Entschieden reich

sieben tage, sieben nächte über die globalen Ungleichverteilung des Reichtums

Von Stephan Kaufmann

Regelmäßig legt die Organisation Oxfam ihren Bericht zur globalen Ungleichheit vor, und ebenso regelmäßig werden diese und ähnliche Studien kritisiert, und zwar stets von konservativer Seite. Das ist kein Zufall, da es offensichtlich Ziel dieser Konservativen ist, die bestehende Verteilung des Reichtum zu konservieren, indem sie Umverteilungsforderungen entkräften. Die Kritik an den Studien zur globalen Vermögensverteilung kennt gute Argumente - zum Beispiel, dass Ansprüche an das staatliche Rentensystem nicht als Vermögen zählen, die Deutschen daher eigentlich reicher sind, als die Vermögensstatistik aussagt. Nun ist ein neuer Einwand gegen Oxfam aufgetaucht, und der ist richtig schlecht.

Wie reich jemand ist, so die Schweizer Ökonomin Monika Bütler, sei auch abhängig von den »individuellen Entscheidungen«, die die Vermögen »prägen«. Bütler illustriert dies mit einem Beispiel: Alle Einwohner eines Landes erhalten gleich viel Geld. »Menschen sind aber unterschiedlich«, so Bütler. Die einen gäben alles aus, andere sparten, wieder andere würden Unternehmer und so weiter. »Mit der Zeit schlagen sich die Unterschiede in den persönlichen Entscheidungen in einer beträchtlichen Vermögensungleichheit nieder«, obwohl am Anfang doch alle gleich gewesen seien.

Schon Bütlers Ausgangspunkt - alle haben gleich viel Geld - ist irre. Er mag nur zur »Illustration« dienen, doch genau dafür taugt er nicht. Denn ausgeblendet wird, dass die Entscheidungen, die Menschen so treffen, stark von ihren Lebensbedingungen abhängen, und die sind sehr unterschiedlich: Ein Kind aus reichem Hause »entscheidet« sich eher für eine Medizinerkarriere als ein Kind aus armem Haushalt, das sich eher für eine Lehre »entscheidet«.

Abgesehen davon ist die Reduktion von kapitalistischen Erwerbskarrieren auf individuelle »Entscheidungen« eine falsche Abstraktion. Gerade so gut könnte man behaupten, diese Entscheidungen beruhten auf chemischen Prozessen im Gehirn, und diese Prozesse seien letztlich für die Ungleichheit verantwortlich. Indem Bütler die Verteilung des Reichtums auf »individuelle Entscheidungen« zurückführt, abstrahiert sie von allen Mechanismen, die im herrschenden Wirtschaftssystem zwangsläufig zur Aufteilung in Arme und Reiche führen. Statt Ökonomie betreibt die Ökonomin Psychologie, und zwar eine leere Psychologie, die sich gar nicht mehr um die individuelle Psyche kümmert.

Logisch ist das nicht, dafür ideologisch ertragreich: Ungleichheit ist erstens unvermeidlich, weil menschlich, und zweitens ist irgendwie jeder selbst schuld, wenn er arm ist - hätte er doch anders entschieden! So bleibt am Ende sogar noch ein praktischer Tipp für das Publikum übrig: Vermeiden Sie Fehlentscheidungen! Stephan Kaufmann