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Erlösung von Zeit

Gerald Zschorsch war in Czerwonka

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: ca. 2.5 Min.
Czerwonka ist ein Tausendseelendorf in der Region Warmia, die im einstigen Ostpreußen Ermland hieß. Und nach dem Ort benannt ist zugleich eine Bahnstation, wo heute gelegentlich sogar internationale Züge halten auf dem Weg von Paris nach St. Petersburg. Das erfährt man aus dem »Nachwort« von Artur Becker, das eigentlich eine Geschichte für sich ist: darüber, wie er in dieser Gegend aufwuchs und dann nach Deutschland übersiedelte. Die polnische Staatsbürgerschaft aufzugeben, machte ihm nichts aus. Er wunderte sich nur, als er mal für eine Reise nach Krakow ein polnisches Visum brauchte. Seine Rückfahrt verschob er, als er im »Café Europejska« einen »Deutschen« traf, der ihn zu einer gemeinsamen Fahrt in die Masuren überredete. Bis nach eben jenem Czerwonka, zum Dadajsee und nach Bartoszyce, wo Artur Becker geboren worden war und wo seine Großmutter noch lebte.
Ob dieser »Deutsche« der Dichter Gerald Zschorsch war, wir mögen es vermuten. Sie haben lange Gespräche geführt, gelacht, auch mal ein Bier zusammen getrunken. Aber Zschorsch hat eine Erzählung verfasst, als ob er in fremd-vertrauter Umgebung ganz allein gewesen wäre, als ob er dort nicht hätte einen Ort zum Übernachten suchen oder etwas essen müssen. Als ob er sich nur staunend der Landschaft hingegeben hätte. - Und diese Erzählung ist wunderschön.
Sie liest sich so, dass sich bei einem selbst der Puls verlangsamt. Man möchte die Augen schließen, die Worte des Dichters in sich aufnehmen und dann, gestärkt, selber in den Himmel über den Baumkronen blicken. Im Text ist tiefes Durchatmen und Atemanhalten zugleich, weil man verblüfft ist, wie hier aus Buchstaben Bilder und Empfindungen werden. Ein Gedicht in Prosa, ganz aus der Beobachtung von Natur entstanden - und einer Sehnsucht, die man selbst nur allzu gut kennt.
»Weiher, Tümpel, Teich Raum unter ständigem Wind und Alleen ohne Mitten. Da wachsen Eichen und Linden und Kastanien oben zusammen und bilden Dome von sonderbarer Schönheit ... Die Augen schmerzen; sie sind solche Panoramen nicht gewöhnt. Und der Kopf ist trunken und das Herz « Solcherlei Sätze sind hier aneinandergereiht. Der Dichter lässt sich überwältigen, darf seinen »Traum von Geborgen- und Gelassenheit« leben. »Raumbotschaft, Traumbotschaft einer irritierten Seele, in welcher Gnade mitschwingt. Erlösung von Zeit, und sei es in kleinen Schüben «
Frieden - im historischen wie im psychologischen Sinne - das ist es, was zu erlangen ist. Was da mitunter wie Schwärmerei aussieht, hat Hintersinn. Ratte und Biber, Kohlweißling, Zitronenfalter, Pfauenauge »Was fehlt sind Elfen, Einhorn und Zwerg. Menschen vielleicht.« - Doch, da ist einer! Er liegt auf der Straße im Trainingsanzug, ein blutendes Mal auf der Nase, und beim Vorbeifahren fällt auf, dass der Mund spricht Da ist plötzlich die Harmonie zerbrochen. Man spürt beim Lesen einen Stich, und der Autor mag überlegt haben, ob er diese Episode im Text lassen soll. Er hatte den Mut.
Ein deutscher Romantiker auf Reisen, ein freier Mann. Von einer eventuellen fernen biografischen Bindung des 1951 in Elsterberg/ Vogtland Geborenen ans Ostpreußische ist nichts zu merken. Dagegen hat Artur Becker etwas von sich abzuschütteln - und sei es den Geruch von muffigen Decken, der ihn erinnert an eine längst vergangene Zeit. Dennoch hat er seine Erzählung »Chmury« - Wolken - genannt. Denn als er Kind war, hatten sie am Dadajsee mit ihm gesprochen, ihn beim Namen genannt.

Gerald Zschorsch. Czerwonka. Mit einem Nachwort von Artur Becker...

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