Bratwurstmuseum

Wurst

Leo Fischer über Geschichte in neuen Hüllen, Gleichgültigkeit und Weiterwurschteln

Von Leo Fischer

Seit Mitte Oktober hat das reizende thüringische Städtchen Ilmenau einen neuen Oberbürgermeister: Dr. Daniel Schultheiß. Der parteilose 38-Jährige trat für das Bündnis »Pro Bockwurst« an, als gemeinsamer Kandidat von LINKEN, SPD und Grünen, die sonst wohl keinen Fuß auf den Boden bekommen hätten. Das Bündnis, das eigentlich »Initiative für Bildung, Wissenschaft und die Manifestierung der Bockwurst als Kulturgut« heißt, versucht sich an einer »bodenständigen« Politik, wurde aber anscheinend vor allem des Namens wegen gewählt: Bockwurst, das ist lustig und zugleich niedrigschwellig lokalpatriotisch; für Jugendliche, Irgendwielinke und KIemmkonservative gleichermaßen wählbar; signalisiert stolze Zurückgebliebenheit und ostentatives Provinzlertum, die in Deutschland schon seit Jahrhunderten Voraussetzung für jegliche politische Aktivität sind.

Aus demselben Thüringen, aus demselben Geist totaler Gleichgültigkeit, ja Wurschtigkeit, stammt die Idee, auf dem Gelände des ehemaligen KZ Buchenwald das Deutsche Bratwurstmuseum neu anzusiedeln. Dort gebe es »ideale Standortbedingungen«, heißt es in einer Mitteilung des Vereins »Freunde der Thüringer Bratwurst«, die dort u.a. »Schauverwurstungen« und »Bratwursttheater« versprechen. Opferverbände kritisierten die Idee scharf, wohingegen sich der Verein in bekannter deutscher Tradition artikulierte: »Von der ehemaligen Nutzung des Geländes habe man nichts gewusst«, heißt es in der »Zeit«. Außerdem, so wiederum die Sprecherin des Bürgermeisters, werde vor Ort ja schon auf »Stelen und Gedenktafeln« an die Geschichte des Ortes erinnert. Dann ist ja gut.

»Jeder ist sich selbst ein Würstchen« (Adorno). Ein paar Tafeln hinhängen, damit dann bodenständig weitergewurschtelt werden kann - präziser kann man deutsche Gedenk- und Geschichtspolitik, die sich im Angesicht der Wahlergebnisse als praktisch wirkungslos erwiesen hat, nicht zusammenfassen. Die Wurst ist überhaupt ihr bestes Sinnbild: In die Wurst kommen die ganzen grässlichen Reste, mit denen man sich im einzelnen nie befassen würde, mit einer neuen Hülle und jede Menge Aromen, als mundgerechter Einheitsbrei, den man auf keinen Fall schlecht finden darf. In Frankfurt gibt es eine »neue Altstadt«, in der rekonstruierte Bauwerke aus den verschiedensten Epochen puppenstubenhaft nebeneinandergestellt wurden, es gibt ein neues historisches Museum, wo es keine Geschichte mehr gibt, sondern nur noch »Objekte«, Exponate aus 20 Jahrhunderten, die wirr durch den Raum verteilt werden und dafür sorgen, dass die KZ-Häftlingsuniform gleichberechtigt neben Waschmittelreklame hängt. Auch eine Form des Revisionismus: Geschichte? So etwas gibt es hier doch gar nicht! Es gibt nur ein Kaleidoskop, Bilder und Schnipsel, alles ist im Fluss, bitte achten Sie nicht auf den Mann hinter dem Vorhang. Wer will denn richten, wer weiß schon, wer da im Recht ist: die KZ-Überlebende oder die Waschmittelfirma, die Stele oder die Bockwurst? Auf einer zweiten Ebene triumphiert freilich stets die Wurst; Wurstmuseen, Wurstarchitektur und Wurstgedenkstätten sind stets ihr als heimlicher Patronin gewidmet.

Auf einer Klassenfahrt in die Gedenkstätte Buchenwald baten wir Schüler einmal einen Senioren, doch bitteschön vor den Baracken nicht zu rauchen, ein Recht, das er mit Leidenschaft verteidigte. »Wo ist denn das Problem?«, wiederholte er immer wieder, in seltsam klagenden Tonfall. Ja, wo denn? Probleme gibt es doch nur da, wo Leute irgendwas anders machen wollen, wo Taten Konsequenzen haben sollen und wo man seine tiefe, tiefe Gleichgültigkeit nur für zehn Minuten einmal ablegen soll. Die aber ist sakrosankt, das einzige wirkliche Tabu.