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Bayer ärgert Bayern

Der Titelverteidiger aus München erleidet beim 1:3 in Leverkusen einen Rückschlag

  • Von Andreas Morbach, Leverkusen
  • Lesedauer: 4 Min.

Als Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge gemeinsam dem Ausgang der Leverkusener Arena entgegen strebten, umgab die beiden Herren bleierne Stille. Nicht mal miteinander reden wollten der Präsident und der Vorstandschef des FC Bayern. Mit aufeinander gepressten Lippen, ihre Wintermäntel jeweils sorgsam über den Arm gelegt, schüttelten sie nur hier und da eine Hand - und warfen zwischendurch einen Blick auf einen der vielen Fernseher rundherum, in denen Niko Kovac gerade das 1:3 des Rekordmeisters bei Bayer 04 zu erklären versuchte.

Als der Münchner Trainer kurz darauf neben dem frechen Leverkusener Kollegen Peter Bosz (»Das war nicht unser bestes Spiel - die ersten beiden in der Rückrunde waren besser«) auf dem Podium saß, arbeitete er den Kardinalpunkt auf seiner Mängelliste heraus: die fehlende Kompaktheit in seinem Team, vorrangig in der zweiten Halbzeit. »Wir waren zu fahrlässig, dachten, das werden die Jungs da hinten schon meistern. Damit haben wir Leverkusen in die Karten gespielt«, wetterte Kovac, der nach dem bereits vierten Saisonspiel des FCB mit drei Gegentoren in punkto komplizierter Titelverteidigung den Alarmknopf drückte: »Hinten werden Meisterschaften gewonnen, vorne nur Spiele.«

Der Rückstand auf Dortmund ist auf sieben Zähler angewachsen - auch, weil der offensiv starke Kingsley Coman vor dem 2:1 durch Kevin Volland seinen Widerpart Mitchell Weiser ziehen ließ. »Es gibt eine klare Zuordnung, jeder muss mit seinem Spieler mitgehen«, betonte Kovac. Mit dieser nachlässigen Haltung verschleuderte seine Mannschaft ihre 1:0-Halbzeitführung - weil sie dem aggressiven Angriffspressing der Werkself Tür und Tor öffnete.

Königsklassengegner Liverpool beherrscht diesen brandgefährlichen Überfallfußball noch mal um ein bis zwei Klassen besser als Leverkusen. Am 19. Februar steigt an der Anfield Road das Achtelfinalhinspiel mit den »Reds« - doch die Bayern sind zwei Wochen zuvor weiter auf der Suche nach sich selbst. »Wir schaffen es nicht so wie in den vergangenen Jahren, dominant zu bleiben«, beklagte Nationalspieler Joshua Kimmich, der sagt: »Ich bin der Meinung, dass die Qualität absolut da ist. Aber wir können es oft genug nicht zeigen, wie stark wir sind.«

Bezeichnend: Als das vermeintliche 2:0 durch Robert Lewandowski in der Nachspielzeit der ersten Hälfte per Videobeweis einkassiert war, reagierten die Münchner bei Wiederanpfiff nicht mit kontrollierter Wut - sondern mit Sorglosigkeit. »Wir müssen den Gegner killen. Aber wir haben Leverkusen immer im Spiel gelassen«, monierte Kimmich, der auch sich selbst für zwei, drei unnötige Ballverluste kritisierte, ein immer wiederkehrendes Dilemma: Die einst unantastbaren Bayern lassen in dieser Runde selbst bei eigener Führung häufig Federn - in Leverkusen passierte ihnen das nach Leon Goretzkas 1:0 schon zum fünften Mal.

Bis zum ersten ultimativen Härtetest mit Liverpool spielt Kovacs Ensemble am Mittwoch im Pokal-Achtelfinale in Berlin, dazu in der Liga gegen Schalke und in Augsburg. Die Stimmung an der Säbener Straße ist nach den zwei Startsiegen im neuen Jahr wieder angespannter - wegen der gescheiterten Transfers von Wunschspielern wie Callum Hudson-Odoi oder Lucas Hernandez. Und wegen der Ungewissheit beim neuesten Rückschlag für Stammkeeper Manuel Neuer.

Auf die Frage nach den exakten Umständen und dem Ausmaß von dessen Handverletzung antwortete Sportdirektor Hasan Salihamidzic schräg: »Ich weiß es, aber ich sag’s nicht.« Trainer Kovac sprach von einer »Blessur«, dann kommentierte er den möglicherweise verzwickten Fall vage: »Wenn wir von fünf Monaten Pause sprechen, schreien alle. Wenn ich sage, es sind nur fünf Tage, denken alle, es wäre halb so wild.« Neuers Ersatzmann im Bayerntor, Sven Ulreich, der beim Ausgleich durch Leon Baileys direkt verwandelten Freistoß keine hundertprozentig gute Figur abgab und kurz vor Schluss - erneut nach Videobeweis - noch das 1:3 durch Lucas Alario kassierte, äußerte jedenfalls die Vermutung, er selbst werde am Mittwoch bei Hertha BSC wohl nicht wieder im Tor stehen. Dabei verriet der 30-Jährige auch, was Salihamidzic kurz zuvor noch zur geheimen Verschlusssache gemacht hatte: Manuel Neuer sei im Training »hängen geblieben« und einer seiner Finger »dann doch relativ dick geworden«. Die genaue Diagnose steht allerdings noch aus.

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