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»L’Humanité« in arger Not

Droht einem Flaggschiff der linken französischen Presse das Aus?

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 4 Min.

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»A la Tete de l’ensemble des journaux et revues progressistes francais se trouve ›l’Humanité‹, Organe central du Parti Communiste Francais«, heißt es in einem Französischschullehrbuch, erschienen Anfang der 1970er Jahre, illustriert vom bekannten DDR-Karikaturisten Karl Schrader. Der Protagonist von »Bonjour, les amis«, Monsieur Brunot, Fabrikarbeiter bei Renault, und dessen Familie lesen selbstredend täglich das die Riege progressiver französischer Zeitungen und Zeitschriften anführende Zentralorgan der Kommunistischen Partei Frankreichs, das sich - wie weiter mitgeteilt wird - seit Anbeginn dem Motto seines Gründers Jean Jaurès verpflichtet fühle: »Le courage, c’est de chercher la vérité et de la dire.« Mut bedeutet, die Wahrheit zu suchen und sie auszusprechen. Dieses Lob entsprach wenig später freilich nicht mehr der offiziellen Sicht der SED auf die Bruderpartei und deren Blatt, das zu einem Forum des Eurokommunismus avancierte.

Die Lehrbücher wurden darob nicht eingestampft, die rauschenden und berauschenden Pressefeste der »L’Humanité« von Kollegen aus der DDR nicht gemieden. Noch in den 1990er Jahren sandte das »Neue Deutschland« Redakteure und Verlagsmitarbeiter an die Seine - eine Tradition, die leider in den letzten Jahren einschlief. Fraglich ist nun, ob es in diesem Jahr am zweiten Septemberwochenende überhaupt noch eine »Fête de l’Humanité« geben wird, die über Jahrzehnte weltberühmte Bands und Singer-Song-Writer wie Pink Floyd, The Who, Deep Purple, Stevie Wonder, Chuck Berry, Leonard Cohen oder Joan Baez zierten und bereicherten. Der »L’Humanité« droht ein Insolvenzverfahren.

Man kann und mag es sich nicht vorstellen, dass es »L’Huma«, wie die Zeitung von den Franzosen liebe- oder zumindest respektvoll genannt wurde, nicht mehr geben sollte. Das Blatt mit dem programmatischen Titel (Menschheit, auch: Menschlichkeit) blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. In der 1904 als Tageszeitung der französischen Sozialisten ins Leben gerufenen und 1923 von den Kommunisten übernommenen »L’Humanité« schrieben solch beeindruckende Persönlichkeiten wie der Jurist und Parlamentarier Jean Longuet, ein Sohn von Marxens ältester Tochter Jenny, der Friedensnobelpreisträger und einer der Väter der Paneuropa-Idee Aristide Briand sowie der Volksfront-Premier und Résistancekämpfer Léon Blum, zudem renommierte Schriftsteller und Philosophen, darunter Louis Aragon, Albert Camus und Jean-Paul Sartre. Brachte es »L’Humanité« bereits in der Zeit der Front populaire Mitte der 1930er Jahre auf 300 000 verkaufte Exemplare, so wurde nach dem Zweiten Weltkrieg fast die Schallmauer zur halben Millionen geknackt.

»L'Humanité« vertrat von Anfang an konsequent internationalistische, antimilitaristische und antikoloniale Positionen. Jaurés hatte unermüdlich vor dem ersten großen Weltenbrand des 20. Jahrhunderts gewarnt, weshalb er an dessen Vorabend dem Attentat eines militanten Nationalisten zum Opfer fiel. Mit Beginn der zweiten großen Tragödie in Frankreichs Geschichte, dem »blitz allemand«, dem »Blitzkrieg« Nazideutschlands gen Westen und dem Einmarsch der Wehrmacht in Paris, mussten Redaktion und Verlag in den Untergrund abtauchen. Nicht wenige Mitarbeiter und Autoren gaben im Kampf gegen die Okkupanten ihr Leben, so Gabriel Péri, der 1941 von den Nazis hingerichtet wurde. Andererseits brachte die Résistance spätere Redakteure der »L’Humanité« hervor, etwa Madeleine Riffaud, die als Jugendliche mit Freunden einen Panzerzug der Wehrmacht überfallen hatte und grausame Folterungen in Gestapo-Haft nur knapp überlebte. Sie wurde vor allem durch ihre aufrüttelnden Artikel gegen den französischen Indochina- und Algerienkrieg bekannt.

Fast 400 Nummern der »L’Huma« erschienen trotz Razzien und Repressalien der deutschen Aggressoren, jede Ausgabe ein Zeichen ungebrochenen Widerstandsgeistes. Die erste wieder offizielle Nummer der »L’Humanité« rief am 21. August 1944 zum Aufstand in Paris, fünf Tage später war die Hauptstadt befreit. Angesichts des hohen Blutzolls der Kommunisten in der Résistance genoss das Blatt nach dem Krieg hohes Ansehen, das indes ob der folgenden »Moskauhörigkeit« sukzessive bröckelte. Trauerbekundungen 1953 zum Tode Stalins entfremdeten die Zeitung selbst vielen überzeugten Kommunisten. Und die abwartende Distanz der Partei zu den 1968 in Frankreich rebellierenden Studenten hat der »L’Humanité« dann vor allem unter der Jugend einen Imageverlust beschert.

Seit 1994 (und damit etwas später als das »ND«) firmiert »L’Humanité« nicht mehr als »Zentralorgan«, nannte sich schlicht »Journal du PCF«; fünf Jahre darauf verzichtete sie im Kopf gänzlich auf einen Hinweis auf die Partei, mit der sie weiter verbandelt blieb. Nach der Millenniumswende spitzten sich die Finanzprobleme arg zu. Mittlerweile gehört sie nicht einmal mehr hälftig der KPF, Mitarbeiter, die »Gesellschaft der Freunde der ›L’Humanité‹« sowie einige private Aktionäre halten die übrigen Anteile. 2008 musste die hoch verschuldete Zeitung aus dem zwanzig Jahre zuvor eigens für sie errichteten prachtvollen Bau des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer ausziehen. Mehrere Solidaritätsappelle hielten das Blatt bis jetzt am Leben. In der vergangenen Woche nun sah sich der Herausgeber Patrick Le Hyaric genötigt, erneut einen Spendenaufruf zu verfassen.

Nun sind nach den Umbrüchen von 1989/90 etliche Parteiblätter verschwunden, haben sich umbenannt oder dümpeln nur noch vor sich hin. Das 1876 gegründete »Central-Organ der Sozialdemokratie Deutschlands«, der ruhmreiche »Vorwärts«, mutierte schon vor geraumer Zeit zu einem schmalbrüstigen Mitteilungsblatt für die Genossen. Indes, ein Verschwinden der »L’Huma« erscheint undenkbar. Undenkbarer als etwa ihrer jüngeren, russischen Bruderzeitung »Prawda«, die heute gar vom »Klassenfeind« mitfinanziert wird.

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