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Dunkle Seiten hat jede Seite

Eine neue, interessante Studie über Krieg, Repression und Terrorismus

  • Von Heinz-Dieter Winter
  • Lesedauer: ca. 4.0 Min.

Mit dem Zitat eines mittelalterlichen byzantinischen Kaisers über Islam und Gewalt hatte Papst Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede im September vergangenen Jahres in der islamischen Welt viel Kritik und sogar gewaltsame Proteste ausgelöst. Sahen doch viele Muslime darin eine Bestätigung ihrer Auffassung, dass der Westen prinzipiell antimuslimisch sei und der »Krieg gegen den Terror« sich gegen den Islam als angeblicher Herd terroristischer Gewalt richte. Sie seien seit den im Zeichen des Christentums erfolgten Kreuzzügen und kolonialen Eroberungen bis hin zu den heutigen Kriegen in Afghanistan und Irak Opfer westlicher Gewalt. Das Verhältnis des Papstes zu Muslimen hat sich inzwischen wieder normalisiert. Das Problem bleibt aktuell. Die Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt stecken weiterhin in einer ernsten Krise.
Der Duisberger Politikwissenschaftler Jochen Hippler, bekannt geworden auch durch Veröffentlichungen zum »Feindbild Islam«, plädiert für den Dialog, für Verständnis und eine Verbesserung der Beziehungen zwischen westlichen und muslimischen Ländern. Er erinnert an Kriege, Gewalt und Massaker, die die Geschichte der Menschheit prägten. Dabei ließen sich »keine prinzipiellen Unterschiede zwischen der Gewalttätigkeit in verschiedenen Ländern, Regionen oder Kulturkreisen feststellen«. Ausmaß und Form »variierten nicht so sehr nach den kulturellen oder religiösen, sondern nach politischen Kontexten«, konstatiert Hippler. Der Westen, der sich gerade gegenüber muslimischen Ländern »vor allem auf seine positiven Werte und Bezugspunkte wie die Aufklärung, die Menschenrechte, Demokratie, Säkularität und Toleranz« bestimme, dürfe »seine dunkle Seite«, seine Kriege und Massenmorde, nicht ausblenden. »Und so wie die arabisch oder die muslimisch geprägte Welt nicht einfach so tun könne, als hätte sie mit Massenmördern wie Usama bin Laden oder Saddam Hussein rein gar nichts zu tun, so kann auch der Westen seine kolonialen Verbrechen, seine Menschenverachtung, seine Hitlers oder Stalins nicht aus der eigenen Geschichte herausdefinieren.« Für jede Seite gelte, für sich selbst zu akzeptieren, »in sich widersprüchlich zu sein und über helle und dunkle Seiten zu verfügen«.
Hinsichtlich dramatischer Gewalt muslimisch geprägter Gesellschaften analysiert Hippler vier Beispiele: der Völkermord der Türken an den Armeniern Anfang des 20. Jahrhunderts, die Spaltung Pakistans 1970/71, die Massaker in Indonesien 1965 und Saddam Husseins Gewaltherrschaft. In allen vier Fällen hätten nicht »religiöse Quellen oder Ursachen« zu den Gewaltexzessen geführt, die Massaker seien im Kontext des Aufbaus, der Bewahrung oder Stabilisierung von Nationalstaaten, also im Zuge der »Modernisierung« der jeweiligen Länder zum Zweck der politischen, ethnischen oder religiösen Homogenisierung oder Unterwerfung begangen worden. Ungleichheit, Armut und damit verbundene sozialökonomische Probleme würden in gesellschaftlichen Umbruchsituationen und bei entsprechender Ideologie explosiv. Alle Religionen können ideologisch instrumentalisiert werden.
Losgelöst von der sozialen Realität sei »der Islam« politisch nicht relevant. Als deren ideologischer Ausdruck, Zuspitzung und Interpretationsrahmen könne er jedoch zu einer bedeutenden Macht werden. Die Religion an sich ist also nicht die Quelle der Gewalt, kann aber Artikulationsform politischer Kritik und Legitimationsquelle von - auch gewaltsamem - Widerstand sein. Terrorismus, so Hippler, sei »prinzipiell ein politisches - und kein kulturelles oder religiöses - Phänomen, das in ziemlich allen Gesellschaften vorgekommen ist oder vorkommen kann«.
Für die Charakterisierung palästinensischen Widerstandes ist die Feststellung des Autors wichtig, dass nicht jeder Angriff mit unkonventionellen Mitteln Terrorismus sei. Auch nicht jeder Selbstmordanschlag sei terroristisch. »Wenn solche Gewaltaktionen sich gegen fremde Soldaten oder andere bewaffnete Kräfte im Kontext eines Gewaltkonflikts - und nicht gegen Zivilisten - richten, tragen sie einen militärischen oder paramilitärischen Charakter.«
Wenn die Regierungen im Westen und im Nahen und Mittleren Osten Gewalt zukünftig verhindern oder zumindest einschränken wollen, müssten sich beiden Seiten um eine neue Politik bemühen. Der Westen müsse endlich die eigenen Forderungen nach Gewaltfreiheit, Demokratie sowie Einhaltung der Menschenrechte und des Völkerrechts ernst nehmen und zur Grundlage seiner Außenpolitik machen. Ebenso müssten sich die Länder des Nahen und Mittleren Ostens bemühen, ihr Gewaltniveau zu senken, die politischen Freiheitsrechte auszuweiten und die wirtschaftliche Situation der eigenen Bevölkerung zu verbessern. Es sei notwendig, dass die aufgeklärten und an friedlicher Außenpolitik interessierten Kräfte in Europa und Nordamerika noch stärker auf die eigenen Eliten einwirken, sich einer »Arroganz der Macht« zu enthalten.
Diese Studie ist von hohem politikberatenden Wert, der noch dadurch verstärkt wird, dass zwei prominente arabische Geisteswissenschaftler, Nasr Abu Zaid und Amr Hamzawy, mit Kommentaren vertreten sind, die wesentlichen politischen Schlussfolgerungen unterstützen, aber auch in einigen Fragen kontroverse Ansichten äußern.

Jochen Hippler: Krieg, Repression, Terrorismus. Politische Gewalt und Zivilisation in westlichen und muslimischen Gesellschaften. Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart. In Deutsch, Englisch und Arabisch. 509 S., br., kostenlos zu beziehen über das Institut, Charlottenplatz 17, 70173 Stuttgart, Fax: (0)711/2264346; auch als PDF-Datei unter: http://cms.ifa.de/fileadmin/content/publikationen/downloads/gewaltstudie_de.pdf

Mit dem Zitat eines mittelalterlichen byzantinischen Kaisers über Islam und Gewalt hatte Papst Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede im September vergangenen Jahres in der islamischen Welt viel Kritik und sogar gewaltsame Proteste ausgelöst. Sahen doch viele Muslime darin eine Bestätigung ihrer Auffassung, dass der Westen prinzipiell antimuslimisch sei und der »Krieg gegen den Terror« sich gegen den Islam als angeblicher Herd terroristischer Gewalt richte. Sie seien seit den im Zeichen des Christentums erfolgten Kreuzzügen und kolonialen Eroberungen bis hin zu den heutigen Kriegen in Afghanistan und Irak Opfer westlicher Gewalt. Das Verhältnis des Papstes zu Muslimen hat sich inzwischen wieder normalisiert. Das Problem bleibt aktuell. Die Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt stecken weiterhin in einer ernsten Krise.
Der Duisberger Politikwissenschaftler Jochen Hippler, bekannt geworden auch durch Veröffentlichungen zum »Feindbild Islam«, plädiert für den Dialog, für Verständnis und eine Verbesserung der Beziehungen zwischen westlichen und muslimischen Ländern. Er erinnert an Kriege, Gewalt und Massaker, die die Geschichte der Menschheit prägten. Dabei ließen sich »keine prinzipiellen Unterschiede zwischen der Gewalttätigkeit in verschiedenen Ländern, Regionen oder Kulturkreisen feststellen«. Ausmaß und Form »variierten nicht so sehr nach den kulturellen oder religiösen, sondern nach politischen Kontexten«, konstatiert Hippler. Der Westen, der sich gerade gegenüber muslimischen Ländern »vor allem auf seine positiven Werte und Bezugspunkte wie die Aufklärung, die Menschenrechte, Demokratie, Säkularität und Toleranz« bestimme, dürfe »seine dunkle Seite«, seine Kriege und Massenmorde, nicht ausblenden. »Und so wie die arabisch oder die muslimisch geprägte Welt nicht einfach so tun könne, als hätte sie mit Massenmördern wie Usama bin Laden oder Saddam Hussein rein gar nichts zu tun, so kann auch der Westen seine kolonialen Verbrechen, seine Menschenverachtung, seine Hitlers oder Stalins nicht aus der eigenen Geschichte herausdefinieren.« Für jede Seite gelte, für sich selbst zu akzeptieren, »in sich widersprüchlich zu sein und über helle und dunkle Seiten zu verfügen«.
Hinsichtlich dramatischer Gewalt muslimisch geprägter Gesellschaften analysiert Hippler vier Beispiele: der Völkermord der Türken an den Armeniern Anfang des 20. Jahrhunderts, die Spaltung Pakistans 1970/71, die Massaker in Indonesien 1965 und Saddam Husseins Gewaltherrschaft. In allen vier Fällen hätten nicht »religiöse Quellen oder Ursachen« zu den Gewaltexzessen geführt, die Massaker seien im Kontext des Aufbaus, der Bewahrung oder Stabilisierung von Nationalstaaten, also im Zuge der »Modernisierung« der jeweiligen Länder zum Zweck der politischen, ethnischen oder religiösen Homogenisierung oder Unterwerfung begangen worden. Ungleichheit, Armut und damit verbundene sozialökonomische Probleme würden in gesellschaftlichen Umbruchsituationen und bei entsprechender Ideologie explosiv. Alle Religionen können ideologisch instrumentalisiert werden.
Losgelöst von der sozialen Realität sei »der Islam« politisch nicht relevant. Als deren ideologischer Ausdruck, Zuspitzung und Interpretationsrahmen könne er jedoch zu einer bedeutenden Macht werden. Die Religion an sich ist also nicht die Quelle der Gewalt, kann aber Artikulationsform politischer Kritik und Legitimationsquelle von - auch gewaltsamem - Widerstand sein. Terrorismus, so Hippler, sei »prinzipiell ein politisches - und kein kulturelles oder religiöses - Phänomen, das in ziemlich allen Gesellschaften vorgekommen ist oder vorkommen kann«.
Für die Charakterisierung palästinensischen Widerstandes ist die Feststellung des Autors wichtig, dass nicht jeder Angriff mit unkonventionellen Mitteln Terrorismus sei. Auch nicht jeder Selbstmordanschlag sei terroristisch. »Wenn solche Gewaltaktionen sich gegen fremde Soldaten oder andere bewaffnete Kräfte im Kontext eines Gewaltkonflikts - und nicht gegen Zivilisten - richten, tragen sie einen militärischen oder paramilitärischen Charakter.«
Wenn die Regierungen im Westen und im Nahen und Mittleren Osten Gewalt zukünftig verhindern oder zumindest einschränken wollen, müssten sich beiden Seiten um eine neue Politik bemühen. Der Westen müsse endlich die eigenen Forderungen nach Gewaltfreiheit, Demokratie sowie Einhaltung der Menschenrechte und des Völkerrechts ernst nehmen und zur Grundlage seiner Außenpolitik machen. Ebenso müssten sich die Länder des Nahen und Mittleren Ostens bemühen, ihr Gewaltniveau zu senken, die politischen Freiheitsrechte auszuweiten und die wirtschaftliche Situation der eigenen Bevölkerung zu verbessern. Es sei notwendig, dass die aufgeklärten und an friedlicher Außenpolitik interessierten Kräfte in Europa und Nordamerika noch stärker auf die eigenen Eliten einwirken, sich einer »Arroganz der Macht« zu enthalten.
Diese Studie ist von hohem politikberatenden Wert, der noch dadurch verstärkt wird, dass zwei prominente arabische Geisteswissenschaftler, Nasr Abu Zaid und Amr Hamzawy, mit Kommentaren vertreten sind, die wesentlichen politischen Schlussfolgerungen unterstützen, aber auch in einigen Fragen kontroverse Ansichten äußern.

Jochen Hippler: Krieg, Repression, Terrorismus. Politische Gewalt und Zivilisation in westlichen und muslimischen Gesellschaften. Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart. In Deutsch, Englisch und Arabisch. 509 S., br., kostenlos zu beziehen über das Institut, Charlottenplatz 17, 70173 Stuttgart, Fax: (0)711/2264346; auch als PDF-Datei unter: http://cms.ifa.de/fileadmin/content/publikationen/downloads/gewaltstudie_de.pdf


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