Diplom-Spion

Der Bundesnachrichtendienst zieht nach Berlin - sein Ausbildungsgang für Agenten bleibt in München

  • Von Rudolf Stumberger
  • Lesedauer: 4 Min.

In den 1970er Jahren galt München als die »heimliche Hauptstadt« der Bundesrepublik. De facto war die Stadt damals jedenfalls bereits die Hauptstadt der Heimlichtuer: Das reichte von der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) im nahen Pullach über die CIA-Dependancen bei Radio Liberty und Radio Free Europa bis zu der Funkanlage des Bundesnachrichtendienstes im Nordturm der Münchner Frauenkirche. Doch das oberbayerische Geflecht der geheimen Nachrichtendienste hat sich inzwischen im Zuge des Teil-Umzugs des BND nach Berlin etwas entflochten. So ist die Fachhochschule für Spione, bisher an der Wasserburger Straße 43 in Haar bei München untergebracht, nun in einen Flachbau neben der neuen Berliner BND-Zentrale umgesiedelt. Dafür wurde allerdings an der Bundeswehrhochschule in Neubiberg ein zweijähriger Studiengang »Master in Intelligence and Security Studies« eingerichtet.

»Mögliche Tätigkeiten nach der Ausbildung sind regionale und themenspezifische Analysetätigkeit«, »das nachhaltige Überzeugen von Menschen im In- und Ausland zur Mitarbeit« und »Informationsgewinnung unter interkulturellen Aspekten«, erläutert die Hochschule des Bundes auf ihrer Webseite das Berufsbild des Diplomstudiengangs Nachrichtendienste.

Bisher wurden die angehenden Diplom-Spione in Haar ausgebildet. Dort findet sich unter der Hausnummer Wasserburger Landstraße 43 ein fast 20 000 Quadratmeter großes Areal mit sechs Gebäuden, die in den Jahren 1937 bis 1939 als Kaserne für eine motorisierte Gendarmerie-Bereitschaft gebaut worden waren. Irgendwann in den 1970er Jahren ist dann der BND mit seiner Hochschule eingezogen und das Gelände wurde zum Sperrgebiet erklärt. Vermittelt wurden dort »Nachrichtendienstliche Fach- und Methodenkompetenz, eine Nachrichtendienstspezifische interdisziplinäre Denk- und Analysefähigkeiten, Teamfähigkeit und interkulturelle Kompetenz«. Heute residiert die Fachhochschule in Berlin, die Gebäude bei München stehen leer.

Doch mit dem neuen Studiengang an der Bundeswehrhochschule in Neubiberg bleibt dem süddeutschen Raum der Spionage-Nachwuchs erhalten. An der Hochschule existiert bereits das »Center for Intelligence and Security Studies«, »eine interdisziplinäre hochschulartenübergreifende Forschungsplattform«, die Lehre und Forschung »unter Beachtung gesetzlicher und betriebswirtschaftlicher Rahmenbedingungen« fördert. Hinzugekommen ist nun seit Anfang 2019 MISS, »Master in Intelligence and Security Studies«.

Der Studiengang arbeitet mit der Berliner Fachhochschule zusammen, im Studium werden »sicherheitsrelevante Sachverhalte, Probleme und Entwicklungen aus verschiedensten wissenschaftlichen Perspektiven aufgegriffen«, etwa Rechtswissenschaft, Psychologie, Politikwissenschaft, Informatik, Geschichtswissenschaft und Soziologie. Das Studium vermittelt auch wirtschafts-, medien- und kulturwissenschaftliche Inhalte sowie »nachrichtendienstliche und militärische Praxis«.

Geforscht werden soll an CISS und MISS zum Beispiel an einem »System Krisenfrüherkennung«. Dazu sagte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen bei der Bundeswehrtagung in Berlin im Mai 2018: »Unser Militärisches Nachrichtenwesen wird künftig über ganz neue Möglichkeiten für die Lagebeurteilung verfügen«, so die Politikerin. Das Recherchieren und Sortieren von Informationen werde künftig ein IT-System übernehmen. Dieses solle bestimmte Informationen auf einer Lagekarte auch visualisieren. Inhaltliche und räumliche Zusammenhänge würden dadurch erkennbarer, Netzwerkstrukturen nachvollziehbarer. »Damit ist die echte Analysearbeit unserer Spezialistinnen und Spezialisten auf eine ganz andere Grundlage gestellt«, so Ursula von der Leyen.

Und wenn künftig die Prognosetechniken durch Verfahren der Künstlichen Intelligenz noch weiter untermauert werden könnten, »dann werden wir entstehende Krisen früher erkennen und darauf reagieren können«, sagte die Ministerin.

Auch Österreich hat eine universitäre Forschungsstelle in Sachen Geheimdienste, nämlich das »Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies«. Die Einrichtung ist ein an die Karl-Franzens-Universität Graz angelehntes, »international ausgerichtetes Forschungs- und Kompetenzzentrum, das sich der Erforschung, Untersuchung und Analyse der drei Bereiche Intelligence, Propaganda und Sicherheit verschrieben hat«, so die Selbstbeschreibung.

Die Forschungsstelle gibt einen regelmäßigen Newsletter heraus, in dem man sich über die internationale Geheimdienstszene informieren kann, sowie ein Magazin, das »Journal for Intelligence, Propaganda and Security Studies«. Darin kann man sich über Themen wie »Das Fingerabdruckverfahren als Überwachungsfantasie zwischen Ausweitung und Widerstand«, »Die Rote Elite, von der Spetsnaz-Hysterie der 1980er Jahre bis heute« oder über »Nationalsozialistische und rechtsextreme Propaganda in Computerspielen - Ein kritischer Überblick« informieren.

Manche Artikel beschäftigen sich auch mit dem Wirken des »Ministeriums für Staatssicherheit« der DDR, das ja auch eine eigene juristische Hochschule unterhielt. Einige der dort geschriebenen Abschlussarbeiten hätten aber nur wenige Seiten umfasst, bemängelte 2013 der brandenburgische Grünen-Fraktionschef Axel Vogel. Die Masterarbeit an der Bundeswehr-Hochschule in Neubiberg soll im MISS-Studiengang mindestens 100 Seiten umfassen.

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