Rassismus in Japan

Plötzlich eine von uns

Im Hype um Japans neuen Tennisstar Naomi Osaka steckt viel Heuchelei.

Von Felix Lill

Die neue Weltranglistenerste im Tennis ist Japanerin und dunkelhäutig. Wäre Naomi Osaka nicht Garantin für japanische Welterfolge, würde sie vermutlich nicht so sehr als Japanerin gefeiert. Nun aber ist man ganz flexibel.

Nur ein Tag verging, da hatte die neue Heldin schon ihr eigenes Museum. Die Stadt Nemuro in Hokkaido, Japans Nordinsel, räumte kurzerhand im Rathaus Platz frei, um dort 30 Objekte der erst 21-jährigen Tennisspielerin auszustellen. Neben Trainingsjacken, Trainingsbällen und Trainingsschlägern steht dort auch Naomi Osakas Bedeutung erklärt: sie ist die erste Nummer eins der Welt, die aus Japan und ganz Asien kommt. In der 30 000-Einwohnerstadt am nördlichen Rand des Landes steht das Museum, weil hier immerhin ihr 74-jähriger Großvater lebt. Bei einer Ikone mit der Bedeutung von Naomi Osaka kann so eine indirekte Verbindung schon mal ausreichen, um als kleiner Ort ein bisschen vom Weltruhm zu profitieren.

Seit Naomi Osaka am Samstag in drei Sätzen (7:6, 5:7, 6:4) das Finale der Australian Open gegen die Tschechin Petra Kvitova gewann, ist sie in Japan endgültig ein Riesenstar. Erst im Herbst letzten Jahres gewann sie mit den US Open den ersten Slam ihrer Karriere. Nun ist ihr nicht nur der in der Tennisgeschichte schnellste Sturm an die Spitze der Weltrangliste gelungen, sondern auch die erste solche Platzierungen einer japanischen Athletin, ob männlich oder weiblich. So ist die Aufregung in Japan nun groß. Die Tageszeitung Tokyo Shimbun fragte schon: »Sollte Naomi Osaka Japans Fahnenträgerin bei Olympia werden?«

Immerhin ist der Erfolg Osakas für Japan auch von großem patriotischem Wert: einerseits hat das demografisch schrumpfende und ökonomisch stagnierende Land in vielen Bereichen zuletzt international an Prestige verloren, vom Markt für Elektronikprodukte, wo koreanische und chinesische Hersteller mittlerweile erfolgreicher sind, bis zur Automobilindustrie. Auch im urjapanischen Sport Sumo dominieren Japaner schon lange nicht mehr, die besten Ringer kommen aus der Mongolei. Gleichzeitig aber bringt sich Japan gerade für die olympischen Spiele 2020 in Tokio in Stimmung. Eine Landsfrau, die in irgendeiner Sportart die Beste der Welt ist, kommt da gerade recht.

Nur ist dabei eine Sache bemerkenswert: Naomi Osaka würde wohl kaum auch nur annähernd so viel Ruhm und Ehre zuteil, wenn sie bloß Zweite wäre, wenngleich sie auch damit schon zur beste japanischen Tennisspielerin aller Zeiten gereicht hätte. Nicht unwahrscheinlich aber, dass dann viele Stimmen einiges an ihr zu bemängeln gewusst hätten. Zum Beispiel, dass sie in Interviews fast immer auf Englisch statt Japanisch antwortet, dass ihr Japanisch auch kaum fließend ist, dass sie als Tochter eines haitianischen Vaters und einer japanischen Mutter nur die ersten drei Lebensjahre in Japan verbrachte. Dass sie also eigentlich nur Halbjapanerin sei. Kurzum, dass sie eigentlich gar keine richtige Japanerin sei.

In Japan, wo kaum zwei Prozent der Einwohner einen ausländischen Pass hat, herrscht eine starre Vorstellung davon, was es heißt, japanisch zu sein. Das Land stützt sich nicht zuletzt auf dem Narrativ einer homogenen Gesellschaft, in der die überwiegende Mehrheit sehr ähnliche Normen verfolgt, ähnlich denkt und ähnlich aussieht. Zwar weiß jeder, dass etwa sowohl die Menschen aus Okinawa ganz im Süden als auch die Ainu ganz im Norden ihre eigenen Kulturen hatten, bis Festlandjapan die Gebiete Ende des 19. Jahrhunderts annektierte. Auch die koreanischstämmige Gemeinde, die seit den Zeiten des bis 1945 währenden Japanischen Kaiserreichs hier angesiedelt ist, passt nicht recht in die strengen Kriterien. Schließlich soll Japan auch deshalb eine so harmonische und sichere Gesellschaft sein, weil das Land eben homogen sei.

Dabei kann die äußere Erscheinung schon zu einem größeren Problem werden. Nicht das einzige, wohl aber das prominenteste Beispiel der letzten Jahre ist Ariana Miyamoto, die 2015 zur Miss Universe Japan gekürt wurde. In einem Wettbewerb, in dem es fast ausschließlich ums äußere geht, wurde die dunkelhäutige Miyamoto, Tochter eines US-amerikanischen Vaters und einer japanischen Mutter, für das kritisiert, weshalb sie den Wettbewerb erst gewonnen hatte: ihr Aussehen. »Ist es okay, eine Halbjapanerin zur Miss Japan zu machen?«, fragte ein Twitter-User. Als Miyamoto dann für Japan beim internationalen Wettbewerb Miss Universe ins Rennen ging, den sie schließlich nicht gewann, aber für Japan historisch gut in den Top 10 abschloss, fand ein anderer User: »Mir ist es unangenehm, dass sie für Japan antritt.« Miyamoto selbst berichtete, dass ihr von ausländischen Medien wesentlich mehr Interesse entgegengebracht wurde als von japanischen.

Auch bei Naomi Osaka wurde die Hautfarbe offensichtlich schon als Problem empfunden. Da ihre Eltern früh entschieden, dass Osaka bei internationalen Turnieren als Japanerin antreten würde, war bei den schnellen Erfolgen auch bald absehbar, dass sich Sponsoren für sie interessieren würden. So zum Beispiel der Nudelhersteller Nissin, der sie seit kurzem für seine Kampagnen nutzt. Für einen animierten Werbespot ließen die Strategen des Unternehmens die Haut von Osaka deutlich heller, also vermeintlich japanischer, aussehen als sie wirklich ist. »Ich finde, in Zukunft sollten sie mich vorher fragen, wenn sie mich irgendwie abbilden wollen«, sagte Osaka zu diesem Vorfall im Nachhinein. Die Sache sei für sie nun erledigt.

Für Japan hingegen könnte die Angelegenheit jetzt endlich richtig losgehen. Dass die Haut von Naomi Osaka dunkel ist, dürften die meisten Japaner immerhin spätestens jetzt wissen. Das Finale am Samstag erreichte eine TV-Zuschauerquote von 32 Prozent, was Japans bisherigen Jahresrekord aufstellte. Nun käme es auch auf die Athletin selbst an, ob sie ihr Erscheinungsbild offensiv nutzt und der japanischen Gesellschaft eine längst dagewesene Facette deutlich sichtbar macht. Dass auch dieses vermeintlich homogene Land in Wahrheit ein diverses ist, und dass es ohnedies nie Platz eins einer Tennis-Weltrangliste erklommen hätte.