Kapitänin Pia Klemp

»Die Vorwürfe sind knüppelhart«

Pia Klemp hat mehr als 1000 Menschen vor dem Ertrinken gerettet. In Italien wird nun gegen sie wegen Verdachts auf Beihilfe zu illegaler Einwanderung ermittelt.

Von Fabian Hillebrand

Pia Klemp, Sie haben als Kapitänin mit Rettungsschiffen Menschen aus dem Mittelmeer gerettet. Nun droht Ihnen und weiteren Seenotretter*innen in Italien ein Verfahren. Worum geht es?

Die Ermittlungen laufen wegen des Verdachts auf Beihilfe zu illegaler Einwanderung. In Kürze wird es eine Anhörung geben, bei der entschieden wird, ob Laptops und Handys, die im August 2018 von unserem Schiff beschlagnahmt worden sind, ausgelesen werden dürfen.

Wie haben Sie mitbekommen, dass Ermittlungen gegen Sie laufen?

Wir haben durch die italienische Presse davon erfahren. Woher die ihre Informationen hatte, wissen wir nicht. Vermutlich haben italienische Beamten die Daten durchgestochen. Besonders gruselig daran ist, dass vollständige Namen, Geburtsdaten und Wohnadressen weitergereicht worden sind.

Im Zuge der Ermittlungen ist dann herausgekommen, dass Ihr Schiff über mehrere Monate verwanzt worden ist.

Ja, das war ziemlich beklemmend, schließlich haben wir auf dem Schiff nicht nur gearbeitet, wir haben dort gelebt. Als wir dann erfahren haben, dass das Schiff mehrere Monate verwanzt war, dass Telefone abgehört worden sind, dass vier verschiedene Ermittlungsbehörden, darunter der italienische Geheimdienst, gegen uns gearbeitet haben, dass es Spitzel auf anderen Schiffen gab - das war schockierend, mit welchem Riesenapparat und welchem Aufwand da gegen die Seenotrettung vorgegangen worden ist.

Was erwarten Sie von Ihrem Prozess?

Was uns vorgeworfen wird, ist knüppelhart: Da stehen bis zu 20 Jahre Haft drauf und horrende Geldstrafen. So ein Prozess dauert im Zweifelsfall viele Jahre und kostet unglaublich viel Geld. Eine Verurteilung erwarte ich aber nicht. Das Ganze ist sehr offensichtlich kein normaler Prozess, sondern vielmehr ein politischer Schauprozess. Verschiedene Gerichte haben festgelegt, dass die Rettung von Menschen aus Seenot alleroberstes Gebot ist. Es gibt mehrere Präzedenzfälle, bei denen es die gleichen Vorwürfe gab. Die Angeklagten wurden allesamt freigesprochen. Das Verfahren bezweckt etwas ganz anderes: uns für eine Zeit lahmzulegen und andere Hilfsorganisationen abzuschrecken.

Seit Sie von dem Verfahren wissen, sind Sie nicht mehr an Bord eines Rettungsschiffes gewesen?

Genau, unsere Anwälte haben uns strikt davon abgeraten, weitere Einsätze zu fahren. Wegen dann eventuell drohender Haft in Italien. Absurd, oder? Uns wird Haft angedroht, wenn wir erneut Menschenleben retten. Das war schon eine Überwindung, die Kommandobrücke zu verlassen. Ich bin die letzten sieben Jahre meines Lebens nonstop auf Schiffen gewesen, bin in aller Herren Ländern und Kontinenten und Meeren unterwegs gewesen.

Sie sind in Bonn geboren, haben Biologie studiert. Wie kommt jemand wie Sie auf die See?

Ich bin zur Seefahrt gekommen, weil mir die Meere ein Herzensanliegen sind. Ich habe zuerst bei der Meeresschutzorganisation »Sea Shepherd« angeheuert. Ich habe da als ungelernte Deckhand angefangen, war dann irgendwann Schiffsmanager, habe mehr und mehr auf der Kommandobrücke gemacht und dann so langsam meine Scheine und meine Seezeit dafür gesammelt, um Kapitänin zu werden. Als die zivilen Seenotrettungsorganisationen im Mittelmeer aktiv wurden, wusste ich, da werde ich gebraucht.

Das klingt fast so, als wäre das politische Anliegen Ihr stärkstes Motiv, aufs Meer rauszufahren. Fahren Sie eigentlich gerne zur See?

Es ist für mich durchaus auch Mittel zum Zweck. Ich war noch nie zum Spaß auf dem Meer, nie für einen schönen Segeltörn. Ich habe auch keinerlei Interesse daran, in der Handelsschifffahrt oder Ähnlichem zu arbeiten. Also das ist für mich ganz klar ein Vehikel, um das zu unterstützen, was getan werden muss, ob das der Meeresschutz ist oder die zivile Seenotrettung. Aber ich fahre auch trotzdem sehr gerne zur See (lacht).

Bei Seenotrettungsorganisationen fahren viele Landratten mit, Menschen, die vorher nie in ihrem Leben ein Schiff betreten haben. Als Kapitänin haben Sie Verantwortung für diese Menschen, müssen aus ihnen eine Crew formen.

Ja, das stimmt.

Klappt das gut, werden Sie als Autorität anerkannt? Muss man den Leuten noch viel beibringen?

Ich hatte noch nie das Gefühl, dass irgendjemand meine Autorität als Kapitänin anzweifelt. Es gibt natürlich Leute, denen man erst mal noch das eine oder andere beibringen muss, die Crew besteht aus gelernten und ungelernten Kräften und es gibt Leute, die waren noch nie auf einem Schiff. Medienleute werden zum Beispiel andauernd seekrank, weil sie ständig auf den Bildschirm ihrer Kamera gucken. Unsere Crewmitglieder sind mit viel Herzblut dabei und Profis in ihrem jeweiligen Bereich. Viele Ärzte nehmen ihren Jahresurlaub, um bei uns zu arbeiten. Zu Seeleuten machen wir sie mit Trainings und Manöverübungen.

Auf 100 Kapitäne kommt eine Kapitänin, werden Sie manchmal schief angeguckt?

Natürlich ist die Seefahrt grundsätzlich eine extrem männerdominierte Welt, aber gerade die Leute, die auf unseren Schiffen mitfahren, machen keinen Unterschied zwischen Mann und Frau.

Gab es auch einen Moment, in dem Sie glücklich darüber waren, durch das Verfahren eine Auszeit zu bekommen, von der harten Arbeit, dem ständigen Schaukeln des Schiffes? Haben Sie sich nie heimlich gefreut, in ein normales Leben zurückzukehren?

Nee, das gab es nicht. Im Mittelmeer sind wir ständig mit den Folgen der europäischen Flüchtlingspolitik konfrontiert. Menschen ertrinken elendig. Das ist nicht naturgegeben, sondern eine menschengemachte Katastrophe. Deshalb hatte ich nicht für eine Sekunde das Gefühl, dass ich froh sein sollte, nicht mehr dort unten zu sein, ganz im Gegenteil: Gerade jetzt, wo nur noch so wenig Schiffe auf dem Mittelmeer unterwegs sind, wäre ich eigentlich sehr froh darüber, meine Fähigkeiten, Erfahrungen und mein Wissen dort einbringen zu können.

Eines Ihrer ehemaligen Schiffe, die »Sea-Watch«, musste kürzlich mehrere Tage warten, bis ihr und den aus Seenot geretteten Geflüchteten ein sicherer Hafen zugewiesen wurde. Haben Sie selbst auch schon einmal eine solche Situation durchlebt?

Ich war durchaus schon in Situationen, wo es mehrere Tage gedauert hat, bis wir einen Hafen zugewiesen bekommen haben. In der Zeit haben wir auch erst mal von keiner Seite - weder von Italien, Malta noch von Holland, unserem Flaggenstaat - irgendwelche Informationen bekommen. Das war sehr erschütternd. Wir hatten das Schiff voller traumatisierter Menschen und einen toten zweijährigen Jungen in der Tiefkühltruhe liegen, weil wir keine andere Lagermöglichkeit für Tote hatten, die Leiche aber auch nicht dem Meer überlassen wollten. Es ist bitter, wie viel Leid diese Menschen noch weiter ausgesetzt werden, weil die Staaten der Europäischen Union ihnen ihre rechtmäßig zustehende Hilfe verweigern.

Wie sieht die Zukunft der Seenotrettung aus? Die italienische Blockade der Häfen scheint nicht abzubrechen. Gibt es einen Punkt, an dem Sie sagen müssen, es ist für uns Seenotretter*innen und die Geflüchteten zu gefährlich?

Na ja, für die Geflüchteten gibt es nur wenige Möglichkeiten. Entweder sie ertrinken auf See, werden von libyschen so genannten Küstenwächtern, was auch nur neu uniformierte Milizen sind, zurück in die Internierungslager verschleppt, oder sie müssen auf den zivilen Schiffen ausharren, bis Europa sich mal seiner Pflichten besinnt. Das Problem ist die Nichtexistenz legaler und sicherer Einreisewege, damit Menschen ihr Recht auf einen Asylantrag wahrnehmen können. So bleibt die Flucht über das Mittelmeer für viele der einzige Weg, in Sicherheit zu gelangen. Solange Menschen aber fliehen, werden wir versuchen, sie zu retten. Und daran wird sich nichts ändern, auch wenn ein Salvini noch so sehr rumplärrt, dass er das nicht möchte.

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