mit damals nur zwölf und heute 16 Spielen pro Saison brachte das Fernsehen eine Konsumrevolution.

Umgekehrt war Football für die Sender attraktiv. Mit seinen vielen Pausen zwischen den einzelnen Spielzügen eignet sich das Spiel perfekt für ein Geschäftsmodell, das ausschließlich auf Werbung basiert. Ein Spiel umfasst formell nur 60 Minuten - doch mit den ständigen Unterbrechungen kann es über drei Stunden dauern, bis die 60 Spielminuten um sind. Das bedeutet für die Zuschauer, dass über die Hälfte der Zeit mit Werbung gefüllt wird. Und zumindest im Fall des großen Finales zwischen dem Sieger der westlichen und der östlichen Serie sind diese Werbespots mitunter kaum weniger Konversationsthema als das Spiel selbst. Was auch für die Show in der Halbzeitpause gilt, die oft für Diskussionen sorgt.

Heute ist der Football allgegenwärtig: Thursday Night Football, Sunday Night Football und bis vor kurzem Monday Night Football - wer will, kann dank des ligaeigenen NFL-Networks 24 Stunden am Tag Footballinhalte im Fernsehen konsumieren. Jedes NFL-Spiel hat heute im Schnitt 15 Millionen Zuschauer. Während jährlich Tausende Kirchen schließen, ist das Footballschauen die populärste gemeinsame Sonntagsbeschäftigung geworden. Loyalität zur Mannschaft, die Begeisterung für den Wettkampf sind eine starke Komponente lokaler Identität. In der Region, in der ich aufgewachsen bin, sind Logos der der legendären Green Bay Packers quasi Pflicht in jeder öffentlichen Einrichtung.

Neben der NFL gibt es »College Football«, also Spiele zwischen Universitätsmannschaften, die nach den NFL-Spielen und Baseball der drittpopulärste Mediensport sind. Hier sind die Stadien oft sogar noch größer als in der NFL, sie haben bis zu 120 000 Sitzplätze. Darunter gibt es noch den Highschool-Football für 14- bis 18-Jährige, der gleichfalls bundesweit ausgestrahlt wird und in vielen Kleinstädten nach wie vor eine bedeutsame Rolle im Gemeindeleben spielt: Die Rhythmen und Rituale des Football sind für Zigmillionen Amerikaner ein integraler Bestandteil des Lebens.

NFL und College Football sind Unterhaltungsindustrien, die Milliarden Dollar umsetzen und Hunderttausende Menschen beschäftigen. In den Großstädten wird Football für so essenziell gehalten, dass Kommunen Hunderte Millionen Dollar ausschütteln, um auf Kosten der Steuerzahler Stadien für die lokalen Teams zu bauen. Dabei befinden sich diese stets im Besitz privater Geschäftsleute und wechseln mit diesen durchaus mal den Standort. So hat sich der diesjährige Finalist Los Angeles Rams schon kreuz und quer durch die USA bewegt: 1936 in Cleveland am Ufer des Eriesees gegründet, kam das Team 1946 erstmals an den Pazifik, um 1995 nach St. Louis am Mississippi umzuziehen - und 2016 nach Los Angeles zurückzukehren. Dort baut man den Rams gerade das größte Footballstadion der Geschichte für fünf Milliarden Dollar, nachdem St. Louis »nur« eine lächerliche Milliarde anbieten konnte. Man begründet diese Ausgaben mit Standortkonkurrenz und dem mit den Teams angeblich verbundenen Wirtschaftswachstum, das sich aber nur selten realisiert.

Die NFL ist sich der enormen Bedeutung von Football bewusst. Sie inszeniert sich und das Spiel als Quintessenz des Amerikanischen. Jede Woche wird ein besonders spannendes Match als »Amerikas Spiel der Woche« präsentiert. Zuschauer werden von Kick-off bis Spielschluss mit patriotischen Botschaften bombardiert, oft begleitet von Offizierskorps-Auftritten oder Luftakrobatik von Air-Force-Kampfjets; Veteranenehrungen und andere Klischeefloskeln der US-amerikanischen Öffentlichkeit überschlagen sich. Dennoch muss die NFL ihren Markt ausweiten - und spricht zunehmend Frauen und gesellschaftliche Minderheiten an. So war von 2009 bis 2016 jeweils ein ganzer Monat im Spielbetrieb dem Kampf gegen Brustkrebs gewidmet, die Spieler trugen pinke Seidenbänder an den Trikots. Auch müht man sich, Minderheiten in die nationalistische Metaerzählung des Football aufzunehmen und durch das Spielen und Schauen von Football im Konsum zu einen.

Seit einiger Zeit sind diese kulturelle Dominanz und die Milliardenbeträge, die auf dem Spiel stehen, durch zwei Entwicklungen bedroht. Durch die Nachricht, dass Football massenhaft zu der Gehirnverletzung »Chronisch-traumatischer Enzephalopathie« (CTE) bei Spielern führt - und durch den Protest des Profis Colin Kaepernick, der bis heute von keiner Mannschaft eingesetzt wird und seit Herbst 2017 die Liga wegen systematischer Ausgrenzung verklagt.

Kaepernicks Protest - das Knien während der Nationalhymne - richtete sich gegen Rassismus und Polizeigewalt. Doch die allergischen Reaktionen der Teambesitzer und vieler weißer Fans rückten die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass zwar 70 Prozent der NFL-Spieler schwarz sind, aber nur zwei Trainer - und kein einziger Teambesitzer. Eine Hierarchie der Hautfarbe zeigt sich auch auf dem Spielfeld, wo die Schlüsselposition des Quarterbacks überwiegend weiß besetzt ist. In Zeiten von BlackLivesMatter und allgemeiner Politisierung scheint auch Football endlich kritischer betrachtet zu werden.

Bedrohlicher für die NFL ist aber die Frage des CTE. Die Tatsache, dass Football auch mit der besten Ausrüstung das Leben verkürzt und davor schier unerträglich macht, ist nicht einfach unter den Teppich zu kehren. Die Teilnahmezahlen im Jugendbereich sinken jährlich. Bisher lässt sich CTE erst nach dem Tod diagnostizieren. Doch sobald die Technologie existiert, die Spieler lebend zu testen, und schwarz auf weiß zu sehen sein wird, wie das Gehirn der Aktiven unter dem Spiel leidet, wird dieser stete Tropfen vermutlich zu einer Flut.

Die Liga gibt sich alle Mühe zu zeigen, dass man das Spiel sicherer mache, vor allem für Jugendliche. Doch immer mehr Ikonen wie mein Kindheitsheld Brett Favre sagen, ihre Söhne würden keinen Football spielen. Die Vorstellung, dass das sehr ungesund ist, hat sich mittlerweile festgesetzt. Der Anfang eines generationellen Umschwungs - wie beim Rauchen in den frühen 1990er Jahren?

Der Football steht auf dünnem Eis. Wie die soziale Ungleichheit und so viel anderes in den USA beruhte sein bisheriges System darauf, dass seine Funktion und Wirkungen kaum öffentlich thematisiert wurden. Dies ist nicht mehr der Fall. Nicht von heute auf morgen, aber langfristig könnte auch der Super Bowl seine Stellung als bestimmendes Jahresereignis des Landes verlieren.

In Berlin werde ich wohl zu früh ins Bett gehen, um das Spiel zu sehen. Wäre ich aber bei der Familie in Wisconsin, stünde ich vor dem Fernseher mit Chicken Wings und einem Kasten Bier. Nicht, weil mich das Ergebnis interessiert, das ist wirklich nicht der Fall. Sondern weil es dieses grausame und zugleich verzaubernde Spektakel nirgendwo sonst auf der Welt gibt - und möglicherweise auch in den USA nicht mehr ewig. Der Super Bowl ist ein anthropologisches Schaufenster des späten Roms unserer Zeit.