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Dorf-Apokalypse

Daniel Odija führt in die Provinz

  • Von Fokke Joel
  • Lesedauer: ca. 2.0 Min.
Die Namen in diesem Roman erinnern an die Bibel. Der Besitzer des Sägewerks heißt Jósef Mysliwski und seine Frau Maria. Auch wirkt die Erzählung, die in der Zeit nach 1989 in einem polnischen Dorf spielt, in ihrer Drastik ähnlich archaisch wie die Geschichten aus dem Buch der Bücher. Doch scheint der Roman - im Gegensatz zum christlichen Text - nur den Sinn zu haben: die Sinnlosigkeit des Lebens in dieser vergessenen Welt deutlich zu machen. Von der Transzendenz der heiligen Schrift scheint nur das wie ein Ritual in den Kapitelüberschriften wiederholte »und nicht nur« geblieben zu sein: »Luft und nicht nur«, »Sägewerk und nicht nur«, »Fliegen und nicht nur«. Es ist, als könnten sich die Menschen in diesem Buch nur ganz kurz über die Dinge erheben - manche in ihrer Jugend, manche in der Gewalt, manche nur im Wahnsinn - um ihnen dann wieder willenlos ausgeliefert zu werden. Aber darin, das spürt der Leser, besteht ihr Menschsein. Und in der Angst: »Doch nachts rufen die Felder Ängste wach, die einen nicht atmen lassen. Denn vor uns und hinter uns ist es leer, und über dem Kopf befindet sich ein Raum, den unsere Vorstellung fürchtet, und die Füße stehen auf der Erde, die es seit jeher nach uns gelüstet.«
Jósef Mysliwski, dem das Arbeiten im Gegensatz zu den Anderen »nichts ausmacht«, hat sich nach der Wende ein Sägewerk aufgebaut und ist zum lokalen Oligarchen geworden. Ein Mensch, der nur im Wodka oder bei seiner Geliebten zur Ruhe kommt. In seinem viel zu großen Haus schlägt er seine Frau und verachtet seinen Sohn. Heimatlosigkeit verkörpert sich in Alek, einem von Mysliwskis Arbeitern, der schon in Amerika war. Der aber zurückgekehrt ist, weil er am polnischen Dorf klebt wie die Fliege am Fliegenfänger. »Bei den Polen kommt in Amerika der echte Pole zum Vorschein. Der würde seine eigene Frau als Hure verkaufen, seinen Freund für den Organhandel und sich selber für ein paar grüne Scheine!, sagte Alek seufzend und ließ den nächsten Schluck Wodka glatt durch die Kehle rinnen.«
Die Frage, warum man das alles liest, stellt sich beim Lesen nicht. Zu groß ist der Sog der Geschichte, die Faszination dieser Dorf-Apokalypse. Bei Odia fehlt der zuweilen romantisierende Ton von Andrzej Stasiuks »Die Welt hinter Dukla«, einem Roman, der ebenfalls in der ländlichen polnischen Provinz spielt. »Das Sägewerk« ist in einer nüchternen, fast emotionslosen Sprache geschrieben, der man den Aufschrei über die Verhältnisse anmerkt.

Daniel Odija: Das Sägewerk. Roman. Aus dem Polnischen von Martin Poll...

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